Stimmen zur Entscheidung des Landes

Flüchtlingscamp bald dicht: Neu-Isenburg überrascht

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Wurden gestern überrascht von der Schließung: Seit Anfang April ist Peter Steinfadt (rechts) der neue Leiter der Erstaufnahmeeinrichtung, sein Stellvertreter ist der Gravenbrucher Christopher Radtke.

Neu-Isenburg - Nach wochenlangem Warten auf eine Entscheidung aus Wiesbaden überschlagen sich gestern plötzlich die Ereignisse: Morgens stellt sich in einer Pressekonferenz der Stadt das neue Leitungs-Duo der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in der Rathenaustraße vor, nur wenige Stunden später kommt die Botschaft vom Minister, dass die Landesregierung beschlossen hat, die Einrichtung in Isenburg dicht zu machen.

Ein kleines X ändert gestern alles. „X“ steht für „Standortaufgabe“ – und ein solches X hat das Sozialministerium in der Übersicht aller Erstaufnahmeunterkünfte hinter „Neu-Isenburg, Druckereigebäude“ gesetzt. Hessen, so wird gestern Mittag bekannt, schließt jede dritte Erstaufnahmeunterkunft für Flüchtlinge. Auch in der Hugenottenstadt war, wie berichtet, über Schließungspläne in den vergangenen Tagen bereits mehrfach öffentlich spekuliert worden – doch für wirklich wahrscheinlich hielten Involvierte die Schließung nicht. Sie kommt nun aber doch, auch die Flüchtlingsunterkunft an der Robert-Bosch-Straße in Langen wird dicht gemacht. Das Land begründet seinen Schritt mit den aktuell rückläufigen Flüchtlingszahlen. Dass auch die Rathausspitze gestern von der Entscheidung des Landes überrascht wird, zeigt die Tatsache, dass Bürgermeister Herbert Hunkel noch am Vormittag das neue Leitungs-Duo der Erstaufnahmeeinrichtung in die wöchentliche Magistratspressekonferenz eingeladen hat, um die Herren vorzustellen. Peter Steinfadt und sein Stellvertreter Christopher Radtke folgen auf Ulrich Meier, der das Camp seit der Übernahme vom Katastrophenschutz im September 2015 im Auftrag des ASB übernommen und geleitet hatte.

Hunkel, der seit Monaten viel Energie in die Integration der Flüchtlinge in der Stadt investiert und unermüdlich gegen immer neue Gerüchte rund um die ehemalige Druckerei kämpft, betont auf Anfrage in einer ersten Reaktion auf die Schließungsnachricht: „Für die Flüchtlinge tut es mir leid, doch wir werden uns hier in Isenburg natürlich weiter für die Neubürger engagieren und in unserem Bemühen nicht nachlassen.“ Denn je mehr man jetzt und von Anfang an tue, umso einfacher werde die Integration, wo auch immer die Menschen dann hinkämen. Bedauerlich sei, dass nun eventuell die vielen persönlichen Kontakte verloren gingen zwischen Flüchtlingen im Camp und Isenburgern, die sich engagieren.

Seit Anfang April ist Peter Steinfadt der neue Leiter des Camps an der Rathenaustraße. Wie berichtet, hatte sein Vorgänger Ulrich Meier, der die Einrichtung, in der aktuell 459 Flüchtlingen leben, seit der Eröffnung geleitet hatte, Ende März Isenburg verlassen. Der 56-Jährige wechselte in den Kreis Hersfeld-Rothenburg, wo er sich um die Fusionierung zweier Krankenhäuser kümmert. Steinfadt, wie Meier ASB-Mitarbeiter, ist studierter Ethnologe und hat lange in der Werbung gearbeitet. In den vergangenen Monaten hat der Rodgauer die „Überlaufeinrichtung“ des Landes in Langen mit aufgebaut.

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Nun ist er seit drei Wochen in Personalunion für das Camp in der Rathenaustraße und die „Überlaufeinrichtung“ in Langen zuständig – solange es diese beiden Einrichtungen noch gibt. Denn möglicherweise schon innerhalb der nächsten Wochen sollen alle Bewohner der Unterkünfte in Langen und Isenburg auf andere Standorte umverteilt werden, heißt’s gestern aus Wiesbaden. Steinfadts Stellvertreter in Isenburg ist Christopher Radtke. Der 31-jährige Gravenbrucher ist gelernter Hotelfachmann und hat auch schon im Kempinski gearbeitet, nun ist er bereits seit Anfang Dezember für den ASB in der Erstaufnahme in Isenburg tätig. „Ich hatte schon immer eine soziale Ader und so anders als im Hotel ist die Aufgabe gar nicht. Wir sind ja jetzt auch Dienstleister“, erklärt Radtke.

Schon seit Wochen, so berichtet das Leitungs-Duo, habe es keine Zuweisungen mehr nach Isenburg gegeben, eine hohe Fluktuation gebe es derzeit nicht an der Rathenaustraße. Der Großteil der 459 Bewohner, 42 Prozent nämlich, stamme derzeit aus Afghanistan, 21 aus dem Iran und 20 Prozent aus Syrien. Von Rechtsradikalen im Umfeld der Einrichtung, von denen ein benachbarter Unternehmer dieser Tage in einer Reportage des Hessischen Rundfunks berichtete, wissen die beiden neuen Leiter nichts. „Nein, bislang hatten wir damit glücklicherweise noch gar keine Probleme. Übrigens ist die Stimmung in dem Camp insgesamt sehr gut und wir haben eine ganz niedrige Kriminalitätsrate“, so Steinfadt.

hov

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