Keine Zeit fürs Rechnen

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Bürgermeister und GHK-Vorsitzender Herbert Hunkel bedankt sich bei Gudrun Petasch für ihren aufschlussreichen Vortrag über das hugenottische Schulwesen.

Neu-Isenburg ‐ Ja, wenn damals die Schüler auch so ordentlich, so gut gekleidet, mit entsprechendem Benehmen, fromm und aufmerksam im Schulhaus gesessen hätten... Von Leo F. Postl

...wie die vielen Zuhörer des Vortrags von Gudrun Petasch – dann wäre der Lehrerberuf zu Zeiten der Hugenotten wohl ein erstrebenswerter gewesen. Der Verein für Geschichte, Heimatpflege und Kultur (GHK) hatte unter dem Titel „Zuerst die Disziplin!“ zu einer Vortragsveranstaltung in die Alte Schule eingeladen. Diplom-Soziologin Gudrun Petasch, die das Isenburger Konsistorienbuch aus dem Französischen übersetzt hat, berichtete über das frühe Schulwesen in den Hugenottensiedlungen.

„Die Kirchen werden gänzlich ihre Pflicht erfüllen, damit Schulen errichtet werden, und werden Anordnungen erteilen, dass die Jugend unterrichtet wird.“ So lautet der Text des Artikels 1 der Kirchenordnung der Hugenotten aus dem 16. Jahrhundert. Unterrichtet wurde ausschließlich in französischer Sprache.

Kandidaten für Nachwuchs Pfarrakademien

„Es war sehr schwer, entsprechende Unterlagen über das Schulwesen aus den Anfängen zu finden, es lief alles unter dem Deckmantel der Kirche ab“, erklärt Petasch zu Beginn ihres Vortrags die Problematik. Das Interesse an der GHK-Veranstaltung ist überaus groß, der ehemalige Klassenraum im Erdgeschoss platzt buchstäblich aus allen Nähten.

„Die Kirche sollte für die Unterrichtung der Jugend Sorge tragen und zeitgemäß unterrichten – hier stand bei der Qualifikation des Lehrers jedoch mehr seine Treue zum Bekenntnis denn eine ihm angedachte Ausbildung im Vordergrund“, beschreibt Petasch die Situation. So wurden bereits in den Primarschulen geeignete Kandidaten für den Nachwuchs in den späteren Pfarrakademien ausgemacht.

Die Alphabetisierung aller Gläubigen und ihre religiöse Unterweisung spielten eine bedeutende Rolle, denn jeder sollte die Bibel lesen können. „Gerechnet wurde in den Schulen meist nicht, denn dafür blieb kaum Zeit“, berichtet Petasch. Der Schulunterricht fand nämlich nur in den Wintermonaten statt. In den anderen Jahreszeiten wurden die Kinder als Arbeitskräfte auf den Feldern gebraucht.

Einübung der strengen Disziplin

Das Schulhaus ist im Jahr 1705 vollendet, noch vor der Kirche und dem Pfarrhaus. Ab 1701 ist bereits ein Schulmeister nachgewiesen. Die Kinder gehen im Alter von etwa sechs bis vierzehn Jahren zur Schule. Zweimal am Tag wird Unterricht abgehalten, zwei Stunden vormittags, drei Stunden nachmittags. Die „Kirchenzucht“ bei den Hugenotten ist drastisch und wird entsprechend durchgesetzt. Der Lehrer Boutan zum Beispiel vollzieht als „Exekutor“ des Konsistoriums gar öffentlich Prügelstrafen an Kindern.

„In der Isenburger Hugenottenschule ging es primär um die Einübung der strengen Disziplin, das Formen der Gesamtperson mit äußert rigiden Mitteln, daher ist auch die fachliche Qualifikation des Lehrers nicht so wichtig wie seine kompromisslose Haltung zur Disziplin und die absolute Entfernung von jeder Zügellosigkeit“, beschreibt Gudrun Petasch ihre Erkenntnisse. Als 1726 die öffentliche Schule mangels Nachfolger drei Monate geschlossen bleibt, ist das Konsistorium sehr beunruhigt. „Weil die Schüler, die bereits zu zügellos waren, vollständig verdorben würden, falls sie noch länger ohne Disziplin blieben“, so die Befürchtung.

Die sich immer mehr ansiedelnden Lutheraner weigern sich schließlich, ihre Kinder der Hugenottenkirche – und damit auch der französischen Schule – zuzuführen. Im November 1779 setzen die lutherischen Deutschen einen eigenen Lehrbetrieb durch, Philipp Ludwig Becker aus Offenthal wird Schulmeister. Der Bau der deutschen Schule an der Frankfurter Straße (heutiges Bürgeramt) wird 1783 vollendet. Wann der letzte Schultag in der Französischen Schule stattfand, das konnte Gudrun Petasch nicht herausfinden.

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