Landgericht Darmstadt

Todesfahrer in Neu-Isenburg: Sportwagenfahrer hat mit Einspruch Erfolg

Am 13. Mai 2017 raste der Angeklagte mit 140 bei Rot über die Kreuzung Sprendlinger Landstraße/B459 und krachte mit einem Vespa-Fahrer zusammen, der keine Chance hatte. (Symbolbild)
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Am 13. Mai 2017 raste der Angeklagte mit 140 bei Rot über die Kreuzung Sprendlinger Landstraße/B459 und krachte mit einem Vespa-Fahrer zusammen, der keine Chance hatte. (Symbolbild)

Nach Urteil der fahrlässigen Tötung: Ein Frankfurter Sportwagenfahrer hat mit seinem Einspruch Erfolg und erhält Bewährung.

Neu-Isenburg/Darmstadt - Dieses Veto hat sich für einen 40-Jährigen aus Frankfurt mehr als gelohnt. Er kassierte am 28. Mai 2019 am Darmstädter Landgericht wegen fahrlässiger Tötung eines 52-jähriger Familienvaters und Straßenverkehrsgefährdung eine Einweisung in die Psychiatrie und ein lebenslanges Fahrverbot, ging gegen letzteres in Revision. Nun wurde an zwei Verhandlungstagen vor einer anderen Strafkammer neu verhandelt.

Der Maßregelvollzug wird zur Bewährung ausgesetzt, der Führerschein nur noch für drei Jahre eingezogen. Am 13. Mai 2017 raste der Sportwagenfahrer mit 140 bei Rot über die Kreuzung Sprendlinger Landstraße/B459, krachte mit einem Vespa-Fahrer zusammen, der keine Chance hatte. Es war das Ende einer Spazierfahrt, bei der er schon vorher Autofahrern durch riskante Raserei aufgefallen war.

Natürlich wird der psychisch kranke, schuldunfähige Rennsportfan nicht einfach „in die Freiheit entlassen“. Mit dem Urteil sind eine Reihe von Auflagen verbunden. Das Wichtigste ist jedoch die Betreuung durch die forensisch-psychiatrische Ambulanz Hessen. Mit dieser hat er sofort einen Termin zu vereinbaren, muss verordnete Medikamente nehmen und Blutbildkontrollen dulden. Deutet sich eine akute Krankheitsphase an – eine Manie –, kann die Aussetzung der Unterbringung widerrufen und durch Kurzzeiteinweisung ersetzt werden.

Urteil für Todesfahrer in Neu-Isenburg: Fahrer leidet an manischer Depression

Der Frankfurter leidet an einer bipolaren affektiven Störung, auch bekannt als manische Depression. „Ein Rückfall kommt nicht von jetzt auf gleich, ein geschultes Auge erkennt die Entwicklung“, so der Vorsitzende Richter Daniel Kästing in seiner Urteilsbegründung. „Der Maßregelvollzug kann im schlimmsten Fall lebenslänglich sein, deshalb ist eine strenge Prüfung notwendig.“

Die Gründe für die Bewährung beruhen hauptsächlich auf der Arbeit des psychiatrischen Sachverständigen. Der hatte, auf Basis der aktuellen eineinhalbjährigen Beobachtung in Haina und Riedstadt, ein neues Gutachten erstellt. Darin bestätigt Dieter Jöckel die Schuldunfähigkeit zur Tatzeit, aber beurteilt auch das Krankheitsbild insgesamt über 20 Jahre. Demnach hatte der Patient in der Zeit der Unterbringung keine Symptome mehr, kommt seit einem Jahr ohne Medikamente aus.

Vor dem Landgericht Darmstadt fand die Revisionsverhandlungen zu einer Todesfahrt statt.

Ein Freifahrschein ist das allerdings nicht. „Ich kann nicht garantieren, dass er sich in seinen manischen Phasen nicht wieder in ein Auto setzt und rast“, so der Gutachter. Letztendlich gehe es aber um den Gefährdungsgrad, der eine dauerhafte Unterbringung rechtfertige. Und der sei gering: „Nur“ drei manische Phasen innerhalb von 20 Jahren, vor dem Unfall war er nie strafrechtlich in Erscheinung getreten.

Mildes Urteil für Raser in Neu-Isenburg: Kann Verzicht auf Führerschein „nicht versprechen“

Verteidiger Thomas Klingenberger: „Das Restrisiko steht in keinem Verhältnis zu einer dauerhaften Unterbringung. Er war vom Zeitpunkt des Unfalls bis zum ersten Urteil auf freiem Fuß und ist nicht Auto gefahren. Er hält sich an die Anweisungen!“ Einen Beleg dafür, dass er nicht doch heimlich Papas Autoschlüssel nahm, gibt es nicht.

Ein schwacher Trost also für die Familie des Getöteten. Der Nebenklagevertreter der 27-jährigen Tochter bringt es auf den Punkt: „Wie kommt der Sachverständige zu der Annahme, der Mann sei pflichtbewusst? Er hatte auch vor 2017 schon mehrere Verkehrsunfälle, ob er sich da in einer Krankheitsphase befand, wurde gar nicht festgestellt. Wie sehen die Überwachungsmöglichkeiten aus?“, fragt Daniel Ittner. Der Langzeitstudent habe bereits in der Vergangenheit eine Therapie abgebrochen.

Am ersten Verhandlungstag hatte der Beschuldigte überraschend erwähnt, er würde auf seinen Führerschein verzichten. Was im krassen Gegenteil zum eigenen Revisionsgrund – der lebenslangen Einziehung der Fahrerlaubnis – stand. Nach dem Urteil will es die 53-jährige Witwe genau wissen und spricht den Rennsportfan direkt an: „Werden Sie tatsächlich auf Ihren Führerschein verzichten?“ Die ernüchternde Antwort: „Das kann ich nicht versprechen...“ (Silke Gelhausen)

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