Leiter des Diakonischen Zentrums in Beregovo schildert Situation in Ukraine

Helfen, wo Hilfe Not tut

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Bela Nagy (vorne, Zweiter von rechts), seit 1993 Direktor des Diakonischen Zentrums in Beregovo, ist seit mehr als 16 Jahren der bewährte Ansprechpartner vor Ort für das Isenburger Hilfsprojekt. Mit Frau und Sohn ist er zu Besuch nach Neu-Isenburg gekommen, und konnte von vielen Unterstützern Spenden entgegennehmen.

Neu-Isenburg - Der neu gegründete Verein „Täglich Brot für Beregovo: Hilfe für Menschen in Transkarpatien“ führt das Herzensprojekt von Jutta Loesch weiter.

Der neue Vorstand konnte nun Bela Nagy, Direktor des Diakonischen Zentrums in Beregovo und seit mehr als 16 Jahren der verlässliche Ansprechpartner vor Ort, in Isenburg begrüßen. Verschiedene Gruppen übergaben ihm Spenden. Und Nagy erzählte von der aktuellen Situation in Transkarpatien und der Ukraine. Die Not dort ist in vieler Hinsicht groß. Es fehlt in Beregovo an vielen, für uns ganz selbstverständlichen Dingen – von der medizinischen Betreuung über Verkehrsmittel bis hin zum täglich Brot. „Wie groß die Not wirklich ist, kann man nur ermessen, wenn man dies einmal selbst erlebt hat“, betont Jutta Loesch, die schon mehrfach dort war, um mit „ihrem“ Hilfsprojekt die Not wenigstens ein wenig zu lindern. Neben der finanziellen Unterstützung sind es aber auch die immer noch gut brauchbaren Dinge, die Loesch und ihr Team von „Täglich Brot für Beregovo“ mit Lastern dorthin schaffen. Gerade machte sich vergangene Woche der 41. Hilfsgütertransport auf den weiten Weg dorthin.

Und im Diakonischen Zentrum der Reformierten Kirche in Transkarpatien, mit Sitz in Beregovo, wo alle Gelder und Hilfslieferungen bedarfsgerecht verteilt, hatte man schon Bedenken, dass die Hilfe aus Neu-Isenburg versiegen könnte angesichts der Pensionierung von Pfarrer Matthias Loesch, mit der sich das Projekt auch weitgehend von der Marktplatzgemeinde verabschiedete. Doch mittlerweile liegt es in den Händen eines extra gegründeten Vereins, Güter und Gelder für Hilfe in Beregovo zu organisieren. Die Mitglieder wählten Heide Enfield zur Vorsitzenden. Das Ehepaar Loessch sitzt im Vorstand.

Damit sich alle Akteure kennenlernen können, lud man nun den Direktor des Diakonischen Zentrums in Beregovo, Béla Nagy, nach Neu-Isenburg ein. Beim Info- und Begegnungsabend am Dienstag spricht Matthias Loesch von Wundern. Eines sei, „dass wir längst über die Konfessionsgrenzen hinaus zusammenarbeiten“. Jeder Fußball-affine Geist versteht, wovon der der Geistliche außerdem redet: „Das größere Wunder liegt aber darin, dass Eintracht- und Kickersfans zusammen arbeiten.“ Loesch hebt den Pullover, um sein OFC-Shirt zu demonstrieren. Und Rocco Lechens und Jürgen Danell vom Eintracht-Fanclub EFC Sinnlos übergeben einen Scheck von 1032 Euro: Auf jeder Neujahrsfeier versteigert Sinnlos Originaltrikots von Eintrachtspielern für einen guten Zweck. Christina Moka, die Leiterin des katholischen Kindergartens von St. Josef, übergibt 500 Euro. Die Kinder hatten dafür auf einem Flohmarkt eigene Spielsachen verkauft.

Und Bürgermeister Herbert Hunkel stellt Siegward Kunze vor. Der Isenburger Inhaber des „Autohaus Odenwaldring“ in Offenbach spendete spontan 1000 Euro, als ihm Hunkel von Beregovo und dem Projekt erzählte. Nagy, seit 1993 Direktor des Diakonischen Zentrums, berichtet von der Situation vor Ort und zeigt Bilder. Etwa das von einer alten Frau, die sich in der Gemeindeküche in einem ausrangiertem Gurkenglas Suppe und einen Laib Brot abholt. Ohne die Küche der Diakonie wüssten viele alte Menschen nicht, was sie essen sollten, viele junge Frauen nicht, wohin mit sich und ihrem Kind. Im Mutter-Kind-Heim kommen sie unter. Im Gegenzug helfen sie im Garten und im Altenheim.

Junge Männer sind auf keinem Bild zu sehen. Viele verließen die Gegend, um nicht per Einberufungsbescheid in den Osten des Landes zu müssen, wo sich ein Krieg am Köcheln hält. Aus dem Grund fehlen vor allem auch medizinische Fachkräfte, Ärzten und Krankenschwestern in der Gegend. Wer nicht geflüchtet sei, werde ins Kriegsgebiet berufen. Zurück blieben nur die Alten, die kaum Rente haben und die Aufgaben des täglichen Lebens kaum bewältigen können; sie kämpften buchstäblich ums Überleben.

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Vom Diakonischen Zentrum wurde mittlerweile ein Altenheim gebaut und betreut, in zwei Großküchen wird täglich das Essen für Bedürftige gekocht, derzeit entsteht ein Heim für behinderte Kinder und an Demenz erkrankte Mitmenschen. „Ganz schlimm ist die Situation, was die medizinische Versorgung betrifft“, erzählen Nagy und Loesch. Das Auto, mit dem Verunfallte transportiert würden, sei ein normaler Kombi ohne jegliche medizinische Ausstattung. Höchstens eine Decke werde reingelegt – und dann versuche man, ihn im Krankenhaus unterzubringen. Doch viele Patienten werden in Beregovo erst gar nicht angenommen – und so versucht man, sie jenseits der Grenze in Ungarn zu versorgen.

Nagy ist sehr dankbar, dass unzählige Isenburger Beregovo unterstützen. So wie Fariba Laufer, die zu den Frauen aus acht Nationen gehört, die im Nähkreis in der Marktplatzgemeinde Schuhe und Kleider für Kinder in Beregovo herstellen. Die Afghanin kann sich problemlos mit den Gästen auf Russisch unterhalten. In den 80er Jahren studierte Fariba Laufer in Moskau Sozialpädagogik. Mit dem Geld aus Isenburg wird aber auch Mehl, Zucker und Salz gekauft, um die vielen Brote zu backen, die hilfsbereite Mitmenschen dann mit einer heißen Suppe ausfahren. „Brennholz ist sehr teuer geworden, somit können viele kaum noch kochen und schon gar nicht im Winter heizen“, erzählt Nagy. Besonders Leidtragende seien die Kinder, die kaum Kleider zum Anziehen haben und die sich über jedes noch so kleine Geschenk zu Weihnachten freuen.

In Transkarpatien gibt es 108 Reformierte Kichengemeinden mit 70.000 Mitgliedern. Alle werden vom Diakonischen Zentrum in Beregovo betreut. Doch die Hilfe geht weit über die Grenzen der Kirchengemeinden hinaus, das Einzugsgebiet umfasst rund zwei Millionen Menschen. Pfarrer Loesch ist es ganz wichtig, folgendes zu betonen: „Wir wollen nicht nur humanitäre Hilfe leisten, sonern auch einen kleinen Beitrag zur Vermeidung von Fluchtursachen“ – indem man helfe, die Lebensbedingungen vor Ort zu verbessern. (man / lfp)

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