Heimatforscher Wilhelm Ott

Kriegsgeheimnis: Gleisanlagen im Wald

Neu-Isenburg - Heimatforschung ist eine spannende Angelegenheit. Immer wieder gibt es Neues zu entdecken. So war es faktisch unbekannt, dass sich im Wald südlich des Neu-Isenburger Bahnhofs links und rechts der Main-Neckar-Bahn Gleisanlagen befunden haben. Von Leo F. Postl

Wilhelm Ott zeigt einen seiner Funde im Wald südlich des Neu-Isenburger Bahnhofs.

Sie dienten wohl im Zweiten Weltkriegs zur Tarnung von abgestellten Zügen und zur Wartung von Lokomotiven. Der Grenzsteinforscher Wilhelm Ott aus Dreieich wurde durch einen Leser seiner Website auf die Gleisanlagen aufmerksam gemacht und begann mit der Erforschung. Zu einem Ortstermin am Waldrand nahe der Kleingartenanlage Fischer Lucius stoßen noch Dr. Heidi Fogel mit ihrem Mann Ullrich hinzu. Die Neu-Isenburger Historikerin war ebenfalls erstaunt, als sie von der Existenz einer solchen Anlage hörte. „Ohne die Laserscan-Luftbilder, die mir der Kreis Offenbach zur Verfügung gestellt hat, hätte ich diese Rudimente nicht als Gleisanlagen identifizieren können. Erst die Übersicht zeigt die zusammenhängenden Gleisverzweigungen“, betont Ott.

Nach ein paar hundert Metern biegt der Heimatforscher ins Unterholz ab. Nach der Umrundung eines dichten Gestrüpps weicht Ott ein paar Bodenhindernissen aus – dann bleibt er stehen. „Hier beginnt das Ganze“, meint der Heimatforscher und kratzt mit dem Spaten das Moos und Laub ab. Zum Vorschein kommt ein Betonfundament. Bald ist auch eine Bodenmulde zu erkenne, die einmal ein Gleisbett war. „Man hat die Gleise entfernt und den Graben notdürftig mit Schotter und Erde verfüllt“, erklärt Ott. Ein paar Meter weiter gibt es eine Treppe, die abwärts führt. Deutlich ist das Seitenfundament auf einer Länge von 50 Metern zu erkennen. Ott: „Das war mal ein Laufgraben, der freilich noch länger war. Hier standen die Lokomotiven oder Waggons und die Arbeiter sind, wie bei einer Grube in der Pkw-Werkstatt, unter den Zug gegangen, um Schäden festzustellen.“

Gut erhaltenen Relikte

Weitere Informationen gibt es im Internet.

Angesichts der gut erhaltenen Relikte ist das unschwer nachvollziehbar. Der Historiker hälte es auch für möglich, dass der Graben dazu genutzt wurde, heiße Schlacke aus den Lokomotiven aufzunehmen: „Wenn diese abgekühlt war, konnte man sie problemlos abtransportieren und entsorgen“. „Und da drüben dann das wohl Interessanteste“, führt der Heimatforscher ein paar Meter weiter. Dort blickt die kleine Gruppe in eine betonierte Grube, zu der ein Kanal führt. „Das hier war ein Brunnen mit Wasserzulauf. Die Dampflokomotiven mussten ja mit Wasser befüllt werden“, berichtet Ott. Bisher konnte er nicht ausfindig machen, woher das Wasser kam. Es sieht aus, als wäre lange Zeit kein Wasser mehr geflossen. „Ich bin ja erst am Anfang meiner Forschungen und weiß noch längst nicht alles“, hofft der Historiker auf weitere Hinweise. Bei genauerer Betrachtung ist ein Zusammenhang mit den anderen Gleisen, die bogenförmig vom Bahnhof abgingen, zu erkennen.

Letzte Station der mit vielen Überraschungen aufwartenden Entdeckungsreise ist der heute als „Fledermausturm“ bezeichnete Betonklotz am Versickerungsbecken. „Ich kann mir vorstellen, dass das mal ein Flak-Bunker war“, so Ott. Aber es könnte auch der Sockel eines Krans gewesen sein, mit dem die Kohle in die Tender der Lokomotiven verladen wurde. Später wurden auf die rund vier Meter hohen Betonmauern Hohlblocksteine gesetzt, die als Schlupflöcher für Fledermäuse dienen.´

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Die Existenz einer solchen Gleisanlage erklärt er mit der Situation in den letzten Kriegsjahren. „Als ab 1943 die Luftüberlegenheit der englischen und amerikanischen Flugzeuge immer größer wurde, sanken nicht nur die deutschen Städte durch Bombenangriffe in Schutt und Asche. Auch die Verkehrswege, insbesondere die Eisenbahninfrastruktur, waren Ziele.“ Durch Tieffliegerangriffe auf Züge gab es große Verluste. Die Reichsbahn, schon von Anfang an voll integriert in die Nazi-Kriegsmaschinerie, behalf sich damit, dass insbesondere die Militärzüge überwiegend nachts auf den Schienen waren. Tagsüber wurden diese Züge auf mehr oder weniger provisorisch verlegten Schienen im Wald - durch das Blätterdach getarnt – vor Luftangriffen versteckt. Die Gleislänge, die auf dem Laser-Scan unschwer zu erkennen ist, schätzt Ott auf rund 5000 Meter.

Er hofft nun auf Zeitzeugen, die etwas über diese Gleisanlagen wissen. Dr. Heidi Fogel will ebenfalls weitere Nachforschungen anstellen. Auch wer diese Anlagen gebaut hat, ist nicht nachgewiesen – es könnten Zwangsarbeiter gewesen sein.

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