Nachhaltiges Fleisch

Auch Schweine lieben Grüne Soße

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Thomas Flechel (vorne) und Christopher George füttern die Schweine mit Borretsch, Pimpinelle, Petersilie, Sauerampfer, Kresse, Kerbel und Schnittlauch. Die sieben Kräuter der Grünen Soße mögen die Tiere offenbar recht gern.

Neu-Isenburg - Zwei Freunde haben sich einen Traum verwirklicht: Sie verkaufen Fleisch von Bio-Schweinen, die mit den sieben Kräutern der Grünen Soße gefüttert werden. Von Barbara Hoven

Was nach Jux klingt, hat einen ernsten Hintergrund: Es geht den Isenburgern um nachhaltigeres Fleisch und darum, dass es den Tieren bis zur Schlachtung gut gehen soll. „Sie leben im Stroh, haben Platz und ständigen Auslauf nach draußen und sie lieben es, die Kräuter zu naschen“, berichten Thomas Flechel und Christopher George. Und die artgerechte Haltung schlage sich in der Fleischqualität nieder. Noch ist ihre Firma „Rhein-Main Schwein“ unter den Fleischversendern im Internet zwar nur ein kleiner Spieler – aber ein ambitionierter.

Es gibt da diese Situation, Thomas Flechel erzählt, sie hätten das öfter erlebt: Ein Grillabend bei Bekannten, der neue Grill ist vom Feinsten und sein Besitzer hat dafür Hunderte Euro hingelegt; und dann landet ein 1,99-Euro-Steak vom Discounter auf dem Rost. „Da haben wir uns gesagt: Das muss auch anders gehen.“ Wenn man Fleisch esse, „sollte man sich auch damit auseinandersetzen“. Seit Jahren schon sei die Idee in ihren Köpfen herumgeschwirrt, das Thema anders anzugehen. Und auch in ihrem Umfeld bemerkten die beiden jungen Männer, die seit vielen Jahren befreundet sind, „dass der Wunsch nach mehr Tierwohl, Regionalität und besserer Fleischqualität mit transparenter Herkunft immer lauter wurde“.

Also begannen Thomas Flechel, 36, und Christopher George, 34, vor gut einem Jahr damit, konkret die Idee vom „Rhein-Main Schwein“ zu verfolgen. Ein Bio-Schwein sollte es sein, regional und möglichst „Nose to Tail“ (also von Kopf bis Fuß) verwertet. „Darüber hinaus sollte die Wertschöpfungskette klar erkennbar und das Tier unter höchsten Tierwohlvorgaben gehalten sein“, sagen sie.

Gar kein so leichtes Unterfangen, so ein Unternehmen aufs Gleis zu setzen, erst recht, wenn Beide nicht aus der Branche sind. Thomas Flechel arbeitet freiberuflich in der digitalen Medienproduktion. Und Christopher George ist gelernter Veranstaltungskaufmann und in Neu-Isenburg vor allem bekannt durch seine Arbeit als Partner von Michael Kercher in der Eventagentur 12 Löwen, die unter anderem das Open Doors alljährlich auf die Beine stellt. Das Startup ist für beide der Zweitjob, sie arbeiten unverändert auch in ihrem Hauptberuf weiter.

Nachhaltigkeit, Tierwohl, Transparenz, Regionalität: Große Worte, sicher, aber genau das haben sich die Freunde auf die Fahnen geschrieben. „Also haben wir uns reingefuchst, haben viel recherchiert, haben Gespräche mit Landwirten, Gärtnereien und Metzgern geführt“, erzählen sie. Von Kräuterschweinen hatten sie bereits gehört. Und so fuhren sie sogar nach Hannover, um mit Professor Josef Kamphues, Direktor des Instituts für Tierernährung der dortigen Tierärztlichen Hochschule, zu sprechen, der die Wirkung von Kräutern bei der Fütterung von Schweinen erforscht hat.

Aber Grüne-Soße-Kräuter als Extrafutter? Die Idee entstand ursprünglich aus einer Blödelei heraus. Und wer weiß schon, ob Schweine überhaupt Borretsch, Pimpinelle, Petersilie, Sauerampfer, Kresse, Kerbel und Schnittlauch mögen? Also packten die Beiden ein Bund Kräuter ein und fuhren in den Taunus. Die Antwort sei eindeutig ausgefallen: „Die Schweine haben sich regelrecht darauf gestürzt, vor allem auf den Borretsch, den finden sie super“, erzählt George.

Und so galt es gleich, die nächste Frage zu klären: Woher Grüne-Soße-Kräuter in Bioqualität in so einer Menge bekommen? Zumal Grüne Soße sehr anfällig und in Bioqualität schwierig herzustellen sei, „in Oberrad machen das nur zwei Betriebe“. Und es sollte ja auch keiner unken, die Schweine würden den Menschen die Kräuter wegessen. Die Lösung fand sich bei der Frankfurter Gemüse-Gärtnerei Bärengarten. „Da beim Anbau in Bio-Qualität unter anderem kein chemischer Pflanzenschutz verwendet wird, hat die Gärtnerei kiloweise B-Ware, die nicht verkauft werden kann“, schildert George. „Statt wie bisher diese zu kompostieren, bekommt unser Landwirt nun jede Woche mehrere Kilo frische Kräuter direkt auf den Hof geliefert.“ Somit profitierten nicht nur die Schweine von den leckeren Kräutern, sondern auch die Gärtnerei, die einen zusätzlichen Erlös generiert.

Natürlich mussten aber weitere Partner gefunden werden, die ihre Idee unterstützen. „Unser Landwirt“, das ist der Naturkornhof in Wehrheim im Taunus. „Dort leben die Tiere in geräumigen, mit Stroh eingestreuten Ställen und haben die Möglichkeit von Auslauf nach draußen“, schildert George, weshalb sie sich für diesen Betrieb als Kooperationspartner entschieden haben. Den Schweinen soll es bis zur Schlachtung gut gehen. Sie bekämen dort Bio-Futter, alle Ställe seien ohne Spaltenböden und mit Tageslicht. „Und sie haben ihren Ringelschwanz noch“ – entgegen der makabren, aber leider weit verbreiteten Praxis, diesen abzuschneiden bei Mastschweinen.

In Kevin Henrici hätten sie schließlich einen „jungen und sehr fähigen Fleischsommelier“ als lokalen Metzger mit eigenem Schlachtbetrieb gefunden, der gerade einmal fünf Kilometer Luftlinie entfernt von den Tieren sitze, „also quasi ultra-regional“. So also beschreiben die beiden Freunde die Entstehung ihres Online-Fleischversenders „Rhein-Main Schwein“. Die Isenburger gestalten dabei einen Trend mit: die Direktvermarktung von hochwertigen Landwirtschaftsprodukten im Internet, ausgerichtet in erster Linie auf ein städtisches Publikum ohne Hofladen um die Ecke.

Von deftig bis süß: Kochen mit Bier

Seit April gibt es das „Kräuterschwein aus Hessen“ nun im Online-Shop zu kaufen. Die Bio-Spareribs, 650 Gramm für 9,90 Euro, seien bislang der Renner, sehr gut komme auch die „Surprise-Box“ an. Darin liegen wahlweise drei oder fünf Kilo Schweinefleisch. „Wer möchte, kann auch in den Taunus fahren, sehen, wie die Tiere leben, oder auch bei der Schlachtung dabei sein“, betonen Flechel und George. Denn sie wissen natürlich, dass sie sich da ein diffiziles Thema ausgesucht haben in Zeiten von umstrittenen Tierwohl-Siegeln und verbreiteter Massentierhaltung. Transparenz schaffe da die so wichtige Sicherheit für den Verbraucher: „Heutzutage möchte der Kunde genau wissen, wo sein Fleisch her kommt und wie die Tiere gelebt haben“, so George.

„Unsere Schweine sind echte Glücksschweine“, sind Flechel und George überzeugt. Und das könne man durchaus auch schmecken – auch wenn man die Grüne Soße nicht direkt im Fleisch bemerke.

Zum Aufbau der eigenen Firma gehört für die Beiden auch, kontinuierlich Kontakt und Rücksprache mit Käufern zu halten. Stolz berichten sie etwa davon, wie das Urteil von Patric Dresbach, Chefkoch des Schiffsrestaurants „Backschaft“ am Offenbacher Mainufer, ausgefallen sei. Eine Marmorierung wie die vom Rhein-Main Schwein habe er „bei Schweinefleisch lange nicht gesehen“, habe der Gastronom gelobt; besonders falle bei der Zubereitung der geringe Kochsaftverlust auf. Und auch George berichtet, wie sehr ihn die Arbeit an diesem Projekt verändert habe. „Ich esse seitdem viel weniger Fleisch und achte viel mehr auf dessen Herkunft.“

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