Gegen fromme Phrasen

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Pfarrer Matthias Loesch begrüßte den Referenten Dr. Wilhelm Hüffmeier.

Neu Isenburg ‐ Die evangelisch-reformierte Kirche am Marktplatz hat in den vergangenen Monaten in mehreren Veranstaltungen das geistige Erbe des Reformators Jean Calvin (1509 bis 1564) gewürdigt. Nach Veranstaltungen zu den politischen und sozialen Auswirkungen ging es nun um den Einfluss Calvins auf die Literatur. Von Markus Jordan

Dr. Wilhelm Hüffmeier, Präsident des Gustav-Adolf-Werkes, beleuchtete den Einfluss des Reformators am Beispiel von Theodor Fontane (1819 bis 1898). Der Titel lautete „Was ist, ist durch Vorbestimmen“. Fontane, der in Berlin des 19. Jahrhunderts der französisch-reformierten Kirche angehörte, habe das Werk des Reformators mit der Muttermilch aufgesogen, so der Referent, der auf weniger bekannte Aspekte bei Fontane aufmerksam machte. Obwohl seine Mutter weniger durch Religionseifer als durch eine vornehme Gangart auffiel, hätte der Geist einer strengen Lebensführung die Erziehung Fontanes geprägt. Der Dichter monierte bei seinen eigenen Glaubensgenossen fromme Phrasen und vermisste das wahre Leben. Obwohl der Schriftsteller weit davon entfernt war zu konvertieren, so lobte er dennoch die katholische Beichtpraxis, welche die persönlichen Nöte der Gläubigen besser lösen könnte, als es der einsame Kniefall eines reformierten Christenmenschen vor einem strengen Gott vermochte.

Das Ensemble für Alte Musik aus Götzenhain spielte auf längst vergessenen Instrumenten.

Von einigen seiner Weggefährten gar als Atheist eingeschätzt, war die Religiosität Fontanes eher eine stille, eine unterschwellige, zumal sie sich häufig nur an Sonn- und Feiertagen durch einen Kirchgang öffentlich machte.

Hüffmeier führte weiter aus, dass der Einfluss Calvins bei Fontanes Beschäftigung mit dem Schicksal deutlich werde. Das übermächtige Geschick, das einen jeden Menschen mal hierhin oder dorthin werfen würde, sei vielmehr auf einen höheren Ratschluss zurückzuführen, auf die Fügungen durch Gott. Und diese Vorstellungen lassen sich auf Calvin zurückführen.

Untermalt wurde die Veranstaltung durch das Ensemble für Alte Musik aus Götzenhain. Die Musikerinnen und Musiker, das seit 20 Jahren besteht, präsentierte auf Krummhörnern, auf Gemshörnern und Pommern barocke und geistliche Musik des 16. und 17. Jahrhunderts. Die ungewöhnlichen Holzblasinstrumente wurde nach historischen Vorlagen nachgebaut.

Zu hören waren auch Melodien nach dem Genfer Psalter, der von Calvin gereimten Form der Psalmen Davids aus der Bibel, die in der Marktkirche mehrstimmig zum Klingen gebracht wurden.

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