Bevölkerung zeigt große Solidarität

Erste Flüchtlinge angekommen: Überwältigende Hilfsbereitschaft

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Feldbetten auf blankem Beton: Die alte Druckerei in Neu-Isenburg wird zur vorübergehenden Zuflucht für 700 Menschen. Das Bild entstand am Samstagmittag noch während des Aufbaus – mittlerweile sorgen Trennwände zwischen den Blöcken für etwas mehr Rückzugsraum. Fotos der belegten Halle wird es mit Rücksicht auf die Flüchtlinge zunächst nicht geben.

Neu-Isenburg Was in den vergangenen Tagen in Neu-Isenburg vollbracht wurde, sucht seinesgleichen. Erst am Donnerstag ist klar: Die Stadt wird 700 Flüchtlinge aufnehmen. Als am Wochenende die ersten Flüchtlinge ankommen, erwartet sie eine nie dagewesene Welle der Hilfsbereitschaft. Von Barbara Hoven

Feuerwehren, THW und Rettungskräften der Region gelingt es gemeinsam mit Katastrophenschützern von Land und Kreis innerhalb von 24 Stunden, Schlafplätze, Sanitäranlagen, ärztliche Versorgung und eine Essensausgabe für 700 Flüchtlinge herzurichten. Noch am Samstag – früher also als erwartet – treffen die ersten Busse mit insgesamt 120 Menschen in Neu-Isenburg ein, auch am Sonntag überschlagen sich die Ereignisse. Hunderte Flüchtlinge finden nun bereits Dach und Bett in der Not. Eine Chronologie der Geschehnisse, die die Stadt in den Ausnahmezustand versetzt und eine Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst haben, die alle räumlichen und personellen Kapazitäten sprengt.

SAMSTAG, 11 UHR: Kurz bevor ein kleiner Tross von Journalisten Zutritt erhält, um sich ein Bild von den letzten Vorbereitungen für die Ankunft der ersten Flüchtlinge im Neu-Isenburger Erstaufnahmelager zu machen, hält schon wieder ein Auto vor der Einfahrt. Eine Frau steigt aus, will wissen, ob man etwas tun oder besorgen könne für die Neuankömmlinge. Das Sicherheitspersonal, das nun rund um die Uhr den Zugang zum Gelände an der Rathenaustraße kontrolliert, muss ablehnen. Rein dürfen nur die Helfer und das betreuende Personal. Sachspenden vor Ort anzunehmen, das lässt die Logistik nicht zu. In der Stadtverwaltung ist man bereits damit beschäftigt, die vielen ehrenamtlichen Hilfsangebote zu koordinieren – nicht ahnend, dass bereits am Sonntagmorgen der Spendenwille so groß sein wird, dass er die Helfer vor Probleme stellt.

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Irgendwas möchte Inge Manus trotzdem tun. Seit vielen Jahren ist die SPD-Stadtverordnete bei der Flüchtlingshilfe aktiv. Wenigstens ein Zeichen des Willkommens will sie nun setzen – und wenn es nur Luftballons sind. „Wir waren Freitagabend sehr berührt, nachdem wir in der Halle waren“, erzählt sie vom Ortstermin für Parlamentarier. Deshalb steht Manus an diesem Samstagmorgen hier am Zaun, friemelt bunte Ballons auseinander – und ein junger Mann vom Sicherheitsdienst pustet spontan mit. Auch die „Herzlich willkommen in Neu-Isenburg“-Schilder finden ihren Platz an der Schranke. Vor allem für die Kinder wolle sie so schnell wie möglich Angebote organisieren, sagt die ehemalige Grundschullehrerin Manus. „Aber wir wissen ja noch gar nicht, ob die Flüchtlingshilfe überhaupt rein darf.“

Helfer geleiten die Flüchtlinge in das neue Lager, eine Außenstelle der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen.

Drinnen ging es in den zurückliegenden Stunden darum, die riesige Halle zu säubern, Schwachstellen im Betonboden auszubessern, 700 Feldbetten aufzustellen, ein provisorisches Büro zur Ersterfassung und eine Art Leitstelle einzurichten – all das ist ein Kraftakt. Trotzdem läuft alles reibungslos, auch weil alle Beteiligten Hand in Hand arbeiten. Unmittelbar, nachdem am Donnerstag der Standort bekannt war, hatten die Helfer losgelegt. 200 Freiwillige seien es allein am Freitag gewesen, davon 130 Feuerwehrleute aus dem gesamten Kreis, sagt Kreisbrandinspektor Ralf Ackermann, der auch für den Katastrophenschutz zuständig ist. Der enge Zeittakt sei „schon eine besondere Situation“. Wo noch etwas fehlt, wird auch Samstagvormittag noch immer gerollt, geschleppt, gehievt. Es rumpeln Transportboxen umher. Stahltreppen, die in die Halle führen, werden kurzerhand weggeflext. Piktogramme weisen nun den Weg zu Toiletten oder Duschräumen. Nötigstes wie Windeln, Babynahrung, Seife und Toilettenpapier will herbeigeschafft sein. Rotkreuzler installieren im gleißenden Licht von Scheinwerfern derweil Tische für die Essensausgabe. Gekocht wird vor Ort jedoch nicht, dreimal am Tag werden die Mahlzeiten angeliefert.

„Wir sind betriebsbereit“, kann Ackermann vermelden. Es ist jetzt Samstagmittag. Wann die ersten Busse mit Flüchtlingen eintreffen, ist zu diesem Zeitpunkt noch völlig unklar. 100 Personen kommen heute, schätzen die einen. 700 sind für heute bereits angekündigt, haben andere gehört.

SAMSTAG, 19.45 UHR: Die ersten beiden Reisebusse rollen aufs ehemalige Rundschau-Gelände. Einmal steigen 74, einmal 60 Menschen aus. Die meisten stammen aus Afghanistan, einige aus Syrien, Somalia und Irak. Auch kleine Kinder sind dabei. Was nach der Ankunft passiert, folgt einem streng vorgegebenen Ablauf: „Zuerst die Security-Kontrolle, dann eine ärztliche Untersuchung, drittens die Registrierung, dann die Ausgabe eines Hygiene-Pakets und schließlich die Zuordnung zum Feldbett“, listet Ackermann auf.

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Welle der Hilfsbereitschaft

Und dann? Vermutlich erst einmal zur Ruhe kommen. Schlafen. „Am dringendsten werden Freiwillige benötigt, die bereit sind, ihre Zeit zu spenden, um Aktionen oder Treffen außerhalb der Notunterkunft anzubieten – gebraucht werden Angebote, die den Neuankömmlingen helfen, den Tag zu strukturieren“, erklärt Neu-Isenburgs Bürgermeister Herbert Hunkel. Sport könne so eine Möglichkeit sein, auch ein Fest, „in Bensheim haben sie eine Art Schulzelt aufgebaut und die Kinder sind begeistert“, erzählt Nicole Ohly-Müller. Die Pressesprecherin vom Regierungspräsidium (RP) Darmstadt hat jüngst einige Termine wie diesen absolviert. „Drei Erstaufnahmeeinrichtungen in vier Wochen“ habe das Land Hessen nun bereits aus dem Boden gestampft – als Dependancen des überquellenden Lagers in Gießen. Eine provisorische Zeltstadt in Bensheim, Zelte sowie feste Unterkünfte in Darmstadt für jeweils 600 Menschen – und nun Neu-Isenburg.

Bilder: Einblicke in Unterkunft für Flüchtlinge in Neu-Isenburg

Den Betrieb an der Rathenaustraße stemmt in den ersten Tagen das Regierungspräsidium mit Unterstützung der Hilfsorganisationen. Parallel dazu läuft die Suche nach einem Betreiber, der die Unterkunft verwaltet sowie Catering, Sozialbetreuung, Koordination und Ansprechbarkeit rund um die Uhr gewährleistet. In Bensheim und Darmstadt hat diese Aufgabe das DRK übernommen. Die Bewohner erhalten ihr Essen an einer zentralen Ausgabe. Die Duschen und Toiletten, die im Keller unter den Hallen noch aus Druckerei-Zeiten vorhanden sind, benutzen sie gemeinsam. Auch draußen im Hof gibt es weitere Sanitätscontainer.

SONNTAG, 10.30 UHR: Eine Mail der Isenburger Feuerwehr geht rum. „Bitte momentan keine Sachspenden mehr“ lautet der Betreff. Die erwartete Ankunft von Hunderten Flüchtlingen habe dazu geführt, dass seit dem frühen Morgen unzählige Menschen zum Feuerwehrhaus kommen und so viele Kleidungsstücke, Stofftiere, Spielzeug und Essen bringen, dass die Wehr dazu aufrufen muss, vorerst von weiteren Sachspenden abzusehen. „Die Hilfsbereitschaft ist überwältigend, aber wir haben unsere Kapazitätsgrenze erreicht”, sagt Wehrsprecher Andreas Kronhart. Kurzerhand hat die Stadt derweil den Dienstleistungsbetrieb (DLB) um Unterstützung gebeten. „20 Freiwillige sind nun auf dem DLB-Gelände und sortieren die Spenden“, berichtet der Bürgermeister. Jede Hilfe sei natürlich hoch willkommen. Hunkel bittet die Spender jedoch, ihre Gaben erst einmal bei sich aufzubewahren, bis die Hilfe in effektive Bahnen gelenkt werden kann.

SONNTAG, 13 UHR: Seit Stunden stehen immer wieder Kameraleute und Menschen, die Hilfe anbieten wollen, vor den Zäunen an der Rathenaustraße. Muhammed Saqib Khan, der 1989 als Vierjähriger selbst als Flüchtling nach Deutschland gekommen ist, hat gar die ganze Nacht dort ausgeharrt. Mit bunter Kreide malt der 30-Jährige, der mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat und in Offenbach lebt, einen Willkommensgruß auf die Straße. „Last man standing“ haben die Sicherheitsleute ihn eben getauft – weil er auch in den zwei Stunden am Samstag geblieben ist, als der Regen den Bürgersteig für einen Augenblick leergefegt hatte. „Wir müssen einfach zeigen, dass die Flüchtlinge, die so oft weggestoßen wurden, hier willkommen sind“, sagt Saqib Khan.

Das Gespräch wird plötzlich unterbrochen. Wieder rollen zwei Busse an, viele Bürger begrüßen die Hilfesuchenden klatschend und winkend. Die Busse werden derweil zügig hinter die Schranke gelotst und abgeschirmt. „Insgesamt 100 Menschen sind gerade eingetroffen“, erklärt Dieter Ohl, ebenfalls RP-Pressesprecher, „die meisten sind Syrer“. Neu-Isenburg ist nun wenigstens für einen Moment die letzte Etappe einer langen Reise, die sie in den vergangenen Tagen und Stunden zumeist aus Ungarn und über München und Gießen, wo sie in der Hauptstelle der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung registriert wurden, hergebracht hat.

Bilder: Flüchtlinge am Hauptbahnhof

SONNTAG, 13.30 UHR: Stefan Grüttner ist nun vor Ort, um Flüchtlinge zu begrüßen und ein Statement für die Presseleute abzugeben. Der hessische Sozialminister dankt allen Helfern für die „enorme Leistung“ der vergangenen Stunden. Er appelliert aber auch an die Bundesregierung, Hilfe zu leisten, denn Länder, Kommunen und Kreise kämen an ihre Grenzen. Kreisbrandinspektor Ackermann kann indes die gute Nachricht vermelden, dass sich auf einen Aufruf hin genügend Ärzte aus der Region gemeldet haben. Die meisten Neuankömmlinge, die ärztliche Hilfe benötigen, würden wegen Husten, Heiserkeit und Schnupfen behandelt, so Ackermann.

SONNTAG, 14 UHR: Schon rollen die nächsten Busse an. Das werde wohl den ganzen Nachmittag so gehen, sagt Ohl. Wann die für 700 Menschen ausgerichtete Isenburger Unterkunft voll belegt sein wird, kann auch gestern Nachmittag niemand mit Gewissheit sagen. „Das hängt von der Situation in der Aufnahmeeinrichtung in Gießen ab“, erklärt der Sprecher des Regierungspräsidiums. Auch woher die Flüchtlinge genau kommen oder welche Entbehrungen hinter ihnen liegen, weiß noch niemand. Aber man müht sich nach Kräften, ihnen eine menschenwürdige Unterkunft zu bieten.

Infotelefon und Spendenkonto

Spenden werden im DLB-Betriebshof in der Offenbacher Straße 176 gesammelt – und sollten auch nur dort abgegeben werden. Aus hygienischen Gründen können keine Lebensmittel angenommen werden. Die neue Adresse der Spendenannahme gilt bis einschließlich Mittwoch, 9. September. Auch ein Spendenkonto für die Flüchtlingshilfe ist eingerichtet: DRK Spendenkonto Flüchtlingshilfe Offenbach. IBAN: DE23505500200000171719 BIC: HELADEF10FF (Offenbach am Main) Bank: Städtische Sparkasse Offenbach

Da die Situation auch für die Isenburger Bürger völlig neu ist, hat die Stadt ab heute während der normalen Dienstzeiten im Rathaus ein Infotelefon eingerichtet. Bürger können sich mit Fragen und Hilfsangeboten unter 06102/241509 melden. Zusätzlich können per E-Mail unter fluechtlinge@stadt-neu-isenburg.de Fragen gestellt, Anregungen gegeben und Hilfsangebote gemacht werden. 

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