Isenburgerin war vor 120 Jahren Mitorganisatorin des ersten Frauenstreiks

Hartes Geschäft mit dreckiger Wäsche

Neu-Isenburg - Aufgrund des Streiks der Busfahrer gucken gerade viele ÖPNV-Nutzer in der Region in die Röhre. Streiks erlebt man zwar in Isenburg heutzutage nur noch selten, aber das Thema hat in der Historie der Stadt eine besondere Bedeutung: 1897 gab es in Neu-Isenburg den ersten Arbeiterinnenstreik in Deutschland. Damals gingen Wäscherinnen auf die Straße, um für Verbesserungen im Arbeitsalltag zu kämpfen.

Sie waren starke, hart arbeitende Frauen – und sie wagten es vor 120 Jahren, für ihre Rechte einzutreten. Eine der Frauen war Elise Streb, die in Isenburg wohnte. Sie war 73 Jahre alt und führte ein hartes Leben: Denn sie war eine der 208 Wäscherinnen, die in 76 Wäschereien der Stadt beschäftigt waren. Die wichtigsten Kunden waren wohlhabende Frankfurter Familien. Die Wäsche wurde bei den Kunden per Handwagen abgeholt. Dann begann Strebs Arbeit: Sie weichte die Wäsche in großen Wannen ein. Dann wurde die nasse und deshalb besonders schwere Wäsche in Kessel gewuchtet, gekocht und auf Waschbrettern geschrubbt. Anschließend brachte man sie zum Bleichen auf die nahegelegenen Wiesen, wo sie begossen und gewendet wurde, dann gestärkt und gebügelt. Bis die Wäsche wieder nach Frankfurt zurückgebracht werden konnte, vergingen bis zu drei Tage.

Elise Streb kannte keine geregelte Arbeitszeit. Sie schuftete in der Regel von 6 Uhr früh bis tief in die Nacht. Oft kamen Überstunden hinzu, die von der Mehrzahl der Wäschereibesitzer nicht bezahlt wurden. Für Streb war es keine Seltenheit, dass sie zwischen 70 und 90 Stunden in der Woche arbeitete. Und das bei einem durchschnittlichen Stundenlohn von acht bis neun Pfennigen. Ein Pfund Mehl kostete damals 18 Pfennige, den Lohn für zwei Arbeitsstunden. Ein Pfund Butter kostete sogar einen ganzen Tageslohn. Die Unzufriedenheit unter den Wäscherinnen wuchs. Sie versuchten aufzubegehren, aber das war für Frauen damals ein großes Problem, da sie sich politisch nicht betätigen durften. Es war ihnen aber ab 1892 erlaubt, Arbeiterinnenvereine zu gründen, die keine politischen Ziele verfolgten.

Streb und ihren Kolleginnen kamen der in Isenburg wohnende und arbeitende Gewerkschaftler Gustav Jacob Freitag und die Frauenrechtlerin und Sozialpolitikerin Henriette Fürth zu Hilfe. Mit ihrer Unterstützung gründeten sie am 22. Juni 1896 den „Allgemeinen Frauen- und Mädchenverein“, der – vage und vielfältig deutbar – die „materielle und geistige Hebung der Lage der Arbeiterinnen“ zum Ziel hatte. Bis zum Ausbruch des Streiks war die Mitgliederzahl auf 174 Frauen und Mädchen angestiegen. 130 von ihnen traten am 12. April 1897 in den Ausstand. Ihre Forderungen: „Einen Normalarbeitstag von zehn Stunden, an den Waschtagen von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends, an den Bügeltagen von 8 bis 8 Uhr. Außerdem eine Frühstücks- und eine Vesperpause von je 20 Minuten und eine einstündige Mittagspause.“ Dazu angemessene Kost und menschenwürdige Behandlung, an der es besonders die Kinder der Unternehmer hätten fehlen lassen. Der Lohn solle pro Stunde betragen für eine erste Arbeiterin 15 Pfennig, für eine mittlere Arbeiterin 14 Pfennig und für eine jüngere 10 Pfennig.

Busstreik in Hessen: Bilder

Busstreik in Hessen: Bilder
Busstreik in Hessen: Bilder
Busstreik in Hessen: Bilder
Busstreik in Hessen: Bilder
Busstreik in Hessen: Bilder

Doch die Neu-Isenburger Wäschereibesitzer sahen keinen Grund, nach Ausrufung des Streiks einzulenken. Und die Chancen der Wäscherinnen, den Ausstand erfolgreich zu beenden, verschlechterten sich mit jedem Streiktag – da den Familien der Verdienst der Frauen fehlte. Überraschende Hilfe bekamen die Frauen schließlich vom deutschen Frauenverein aus Frankfurt. Der Verein appellierte an die Frankfurter Bürgersfrauen, ihre Wäsche nicht mehr in Neu-Isenburg reinigen zu lassen.

Diese Drohung zeigte Wirkung. Nach siebenwöchigem Arbeitskampf trafen sich die Parteien vor dem Gewerbegericht für den Landbezirk des Kreises Offenbach: Der Streik wurde beendet, die wichtigsten Forderungen der Frauen erfüllt, wie Historikerin Heidi Fogel („Der Wäscherinnenstreik 1897“) schildert.

Rubriklistenbild: © dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare