Schäbige Wand neu gestaltet

Kunst gegen Schmierer

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Ein „echter“ Lippok hängt bereits im Treppenhaus des Rathauses: Das Foto zeigt den Künstler neben seiner Arbeit namens „The City“, einer frei umgesetzten, mit dem Marker und in Acryl angelegten Stadtansicht von Neu-Isenburg.

Neu-Isenburg -  Im Kampf gegen Schmierereien probiert die Stadt einen neuen Weg aus. Die Idee: Straßenkunst – sozusagen als eine freundliche Gegenmaßnahme.

Der Isenburger Kai Lippok gestaltet eine bisher ziemlich hässliche graue Wand in der Hermesstraße gemeinsam mit Kindern des Familienzentrums Gartenstraße um.
Die Idee wird geboren, als Carsten Holtschneider vom Hochbauamt und Bürgermeister Herbert Hunkel mit einem Ehepaar in der Hermesstraße unterwegs sind, das sich geärgert hat über eine riesige, verschmierte Wand. Statt einem neuen Anstrich soll die 160 Quadratmeter große, stadteigene Fassade nun zur Leinwand für Straßenkunst werden. Ins Boot geholt hat sich die Stadt dafür Kai Lippok. Der 30-jährige Künstler hat sich nicht nur mit diversen Ausstellungen einen Namen gemacht. Im Familienzentrum Gartenstraße zeigt er als Mitarbeiter den Grundschulkindern auch die ersten Schritte zum künstlerischen Schaffen.

Und so ist auch der Nachwuchs mit im Boot bei dem neuen Straßenkunst-Projekt. Mit den vorbereitenden Arbeiten dafür beginnt der Wahl-Isenburger diesen Samstag. Wenn das Wetter mitspielt, wird er in der darauffolgenden Woche bei der Gestaltung von einigen Schülern der Hans-Christian-Andersen-Schule unterstützt. Dabei sollen die Kids auch erleben, wie Kunst entsteht.

„Wir schlagen quasi mehrere Fliegen mit einer Klappe“, sagt der Bürgermeister. „Die Wand, über deren Zustand es Beschwerden gab, wird neu gestaltet, die Kinder haben eine tolle Beschäftigung, die Kunst von Herrn Lippok wird in die Straße transportiert – und die Anwohner sind hoffentlich auch zufrieden.“ Außerdem, ergänzt Carsten Holtschneider, soll das Ganze auch präventiv wirken, nämlich illegalen Graffiti vorbeugen. „Es ist also auch ein Schritt gegen Schmierereien.“

Insgesamt rechnet Lippok mit acht Sitzungen, bis das Wandgemälde fertig ist, „denn es geht ja doch um eine sehr sehr große Fläche“. Das Motiv hat er in Absprache mit der Stadt ausgewählt; es soll eine Mischung werden aus malerischen und grafischen Elementen, quasi also ein Mix aus Gemälde und Graffiti. Der Hintergrund wird in einem breiten Farbspektrum angelegt, darüber entstehen Gebäudeumrisse. Auf Wunsch aus dem Rathaus soll das Stadtbild erkennbar werden.

Dabei soll die Handschrift Lippoks deutlich werden; denn im Fokus seiner Arbeiten stehen die Linie und die Bewegung. Dadurch wirken die Bilder gestisch. Der 30-Jährige selbst beschreibt seine Arbeit als grafformell und bezieht sich damit auf die Grundhaltungen des Graffiti und der informellen Kunst; „Form und Farbe verbinden sich in neuen Reizen“.

Ein Sponsor hat sich auch gefunden: Weil ihm die Idee gefällt, spendet Markus Leonhardt, Geschäftsführer der Firma Kraft, die gerade an der Martin-Behaim-Straße ihr neues Domizil baut, Farben im Wert von rund 1500 Euro.

Für die kleinen Künstler im Alter zwischen acht und zehn Jahren ist Lippok nicht nur ein Vorbild, sondern vor allem täglicher Begleiter, der gemeinsam mit ihnen die Nachmittage im Freizeitbereich des Familienzentrum Gartenstraße für die Schulkinder der HCAS gestaltet.

Mit Streetart-Touren die etwas andere Kunst entdecken

Wenn man mit Lippok über Kunst spricht, versteht man, warum die Kinder im Familienzentrum ihren Erzieher so lieben. Normalerweise arbeiten Magister-Kunstpädagogen in Museen, Galerien und Stiftungen – meistens mit Erwachsenen. Lippok hingegen hat sich bewusst für die Arbeit mit Kindern entschieden. „Ich liebe den Freiheitssinn der Kinder. Sie gehen neugierig auf alles zu und erforschen die Welt mit eigenen Augen. Oft gehen diese Anlagen im Schulsystem unter. Im Unterricht werden Problem und Lösungen vorgegeben. Ich möchte mit der Kunst dem entgegensteuern und die Kinder weiter anregen, nach eigenen Wegen zu suchen.“

Den entsprechenden Raum dazu findet der Nachwuchs im „Atelier“ im Familienzentrum Gartenstraße, das gerade erweitert wird. „Es war für uns alle ein Glücksfall, dass sich Kai Lippok nach seiner Hospitation 2011 entschieden hat, bei uns zu bleiben“, sagt Gabriele Zimmermann, die Leiterin des Zentrums. (hov)

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