Zwischen Kratzer und Katastrophe

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Erster Polizeihauptkommissar Volkmar Meyer

Neu-Isenburg - Ein kaputter Außenspiegel, eine Mini-Beule an der Stoßstange: Man wird kaum einen Autofahrer in der Hugenottenstadt finden, der keine Geschichte von solch kleinen Ärgernissen zu erzählen hat.

Doch nicht jeder Bagatellunfall bleibt Bagatelle, schnell können auch bei vermeintlich kleinen Schäden große Kosten entstehen. Zumal es nicht selten vorkommt, dass Beteiligte, die sich am Unfallort völlig einig sind über den Hergang, die Sache am nächsten Tag plötzlich ganz anders erlebt haben wollen. Wie man sich vor Ärger schützen kann und wo in Neu-Isenburg das Unfallrisiko am größten ist, darüber spricht Erster Polizeihauptkommissar Volkmar Meyer (55), Leiter der Polizeistation Neu-Isenburg, im Interview mit Barbara Hoven.

Wo wird eigentlich die Grenze gezogen zwischen Bagatelle und echtem Unfall?

Das ist sehr schwierig, man kann den Begriff Bagatellschaden nicht konkret belegen. Ich will‘s mal daran festmachen: Für uns als Polizei muss ein Fremdschaden von mindestens 25 Euro vorhanden sein, damit überhaupt ein Schaden im Sinne eines Verkehrsunfalls gegeben ist. Was der Polizeibeamte bei der Aufnahme eines Unfalls zu tun hat, ist in Hessen durch die Unfallaufnahme-Richtlinie geregelt und kann von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich sein. Es gilt: Wenn ein Verkehrsteilnehmer einen Unfallsachschaden bei der Polizei meldet, und die Polizei kann davon ausgehen, dass es sich um eine unbedeutende oder nur geringfügige Ordnungswidrigkeit handelt, kann sie die Unfallstelle aufsuchen, muss aber nicht. Grundsätzlich sehe ich die Polizei jedoch als Dienstleister, der für den Bürger da ist.

Wo das Autofahren in Neu-Isenburg besonders riskant ist Die Polizei muss also bei einem kleinen Schaden nicht eingeschaltet werden. Aber wann ist es sinnvoll?

Die Frage wird in der Regel lauten: Brauchen Sie die Polizei vor Ort für die Unfallaufnahme? Das ist zum Beispiel der Fall, wenn es Probleme gibt, weil Öl ausläuft oder abgeschleppt werden muss. Oder wenn man das Gefühl hat, mit dem Unfallgegner irgendwie nicht klar zu kommen. Dann kommen wir auch dort hin – unabhängig vom entstandenen Schaden.

Zumal man die Schadenshöhe als Laie oft ja gar nicht beurteilen kann.

Richtig. In Internetforen wird auch mal behauptet, dass die Polizei erst ab einem Sachschaden von 500 Euro komme oder ähnliches. Wo das herkommt, weiß ich nicht. Es ist wichtig, dass die Polizei den Bürger nicht alleine lässt. Wenn aber jemand sagt, dass alles in Ordnung ist und die Beteiligten nur die Personalien austauschen müssen, dann muss auch keine Polizei kommen. Allerdings hat die polizeiliche Unfallaufnahme natürlich auch noch den Sinn festzustellen, ob es an bestimmten Orten Unfallhäufungen gibt.

Was raten Sie Betroffenen, auch nach einem vermeintlich kleinen Unfall zu tun, um hinterher böse Überraschungen zu vermeiden?

Es gibt zum einen die rechtliche Vorgabe, was der Verkehrsteilnehmer von Gesetzes wegen tun muss (Anm. d. Red.: siehe Box). Und es gibt Hinweise aus der allgemeinen Lebenserfahrung, was er tun sollte, um seine Ansprüche durchzusetzen. Ganz wichtig ist, dass man Ausschau nach Zeugen hält und deren Namen, Adressen und Telefonnummer notiert. Denn wenn einer alleine ist und die Situation darstellt, der Unfallgegner aber irgendwelche Zeugen anführt, die mehr oder weniger seine Schilderung bestätigen, dann kann die Frage aufkommen, wem man recht gibt. Heutzutage ist es von extremem Vorteil, dass fast jeder ein Handy dabei hat – damit sollte man unbedingt Fotos machen, vom Schaden und der Unfallstelle. Denn kann man seine Version des Hergangs mit Bildern objektiv belegen, steht man besser da.

Es gibt ja auch Vordrucke für einen Unfallbericht, zum Beispiel von Versicherungen.

Dort sind alle wichtigen Punkte aufgeführt, man läuft also nicht Gefahr, etwas zu vergessen. Denn für die meisten Menschen ist so ein Unfall eine Ausnahmesituation, in der man aufgewühlt ist. Wichtig ist, Ruhe zu bewahren. Und natürlich steht die Versorgung von Verletzten immer an erster Stelle und die Sicherung der Unfallstelle. Und auf alle Fälle nicht davonfahren, das ist Unfallflucht.

Wie sieht es aus, wenn jemand zum Beispiel auf dem Parkplatz am Wilhelmsplatz ein Auto streift, dessen Besitzer aber nicht in der Nähe ist?

Hier verlangt der Gesetzgeber, dass man vor Ort eine bestimmte Zeit warten muss – das ist abhängig von den äußeren Gegebenheiten. Da gibt es eben auch keine eindeutige Richtschnur, etwa ‘Hab ich einen Außenspiegel abgefahren auf der Frankfurter Straße, dann muss ich fünf Minuten warten‘. Was ich herausstellen möchte: Es ist keine gute Lösung, einfach einen Zettel zu hinterlassen und weiterzufahren. Damit liegt der Verdacht einer Unfallflucht vor und kann als Folge den Entzug des Führerscheins nach sich ziehen. Und das kann übrigens auch bei einer Kleinigkeit der Fall sein, da geht‘s ab 25 Euro Schaden los. Deshalb würde ich gar keine Wartezeit auf mich nehmen, sondern gleich die Polizei anrufen. Zudem gibt es auch noch die Möglichkeit, sich bei einem sogenannten Berechtigten des Geschädigten, zum Beispiel bei einem Nachbarn, zu melden und ihn darüber zu informieren, dass ich einen Unfall verursacht habe.

Thema Unfallhäufungen: Wo ist es besonders riskant, in Neu-Isenburg mit dem Auto unterwegs zu sein?

Das ist auch so eine Wissenschaft für sich: Die Polizei geht vereinfacht gesagt von Unfallhäufungen aus, wenn bestimmte Unfalltypen relativ häufig passieren. Dann muss man sich Gedanken machen, wie man dies vermeiden kann – etwa mit baulichen Maßnahmen oder durch Geschwindigkeitsänderungen. Für Isenburg plus Sprendlingen und Buchschlag haben wir Unfallhäufungen im Bereich der B44 in der Nähe von Zeppelinheim und auf der L 3262 zwischen Buchschlag und Zeppelinheim. In beiden Fällen geht es um Wildunfälle. Insgesamt haben wir im Jahr 2011 für den Bereich Neu-Isenburg, wieder mit Sprendlingen und Buchschlag, 1234 Unfälle aufgenommen. Und da kann man davon ausgehen, dass 891 unter die Begrifflichkeit Bagatellunfälle fallen.

Jüngst haben Anwohner wiederholt über Raserei in der Offenbacher Straße geklagt…

Da haben wir keinen Unfallschwerpunkt. Man muss aber wissen: Um als solcher zu gelten, muss zum Beispiel an einer Kreuzung eine bestimmte Unfallart mehrmals vorkommen. Es kann also sein, dass es an einem Knotenpunkt 20 Unfälle gibt im Jahr, aber es sind alles nicht die gleichen Unfallarten – dann haben sie auch keine Unfallhäufung in dem Sinne.

Plant die Isenburger Polizei in nächster Zeit spezielle Kontrollen?

Der Bürger muss immer damit rechnen, dass er von der Polizei kontrolliert wird, und ich nehme jetzt mal für uns hier in Neu-Isenburg in Anspruch, dass wir eine relativ hohe Kontrolldichte haben. Was wir vor allem immer wieder feststellen ist diese Unart, im Auto zu sitzen und mit dem Handy zu telefonieren. Immer noch, und obwohl es dafür 40 Euro Strafe und einen Punkt gibt. Auch der Gurt wird sehr oft nicht angelegt.

Wie sieht es mit Unfallflüchtigen aus? Wieso machen die Leute das und was kann die Polizei dagegen tun?

563 Unfallfluchten haben wir im Jahr 2011 aufgenommen, 25 davon mit Personenschaden. Das sind Zahlen, die mich jedes Mal nerven. Alkohol, kein Führerschein, Fahrzeug nicht versichert, Angst vor finanziellen Belastungen – das alles können Gründe sein. Daher führen wir wie gesagt nach wie vor verstärkt Verkehrskontrollen in der Hugenottenstadt und auch in Buchschlag und Sprendlingen durch.

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