Informationsbedarf ist groß

Bürgerversammlung zur Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge

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Hunderte Besucher, darunter auch viele bekannte Gesichter aus Politik und Verwaltung, fanden sich am Donnerstagabend in der Sportparkhalle ein, um aus erster Hand Informationen und Zukunftsperspektiven zur Flüchtlingsunterbringung in der Stadt zu erhalten.

Neu-Isenburg - Es war eine der größten Bürgerversammlungen der vergangenen Jahre: Hunderte Besucher sind in die Sportparkhalle gekommen, um Infos über die Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge zu erhalten. Ein sensibles Thema, das enorme Hilfsbereitschaft offenbart, aber auch Sorgen birgt.Von Barbara Hoven 

Es war ein Abend, der viel gebracht hat und doch einigen nichts gebracht hat. Klingt komisch? Aber so gehen nun mal die Meinungen auseinander nach so einer Veranstaltung wie der Bürgerinformation zur Flüchtlingsunterkunft, die das Land als ein Ausweichquartier für das hessische Erstaufnahmelager in Gießen eingerichtet hat. Nachdem sich die Ereignisse in den vergangenen Wochen überschlagen hatten und schon wenige Tage nach Eröffnung der Aufnahmestelle in der ehemaligen Druckerei 692 Menschen – darunter 177 Kinder bis 17 Jahre und 142 Frauen – dort leben, dient der Termin ebenso der Nachbereitung wie der Vorbereitung der neuen Situation für die Stadt.

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Weit mehr als 300 (manche meinen gar an die 400) Isenburger sind in die Sportparkhalle gekommen und wollen hören, was die Darmstädter Regierungspräsidentin Brigitte Lindscheid, Landrat Oliver Quilling, Kreisbeigeordneter Carsten Müller, Bürgermeister Herbert Hunkel und Erster Stadtrat Stefan Schmitt berichten. Die gut zweistündige Veranstaltung, bei der es auch Platz für Fragen gibt, ist geprägt von Toleranz und Informationsbedürfnis, auch wenn es nicht Antworten auf alle Fragen gibt und wohl auch nicht alle Fragen gestellt werden. Falls die Offiziellen Gegenwind oder emotionale Ausrutscher erwartet hatten, löst sich diese Befürchtung bald auf: Diejenigen Besucher, die zum Mikro greifen, haben vor allem Fragen etwa zu direkteren Spenden- und Hilfsmöglichkeiten.

Denn in Isenburg ist die Welle der Hilfsbereitschaft ungebrochen groß – doch bei einigen Helfern und Spendern klingt am Donnerstagabend Enttäuschung darüber an, dass die Hilfe noch nicht recht bei den Flüchtlingen ankomme. Sie sei vorgestern an der Einrichtung mit einer Familie zum Spaziergang verabredet gewesen, schildert eine Frau. „Dabei habe ich beobachtet, dass eine Art informelle Spendenausgabestelle um die Ecke entstanden ist, wo viele hingehen.“ Ihr Appell: „Kann man die Ausgabe von Spenden nicht etwas beschleunigen? Die Menschen brauchen die Sachen!“

Auch eine Frau, die als Ehrenamtliche bereits bei der Ausgabe von Sachspenden für die Kinder vor Ort geholfen hat, meldet sich zu Wort und berichtet von sehr strukturierten Abläufen. Sie betont: „Ich würde es sehr begrüßen, wenn die Sachspenden zügig weitergegeben werden dürften – wir kümmern uns auch, dass es ordentlich ausgegeben wird.“

Lindscheid und Hunkel betonen, wie froh und dankbar man sei für die große Welle der Hilfsbereitschaft diverser Akteure. Jedoch müsse die Hilfe nun zunächst gut koordiniert werden, „damit sie dort ankommt, wo sie gebraucht wird“. In diesem Zusammenhang verweist der Bürgermeister erneut auf das Formular auf der Homepage der Stadt: Unterstützer können dort eintragen, auf welche Art sie helfen wollen.

Bilder: Einblicke in Unterkunft für Flüchtlinge in Neu-Isenburg

Michael Kaul von der Flüchtlingshilfe meldet sich ebenfalls zu Wort und betont, die Flüchtlingshilfe habe damit begonnen, Angebote zu sammeln, und vieles laufe schon. „Wer die Flüchtlingshilfe anschreibt, kriegt auch zügig eine Reaktion“, sagt er zu. Renate Kaul ergänzt später, die Flüchtlingshilfe könne zwar nach wie vor nicht in der Aufnahmestelle ein und aus gehen, aber wer zum Beispiel einen Spaziergang anbieten wolle, der brauche nur einen der Dolmetscher anzusprechen und diesen zu bitten, doch das Angebot nach drinnen weiterzugeben, „das geht“.

Bei einigen Punkten, die die Isenburger ansprechen, gibt’s bereits neue Entwicklungen. Ein Herr fragt, ob es in der Einrichtung eigentlich W-Lan gebe? Schließlich sei das Internet doch wichtig für die Flüchtlinge, um Kontakt zu ihren Familien zu halten. Seitens des RP sei ein solches Angebot nicht geplant, antwortet Lindscheid – doch Herbert Hunkel hakt ein. „Es hat sich bereits ein Unternehmen bereiterklärt, kostenlos W-Lan zu installieren“, berichtet er. Wenn das RP keine Einwände habe, könne man dies schnell regeln.

Es sei derzeit nicht klar, wie lange es das Erstaufnahmelager an der Rathenaustraße geben soll, antwortet Lindscheid auf eine weitere Frage. Dazu könne man erst mehr sagen, wenn absehbar ist, wie sich die Flüchtlingszahlen weiter entwickeln. „Den Vertrag haben wir erstmal abgeschlossen für ein Jahr – aber Sie kennen ja alle die Nachrichten. Wir müssen sehen, was die Zeit bringt.“

Bilder: Einblicke in die Notunterkünfte für Flüchtlinge

Laut wird’s im Saal kurz, als ein Mann wissen möchte, warum sich „seit 15 Jahren nichts tut im sozialen Wohnungsbau“, jetzt aber plötzlich im Angesicht der Flüchtlingswelle gebaut werden könne. Isenburg und Langen, widerspricht der Landrat, seien mit Abstand die Kommunen mit den meisten Sozialwohnungen im Kreis, „es wurde immer gebaut“. Und auch der Bürgermeister betont: „Es wird kein Isenburger Not leiden müssen, weil wir Flüchtlingen helfen.“

Zuvor haben Lindscheid und Christian Dornblüth vom RP nochmals detailliert den Ablauf der Flüchtlingsunterbringung in der Stadt und ihr Krisenmanagement erläutert. Lindscheid dankt erneut allen Akteuren. Sie wisse durchaus auch, dass etwas Geduld gefragt sei, „damit sich alles nun ein wenig einrüttelt“. Ein wichtiger Schritt sei, dass mittlerweile eine Registrierung der Flüchtlinge vor Ort in Isenburg möglich ist. So muss nicht mehr jeder Neuankömmling zuerst nach Gießen gebracht werden.

Auch Landrat und Bürgermeister rufen nochmal jene Stunden in Erinnerung, als sehr kurzfristig die Nachricht von der Erstaufnahmeeinrichtung einging und unzählige Helfer dazu beitrugen, dass innerhalb von Stunden die verdreckte Industriehalle hergerichtet wurde. „Neu-Isenburg wurde überrascht, aber wir alle haben uns von unserer besten Seite gezeigt und zeigen uns noch, das ist ein sehr schönes Fazit nach ein paar Tagen“, sagt Hunkel. Damit sich niemand übergangen fühle, habe man diese Veranstaltung organisiert.

Gegen Ende meldet sich Pfarrer Matthias Loesch zu Wort – mit einem eindringlichen Appell. Es sei natürlich großartig, dass so viele Leute sich über die Erstaufnahmeeinrichtung informieren und ihre Hilfe anbieten, betont er. „Aber bitte vergessen Sie nicht: Wir haben auch eine bleibende Aufgabe – wir dürfen die rund 180 Menschen nicht vergessen, die hier schon leben und auch dauerhaft hier bleiben werden.“ Integrationsarbeit für diese Flüchtlinge zu leisten, dies dürfe jetzt angesicht der jüngsten Entwicklung nicht aus dem Blick geraten.

Bilder: Weitere Flüchtlinge in Schärttner-Halle gebracht

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