Klamauk mit Niveau

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Mit euch werde ich schon fertig: Stefanie Hehn mit dem GZSZ-Akteur Raúl Richter (rechts) und Sascha Kaspar.

Neu-Isenburg - Ein Uralt-Telefon mit Kurbel auf der Bühne und gleichzeitig über Facebook sprechen: Es war beileibe nicht der einzige Kracher in der neuen Inszenierung des Mund Art Theaters, die am Wochenende in der Hugenottenhalle über die Bühne ging. Von Klaus Hellweg

Aber dieser gewollte Fauxpax kennzeichnet sehr schön das wilde Durcheinander in der Klamotte „Das Mädchen aus dem Fahrstuhl“, das Thorsten Wszolek in der ihm so eigenen Handschrift inszeniert hat.

Das Mund Art Theater selbst gibt sich - zumindest auf seinen Programmzetteln – trendy und spricht von Comedy. Aber das ist ein zumindest ebenso großer (gewollter) Fauxpas und auch nicht im Entferntesten ernst gemeint: Wer heute ein Stück des Autoren-Duos von Franz Arnold und Ernst Bach aus den 20er Jahren auf die Bühne bringt, der weiß, dass er es mit einem Schwank zu tun hat. Mit den Genre „Comedy“, wie wir es heute verstehen, hat das alles nur wenig zu tun. Eines aber verbindet: der Wille zu unterhalten. Und da hat das Mund Art Theater seit langer Zeit eine beachtliche Glückssträhne: „Das Mädchen aus dem Fahrstuhl“ - erst recht in seinem leicht südhessisch eingefärbten Zungenschlag - entpuppt sich abermals als purer Glücksgriff. Zumindest für all diejenigen, denen der Sinn nach leichter Kost steht. Und das war immerhin eine voll besetzte Hugenottenhalle.

Letztlich ist es eine wohl nicht zu klärende Frage, ob der gute Ruf dieser Mundart-Bühne für dieses große Publikumsinteresse gesorgt hat oder ob es nicht doch der Name von Raúl Richter war, den Wszolek für eine Gastrolle eingekauft hatte. Der 24-Jährige - aber das wissen wohl nur die Jüngeren - gehört seit 2007 als Dominik Gundlach zum Hauptcast der RTL-Seifenoper „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ (GZSZ) und verpasst den Teenie-Herzen immer wieder Adrenalin-Schübe. Und wo RTL doch nun gerade vermeldete, dass Richter sich nach dreijähriger Beziehung von seiner Freundin getrennt hat...

Komik in lebensbedrohlichen Dosen

Aber „Das Mädchen aus dem Fahrstuhl“ ist kein Raúl-Richter-Event, sondern eine sehr ansprechende Ensemble-Leistung, Klamauk mit Niveau. Deshalb mag man es manchmal durchaus als etwas ungerecht empfinden, dass die Popularität der gerne und immer wieder von Wszolek verpflichteten RTL-Soapler den M.A.T. - Stammspielern ein wenig die Schau stiehlt - wie auch diesmal bei dem durchaus überzeugenden Raúl Richter der Fall.

Wszolek greift bei seinen Schwänken vorzugsweise auf das Autoren-Duo Arnold und Bach zurück. Nicht etwa deshalb, weil es keine anderen Theaterautoren gäbe, sondern weil sich aus ihren Büchern das machen lässt, was das M.A.T. erklärtermaßen verfolgt: Komik in lebensbedrohlichen Dosen, Humorvermittlung mit dem Holzhammer.

Beim „Mädchen aus dem Fahrstuhl“ ist es etwas anders: Es fehlen die Situationen, in denen man sich oder seinem Sitznachbarn auf die Schenkel klopfen möchte, es fehlen die hahnebüchenen, manchmal ans Groteske erinnernden Übertreibungen früherer Arnold- und Bach-Inszenierungen - man denke an den „Kühnen Schwimmer“.

Der Inhalt des „Mädchen aus dem Fahrstuhl“ ist letztlich uninteressant: Wie immer sind Verwechslungen, Liebschaften und Verwicklungen der Sauerteig, aus dem sich zum Brüllen komische Situationen ergeben - Situationen, die die Akteure in Verlegenheit bringen. Das wird dann lustig garniert mit zeitgenössischen Bezügen: eine aufmüpfige, der Gewerkschaftsbewegung anheim gefallene Hausangestellte heißt Engelen-Kefer. Beispiel: Das „Mädchen aus dem (stecken gebliebenen) Fahrstuhl“, mit dessen Mutter Hauptdarsteller Thorsten Wszolek als Placebo-Fabrikant Anton Teischer eine Nacht verbringen musste, wurde gezeugt „wie bei Becker Boris“. Warum Raúl Richter als Beamter der Stadt Wiesbaden, der beruflicherseits Wohungs-Zwangseinweisungen vornimmt, den Namen „Hellwig“ bekommen hat, bleibt Geheimnis des Regisseurs.

Gelungenes Bühnendebüt von Raúl Richter

Schauspielerisch gut waren letztlich alle Spieler; den Status als reine Laien haben die meisten ohnehin längst abgelegt. Thorsten Wszolek donnert mit seiner ungeheuren stimmlichen wie körperlichen Präsenz über die Bühne wie ein hessischer Willy Millowitsch, Stefanie Hehn ist eine köstlich ungarisch-deutsch radebrechende Etelka Kereköshazy, Sascha Kaspar spielt souverän den Neffen Gerhard des Placebo-Fabrikanten Teischer. Ähnlich überzeugend Stefanie Wszolek als die wenig schüchterne Liebschaft des Hellwig, aber auch Host Becker als ihr Vater Dieter Ellinger, Gisela Wolf als Auguste Engelen-Kefer, Simone Lindenberger als deren Tochter Anna, David Ernst als Diener bei Teischer und Fritz Lorz als - pardon - furztrockener Nachbar.

Und GZSZ-Akteur Raúl Richter, der in der Hugenottenhalle zum ersten Mal auf einer Theaterbühne stand? Er konnte seine berufliche Vergangenheit nicht leugnen: Im Gegensatz zu seinen Mitspielern bediente er sich nicht der Bühnensprache, die einen Raum erfüllen muss, sondern der deutlich intimeren Diktion, wie das Mikro am Fernseh-Set sie erfordert. Was gemeinhin zum Fiasko werden kann, funktionierte hier merkwürdigerweise ausgesprochen gut.

Richters Bühnendebüt darf man also als durchaus gelungen bezeichnen. Die Jungen und die Alten waren jedenfalls gleichermaßen zufrieden mit diesem sympathisch erscheinenden Sunnyboy aus dem Fernsehen.

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