Haus Wessinger ist seit 111 Jahren in Familienhand – und optimistisch für die Zukunft

Genuss in vierter Generation

Willi Wessinger (links) war sicher beliebt bei den Nachbarskindern. Hier verteilt er aus seiner Backstube Leckereien. Alexander Wessinger und Wiebke Gomez blicken nach 111 Jahren Firmengeschichte trotz Pandemie positiv in die Zukunft. Die Köstlichkeiten aus der Konditorei können die Kunden im Café derzeit täglich von 10 bis 17 Uhr abholen.
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Willi Wessinger (links) war sicher beliebt bei den Nachbarskindern. Hier verteilt er aus seiner Backstube Leckereien. Alexander Wessinger und Wiebke Gomez blicken nach 111 Jahren Firmengeschichte trotz Pandemie positiv in die Zukunft. Die Köstlichkeiten aus der Konditorei können die Kunden im Café derzeit täglich von 10 bis 17 Uhr abholen.

Neu-Isenburg – „Es wird mein eifrigstes Bestreben sein, meine werte Kundschaft prompt und reell bedienen zu können und bitte ich um geneigten Zuspruch. Hochachtungsvoll, Ernst Wessinger.“ Gepflegte Worte in der Zeitungsanzeige, die auf die Geschäftseröffnung der Brot- und Feinbäckerei Wessinger hinweisen sollte, die am 9. November 1909 ins Handelsregister eingetragen wurde.

111 Jahre Geschäftsbestehen – ein närrisches Jubiläum in einem nicht minder verrückten Jahr. „Unser Geschäft hat eine Weltwirtschaftskrise und zwei Weltkriege überlebt. Wir werden auch die Pandemie überstehen“, sagt Alexander Wessinger (49), der mit seiner Schwester Wiebke Gomez (47) das Café Wessinger in vierter Generation führt. „Aber der zweite Lockdown ist natürlich zum Heulen für Gastronomie und Hotellerie“, bedauert Wessinger diesen harten Schnitt trotz der guten Hygienekonzepte.

Was als Bäckerei einst in der Waldstraße startete, ist heute ein Hotel in der Alicestraße mit 60 Zimmern, das Restaurant Werners und die Konditorei, die mit ihren Torten, Petits Fours, Kuchen, Pralinen und Macarons weit über die Grenzen Isenburgs bekannt geworden ist. 90 Mitarbeiter arbeiten am Standort Neu-Isenburg und den beiden WW Cafés in Bad Vilbel und Frankfurt.

Urgroßvater Ernst Wessinger hat sich 1909 noch auf Weiß- und Schwarzbrot konzentriert und war für sein „1a Schlüchternbrot“ bekannt. Sohn Willi, Bäcker- und Konditormeister, hatte größere Träume. „Er hat sich in den Wirtschaftswunderjahren extrem vergrößert. Die Bäckerei hatte in den Fünfzigern schon vier Auslieferungsbusse. Bullis – das war schon ein richtig großes Ding“, kennt Alexander Wessinger die Erzählungen aus jener Zeit.

Willi Wessinger kreierte seine eigene Marke, die Bullis hatten statt dem VW-Zeichen seine WAW-Initialen auf der Motorhaube. „Unser Opa war ein besonderer Typ. Er war der erste Karnevalsprinz von Neu-Isenburg (1954/55), nahm Gesangsunterricht und liebte die Bühne. Es gibt Leute, die flüstern, dass er das ehemalige Café Wilcke hier in der Alicestraße 1959 nur gekauft hat, damit er einen eigenen Auftrittsort hat“, berichtet Alexander Wessinger mit einem Schmunzeln.

Der Samstagsnachmittags-Tanztee war legendär und das Wessinger DER Treffpunkt in der Hugenottenstadt.

Mit dem Kauf des neuen Hauses war die Grundlage des heutigen Cafés Wessinger gelegt. Als 1965 Werner Ernst, Konditormeister und Hotelfachwirt, mit seiner Frau Hildegard – die Eltern von Alexander und Wiebke – ins Geschäft einstiegen, wurden die Dimensionen größer. Aus ein paar Fremdenzimmern wurde ein ganzes Hotel. 1971 baute die Familie an, es kam das Restaurant mit 150 Sitzplätzen dazu und 2007 noch einmal 180 Quadratmeter Bankettfläche für Feiern und Tagungen und im Keller ein Schwimmbad für die Hotelgäste.

Was viele Leute in Isenburg nicht wissen: 20 Jahre genossen die Passagiere der Singapore Airlines auf ihren Flügen aus Frankfurt in die ganze Welt zum Dessert Produkte aus dem Café Wessinger.

Für Alexander Wessinger war immer klar, dass er in den elterlichen Betrieb einsteigen werde. Er machte eine Kochlehre, studierte internationale Betriebswirtschaft und stieg 1998 ein. Wiebke Gomez hatte nicht unbedingt das Ziel, mit der Familie zusammen zu arbeiten. Doch auch die gelernte Hotelkauffrau kam 2004 zurück nach Neu-Isenburg.

Auch wenn derzeit in der so gemütlichen Kaminlounge nicht gefrühstückt wird, das Restaurant geschlossen ist und das Hotel nur von Geschäftsreisenden gebucht werden darf, weiß Wiebke Gomez, was ihre Stammgäste schätzen: „Wir möchten unsere Gäste immer glücklich machen. Mit guter Qualität, perfektem Service und einer schönen Atmosphäre.“

Wie sehr sie auch in Pandemie-Zeiten auf die Zukunft setzen, beweist die Tatsache, dass das Gespann Wessinger/Gomez im August acht Lehrverträge unterschrieben hat. Zwei Köche, drei Hotelfachleute, eine BA-Studentin und zwei Konditoren haben ihre Lehre angetreten.

Das verrückte Jubiläum feiert das Café Wessinger jetzt mit einem besonderen Geschenk für jeden Einkauf: Die Bezeichnung „Jubiläums-Keks“ ist wahrscheinlich zu schnöde für das Sablé du chocolat mit Nougatcreme und weißer Couverture Blättchen on top.

Von Nicole Jost

Wessingers Bulli-Parade in den 50ern: Die Wirtschaftswunderjahre beflügelten Bäckerei und Konditorei und Willi Wessinger schaffte vier Auslieferungsfahrzeuge an.

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