Geschenke und Tränen

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Heidi Häusler wird nun Schulsozialarbeiterin.

Neu-Isenburg ‐ Sandra Schult muss sich ganz schön zusammenreißen, um nicht zu weinen. Gerade ist sie ins Büro des Jugendcafés getreten und auf den Schreibtisch von Heidi Häusler zugegangen. „Ich wollte dich unbedingt noch sehen, bevor du gehst“, sagt die junge Frau. Von Enrico Sauda

Früher gehörte sie zu den Besucherinnen der Institution, heute arbeitet sie dort als Honorarkraft. Keine Stunde zuvor erst verabschiedeten sich die Kollegen von Heidi Häusler. Aber Sandra war nicht dabei bei der kleinen Feier im Arbeitszimmer. Getränke, Geschenke und ein paar Tränen, nach 21 Jahren geht es nicht ohne. „Wenn man so gut zusammengearbeitet, dann ist das schon wie eine Trennung“, sagt die 49-Jährige mit Blick auf die Arbeit mit ihrem Kollegen Dirk Kühnel. Neun Jahre saßen sie sich im kleinen Raum gegenüber.

Doch Heidi Häusler wollte weg. „Mehr als zwei Jahrzehnte offene Jugendarbeit haben ihre Spuren hinterlassen“, sagt die gelernte Zahnarzthelferin. Es zieht sie nach Babenhausen und dort in die Schulsozialarbeit. Die Frau, die auf dem zweiten Bildungsweg Sozialarbeit studierte, geht mit einem weinenden und einem lachenden Auge.

Probleme der Jugendlichen die gleichen wie früher

„Der Nachteil an der offenen Jugendarbeit ist, dass man sehr viel Akquise bei den Jugendlichen betreiben muss. Da redet man sich den Mund fusselig.“ Stets gelte es, Heranwachsende für Projekte oder Aktionen zu motivieren. „Ich wollte gerne mal ohne diese aufreibende Akquise arbeiten“, begründet sie ihre Entscheidung, die ihr „nicht leicht gefallen“ sei. An der Aufgabe liege es nicht. „Die Probleme, die die Jugendlichen haben, sind die gleichen wie früher. Nur die Medien haben sich verändert und zwangsläufig eine Veränderung der Jugendlichen herbeigeführt.“

Zwar freue sie sich auf die neuen Herausforderungen, „aber ein wenig Bammel habe ich auch“. Schließlich gebe sie einiges auf: „Ich habe mir hier etwas aufgebaut, mich etabliert“. Aber im Laufe der Jahre habe die Musik eine immer größere Bedeutung im Jugendcafé erhalten. Hier proben Bands, hier gehen Konzerte über die Bühne, hier wird getanzt und gefeiert - „der Lärmpegel hat seine Spuren hinterlassen“. So sehr, dass Heidi Häusler zuhause keine Musik mehr hört.

Für Sozialarbeit habe sie sich entschieden, „weil ich dachte, ich könnte die eigenen Interessen wunderbar in meinen Job einfließen lassen“. Eine Rechung, die für die begeisterte Sportlerin aufging. Gern erinnert sie sich an Fahrten und Freizeiten mit sportlichem Charakter. Eines steht für Häusler fest: Sie hat ihre Arbeit gern gemacht. „Mir fällt es sehr schwer, mich von den Jugendlichen zu verabschieden.“ Vor allem wegen der Mädchen tut es ihr leid.

Hälfte der Besucher des Jugendcafés weiblich

Schließlich stehe noch nicht fest, ob es für sie eine Nachfolgerin geben wird. Denn Heidi Häusler, die auch ihr Anerkennungsjahr in der Hugenottenstadt absolvierte, ist eigens „für Mädchenarbeit und Erlebnispädagogik“ eingestellt worden. Nicht ohne Grund, schließlich ist etwa die Hälfte der Besucher des Jugendcafés weiblich. So installierte sie vor rund 15 Jahren den Mädchentag, der immer dienstags stattfindet. Und etliche andere Projekte - wie etwa die Hiphop-Gruppe für Mädchen - gehen auf ihre Ideen zurück. Aber sie stellt sofort klar: „Wir haben immer alles gemeinsam im Team entschieden.“

Das Schwierige an ihrer Arbeit sei, „dass man die Erfolge nicht direkt messen kann“. Es dauere Jahre, bis sie die Früchte ihres Schaffens sehe. „Dann trifft man beispielsweise einen ehemaligen Besucher des Jugendcafés auf der Straße und es tut einfach gut, wenn der sagt: ‚Wie gut, dass ich damals auf dich gehört habe‘.“

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