Empörung über die plötzliche Schließung der Erstaufnahmeeinrichtung

Flüchtlingshilfe von der Landesregierung enttäuscht

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Michael Kaul von der Flüchtlingshilfe schließt gestern symbolisch die Schranke zur Erstaufnahmeeinrichtung an der Rathenaustraße.

Neu-Isenburg - Die Nachricht von der Schließung der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes an der Rathenaustraße trifft die vielen ehrenamtlich engagierten Isenburger unerwartet. In einer gemeinsamen Pressemitteilung machen die Motoren der Flüchtlingshilfe gestern „im Namen von 300 ehrenamtlichen Helfern“ ihrer Enttäuschung Luft.

„Wir fühlen uns wie vor den Kopf gestoßen, wir sind enttäuscht und sehen unsere, immer als vorbildlich herausgestellte, Arbeit als geringgeschätzt“, beschreibt Michael Kaul gestern im persönlichen Gespräch die Stimmung in der Flüchtlingshilfe. Die Nachricht von der Schließung der Unterkunft, die das Land Hessen am Mittwoch verkündet hatte (wir haben berichtet), habe die vielen Helfer unerwartet getroffen. Bereits gestern Morgen hatten Michael Kaul, Pfarrer Matthias Loesch von der Marktplatzgemeinde und Heide Enfield im Namen des Sprecherkreises der Flüchtlingshilfe per Pressemitteilung betont: „Die Flüchtlingshilfe ist empört über die plötzliche Schließung der Erstaufnahmeeinrichtung. Seit Ende September hatten zeitweise bis zu 780 Flüchtlinge vorübergehend eine Bleibe in der Rathenaustraße gefunden. Das von Anfang an gut funktionierende Sozialsystem, das vielen Flüchtlingen Orientierung und Halt gegeben hat und auch von der Landesregierung selbst als vorbildlich bezeichnet wurde, wird jetzt anscheinend mutwillig zerstört.“

Opfer seien in erster Linie die Flüchtlinge, „denen wieder einmal der Boden unter den Füßen weggezogen wird und die einer völlig unnötigen Verunsicherung ausgesetzt werden“. Besorgt zeigt sich die Flüchtlingshilfe auch in Bezug auf die Situation der Mitarbeiter vom Arbeiter-Samariter-Bund, der die Einrichtung betreibt. Diese seien nun von einer Entlassung bedroht.

„Frustrierend ist die bevorstehende Schließung für die große Zahl der ehrenamtlichen Helfer, die sich von Anfang an für die Flüchtlinge engagiert haben in Sprachkursen, Handarbeitskursen für Frauen, Mal- und Spielnachmittagen für Kinder, mehreren Musikangeboten, der Organisation von Sporttagen und Ausflügen, der Betreuung von Schwangeren und Neugeborenen oder in der vom Team der Stadtbibliothek eingerichteten Welcome-Library“, heißt es in dem Schreiben weiter, das Loesch, Enfield und Kaul „im Namen von 300 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern“ verfasst haben. „Wie selbstverständlich arbeiteten Bürger, Verwaltung, Magistrat, Kirchengemeinden und Bürgermeister Hand in Hand“, betonen sie. All dies habe dazu geführt, dass die Flüchtlinge in der Einrichtung vorübergehend ein Zuhause gefunden hätten – „ein ‘Dorf’, in dem sie sich wirklich willkommen wussten“.

Bilder: Einblicke in Unterkunft für Flüchtlinge in Neu-Isenburg

Empört ist die Flüchtlingshilfe zudem darüber, „dass mit den Beteiligten im Vorfeld über die bevorstehende Schließung nicht gesprochen wurde, sondern diese durch einen bürokratischen Verwaltungsakt vor vollendete Tatsachen gestellt wurden“. Überrascht war man freilich auch beim Betreiber, dem ASB, der 15 Minuten vor der Pressekonferenz in Wiesbaden über das „Schicksal“ der Erstaufnahmeeinrichtung in Isenburg informiert wurde. Erst ein paar Tage zuvor, so ist gestern vor Ort zu erfahren, war mit zwei Lastwagen Baumaterial geliefert worden, um den Bewohnern in der weitläufigen Halle mittels Holz-Trennwänden ein bisschen mehr Privatsphäre zu verschaffen. „Das war bereits seit November geplant, jetzt ist alles wieder nichtig“, so ein ASB-Mitarbeiter.

Die Flüchtlingshilfe will nach ihrer ersten Enttäuschung trotzdem nicht die Flinte ins Korn werfen und weiterhin so engagiert wie bisher die Flüchtlingsbetreuung fortsetzen. Viele hätten ihn gefragt, warum ausgerechnet Isenburg geschlossen wird, berichtet Bürgermeister Herbert Hunkel; auch in der Bürgermeister-Dienstversammlung, die gestern in Zeppelinheim tagte, sei das Thema gewesen. „Es ist für uns nicht erkennbar, nach welchen Kriterien das Land gehandelt hat“, so Hunkel. Er ist sich sicher: „Wenn’s nach der Qualität der Betreuung gegangen wäre, bliebe Isenburg offen.“

lfp/hov

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