Keine Verdopplung im Erstaufnahmelager

Es bleibt wohl bei 700 Flüchtlingen in Neu-Isenburg

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Neu-Isenburgs Erstaufnahmeeinrichtung ist mittlerweile so gut wie voll belegt.

Neu-Isenburg - In der vor einer Woche eröffneten Neu-Isenburger Außenstelle des Gießener Erstaufnahmelagers bleibt es wohl doch bei 700 Flüchtlingen. Von Barbara Hoven 

Bei einem Ortstermin gestern Nachmittag, bei dem Hessens Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) Journalisten die neue Unterkunft vorstellte, räumte ein Mitarbeiter der Hilfsorganisation ASB ein, die Möglichkeit der Kapazitätsverdopplung auf 1400 Asylbewerber stamme aus einem „internen Papier“. Grüttner bekräftigte: „Wir planen, wir müssten das wissen. Ist aber nicht so.“ Draußen vor der Halle an der Rathenaustraße geht das Leben gestern Nachmittag seinen gewohnten Gang. In den Büros und Firmen im Gewerbegebiet rundherum wird gearbeitet. Doch wer an den Leuten vom Sicherheitsdienst vorbei durch das große Tor auf das ehemalige Rundschau-Gelände geht, das vergangene Woche quasi über Nacht zum Erstaufnahmelager für bis zu 700 Flüchtlinge geworden ist, kommt in eine andere, ganz eigene Welt.

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Hessens Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) ist nach vergangenem Sonntag (wir haben berichtet) erneut vor Ort, diesmal stellt er die neue, nun bereits fast gefüllte Unterkunft den Journalisten vor. Es ist ein ziemlich großer Tross, der über einen vorher festgelegten Weg durch die Halle geführt wird. 692 Flüchtlinge, sie haben es vor allem aus Syrien und Afghanistan hierher geschafft, sind dort mittlerweile untergekommen. Die Gruppe folgt dem Weg, den auch jeder Flüchtling nehmen muss, der in der Einrichtung eintrifft. Hält ein Bus im Hof, steigen zunächst Dolmetscher ein, begrüßen die Neuankömmlinge und geben ihnen eine erste Orientierung. Dann geht es zur medizinischen Erstversorgung. Frauen und Männer werden dort sofort untersucht.

Bilder: Einblicke in Unterkunft für Flüchtlinge in Neu-Isenburg

Viele Ärzte aus der Region hätten sich gefunden, die in die Flüchtlingsunterkunft kommen, um bei den Erstuntersuchungen zu helfen und täglich von 8 bis 20 Uhr eine Art Hausarzt-Praxis vor Ort zu betreiben, berichtet Gregor Fanroth, stellvertretender Leiter der allgemeinen Gefahrenabwehr im Kreis Offenbach. Der pensionierte Sportmediziner Werner Haag aus Obertshausen ist einer von ihnen. 30 Jahre lang hat er eine Praxis gehabt, hat zudem mehrfach ärztliche Hilfe geleistet beispielsweise auf den Philippinen oder in Diensten der „Ärzte für die Dritte Welt“. Und nun für die Flüchtlinge in Isenburg. Anfangs, erzählt er, sei es schon recht chaotisch zugegangen, „die Arbeit hier hat viel Kreativität gefordert“. Mittlerweile habe sich jedoch alles besser eingespielt. Auf die Frage, wie seine Arbeit im Erstaufnahmelager aussehe, berichtet er, dass es viele kleinere Verletzungen seien, die er zu behandeln habe. „Zum Beispiel an den Füßen. Ich habe Familien hier gehabt, die tagelang zu Fuß unterwegs waren und in Wäldern übernachtet haben.“

Weiter führt der Weg, vorbei an den für Frauen und Männer getrennten Untersuchungsbereichen, hin zur Essensausgabe. Wasser und heißer Tee stehen dort rund um die Uhr bereit. Gekocht wird vor Ort nicht, dreimal am Tag werden die Mahlzeiten angeliefert. Es geht weiter, vorbei an vielen Inseln aus Feldbetten, getrennt nur durch mannshohe Sichtschutzwände. Einen Spind oder Schrank bekommen die Flüchtlinge nicht. Der Blick fällt auf eine Wand, an der selbstgemalte Bilder hängen: Es ist eine Kinderspielecke, vom Jugendrotkreuz eingerichtet.

Keine Spinde, keine Privatsphäre. Aber ein Leben, das besser werden kann – Blick auf eine der Betteninseln in der Halle.

Interviews mit den Asylbewerbern sind nicht vorgesehen; und der Zeitplan ist ohnehin zu eng getaktet, um wirklich ins Gespräch zu kommen und mehr über ihre Schicksale zu erfahren. Strenge Anweisungen haben alle, die dabei sind, bereits vorher schriftlich vom Regierungspräsidium bekommen („Bitte bleiben Sie in der Gruppe beisammen und betreten nicht auf eigenen Entschluss Schlafräume etc.“). Das wird auch rigoros umgesetzt – obwohl es durchaus Flüchtlinge gibt, die das Gespräch suchen und sich fotografieren lassen wollen. Bürgermeister Herbert Hunkel wird von Flüchtlingen angesprochen. Sie danken ihm für die Aufnahme in Neu-Isenburg, einige äußern aber auch Kritik an der Unterbringung.

Zur Bewältigung der großen Zahl von Flüchtlingen fordert Hessen vom Bund kontinuierliche Unterstützung. „Wir brauchen eine dauerhaft finanzielle Beteiligung”, so Grüttner. Flüchtlinge müssten auch schneller an Kommunen weitergeleitet werden. „Die eigentlichen Integrationsmaßnahmen machen erst dort Sinn”, so Grüttner. Dafür müsse das Bundesamt für Migration besser ausgestattet werden.

Bilder: So sieht es im Flüchtlingslager in Gießen aus

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