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Fachkräfte machen auf Missstände in Altenpflege aufmerksam

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Bewohner und Mitarbeiter von Pflegeeinrichtungen in Neu-Isenburg suchten gestern das Gespräch mit Passanten, darunter auch Günther Schlott (rechts), Leiter des Altenpflegeheimes „An den Platanen“. Sie fordern eine würdevolle Pflege.(c)Foto: Postl
Bewohner und Mitarbeiter von Pflegeeinrichtungen in Neu-Isenburg suchten gestern das Gespräch mit Passanten, darunter auch Günther Schlott (rechts), Leiter des Altenpflegeheimes „An den Platanen“. Sie fordern eine würdevolle Pflege. © Postl

Offenbach/Neu-Isenburg - Die Situation in der Altenpflege ist anhaltend kritisch: Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt, bundesweit fehlen Fachkräfte, und die Finanzierung ist nach wie vor nicht ausreichend. Von Harald Richter

In Offenbach haben Mitarbeiter am bundesweiten Aktionstag Altenpflege Bilanz gezogen. In Neu-Isenburg gingen Betroffene auf die Straße. „Wer gut pflegen will, braucht mehr Zeit“, ist Susanne Hesel überzeugt. Für die Leiterin des Anni-Emmerling-Hauses, eine Einrichtung des Evangelischen Kirchengemeindeverbandes Offenbach, ist es ein Unding, wenn fürs Begleiten eines Patienten zum Toilettengang nur drei Minuten veranschlagt sind. „Das ist arg knapp bemessen. Man könnte etliche Leistungen aufzählen, bei denen Papierformel und Alltagspraxis weit auseinander liegen.“

Bereits vor einem Jahr hatten Dutzende von Mitarbeitern und angehende Fachkräfte auch in Offenbach mit einem Aktionstag auf Missstände in der Altenpflege aufmerksam gemacht. Ihre Bilanz fällt zwiespältig aus: „Einerseits hat sich mit Inkrafttreten des Pflegestärkungsgesetzes zum 1. Januar die Situation in der stationären Altenpflege durch einen neuen Betreuungsschlüssel gebessert“, erkennt Pfarrer Martin Barschke, Geschäftsführer des Vereins für Innere Mission. „Auch ließ sich etwa durch teilstationäre Angebote die ambulante Pflege intensivieren.“ Andererseits sei das bürokratische Gestrüpp dichter geworden, was im Zusatzaufwand bei den Dokumentationspflichten sichtbar werde.

Verbesserungen und Defizite hielten sich die Waage

Das bestätigt Peter Potorski vom Vorstand des Kirchengemeindeverbandes. „Rechnerisch geht jede fünfte Stelle im Personalbestand unserer Einrichtungen für die Erledigung administrativer Aufgaben drauf.“ Da hilft es auch nicht, dass durch die Gesetzesnovelle etwa im Anni-Emmerling-Haus die bisherigen zwei Vollzeitstellen auf dem Betreuungssektor verdoppelt werden konnten. Dort kümmern sich 54 Beschäftigte um 80 Pflegebedürftige. 78 weitere leben in der angrenzenden Altenwohnanlage. Insgesamt versorgt der Verbund, zu dem auch das Elisabeth-Maas-Haus sowie die Diakoniestation Offenbach gehören, 460 Menschen. 132 Mitarbeiter sind in Beratung, ambulanter und stationärer Pflege tätig.

Verbesserungen und Defizite halten sich auch nach Einschätzung von Martina Desch, Leiterin der Diakoniestation, die Waage. Positiv bewertet sie Fortschritte bei der Verhinderungs- und Kurzzeitpflege. „Unabhängig von der Pflegestufe bekommen Bedürftige für jede dieser Leistungen mehr Geld, statt vormals 1550 Euro jetzt 1612. Und sie können beides miteinander kombinieren.“ Allerdings bedeute das auch wieder mehr Papierkram. Zudem hätten die Pflegekassen es größtenteils versäumt, den Versicherten die Neuerungen schlüssig zu erläutern. „Unter den etwa 120 von uns betreuten Menschen waren nur zwei, die Post von ihrer Pflegekasse bekamen“, moniert sie und setzt noch eins drauf: „Ihrer Informationspflicht kommt eine Pflegekasse kaum vernünftig nach, wenn sie einem hochbetagten Versicherten dazu rät, sich die App mit den Hinweisen aufs Smartphone runterzuladen.“

Martin Barschke hofft, dass in den 2017 in Kraft tretenden zweiten Teil des Gesetzes ein überarbeiteter Pflegebedürftigkeitsbegriff hineingeschrieben wird. Konkret würde das bedeuten, nicht mehr zwischen körperlichen, geistigen und psychischen Defiziten eines Menschen zu unterscheiden. Ausschlaggebend sei der Grad der Selbstständigkeit, den eine Person erreichen kann. Nutznießer wären vor allem Menschen mit Demenz, die noch kein körperliches Handicap haben.

Um ihren Forderungen nach einer würdevolle Pflege, gerechten Finanzierung, familiären Entlastung und attraktiven Ausbildung ausreichend Gehör zu verschaffen, haben sich gestern die drei zur Diakonie gehörenden Neu-Isenburger Einrichtungen von „Mission Leben“ am bundesweiten Aktionstag Altenpflege beteiligt. Bewohner und Mitarbeiter zogen unter dem Motto „Nicht nur Blumen brauchen Pflege“ durch die Fußgängerzone und machten so auf die schwierige Lage aufmerksam.

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