Das Ende einer Ära

Letztmals wird ein Autoreisezug beladen

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Dieses Bild gehört nun der Vergangenheit an. Letztmals wurde in Neu-Isenburg ein Autoreisezug verladen.

Neu-Isenburg - Der Letzte macht das Licht aus, heißt es. Michael Müller hat am Sonntagmorgen die Ehre, die Räume für den Autoreisezug in Neu-Isenburg für immer zu schließen. Von Leo F. Postl 

„Eine Ehre ist das nicht, das ist einfach Sch…“, meint der Neu-Isenburger, der seit mehr als 41 Jahren bei der Deutschen Bahn arbeitet. Dabei hat er es noch gut: Er ist Beamter und wird von der Bahn weiterbeschäftigt.

Am Freitagabend werden zum letzten Mal Autos am Bahnhof in Neu-Isenburg verladen – ganze 18 Stück. „Da kommt ja wieder einer“, blickt Müller auf den dämmerigen Bahnhofsvorplatz und schnappt sich die Kladde mit der kurzen Liste. „Früher haben wir ganz andere Stückzahlen verladen, da stand die ganze Bahnhofstraße bis zur Kreuzung dort vorne voll“, erinnert sich der Isenburger, der den Fahrer begrüßt, während dessen Frau das Handgepäck auslädt. Er umkreist den Wagen und sucht nach vorhandenen Schäden. Sind welche zu erkennen, werden diese im Transportschein vermerkt. „Damit es hinterher keine Diskussionen gibt“, so Müller kurz.

Service des Autoreisezuges

Michael Müller hatte die Aufgabe, die Räume für immer zu schließen.

Nach Absprache mit dem Ladehelfer wird das Fahrzeug vom Besitzer selbst auf den Autoreisezug gefahren und dort verzurrt. Für Reinhard Gotta ist es die letzte Chance, noch einmal den Service des Autoreisezuges zu genießen. „Wir finden das ganz bequem. Da stellt man das Fahrzeug ab, legt sich ins Bett und nach zehn Stunden ist man ausgeschlafen am Ziel“, erzählt der Dreieicher. „Doch das sind die Gesetze der Marktwirtschaft, wenn ein Geschäft nicht mehr läuft, dann wird es eingestellt.“ Gotta will am Samstagmorgen ohne Stress in Narbonne ankommen, Freunde besuchen und ein paar schöne Tage in südlicher Herbstsonne genießen. „Zurückgefahren wären wir ohnehin mit dem Auto, da wir noch Freunde besuchen wollen.“

Auch eine fünfköpfige Familie aus Bensheim nutzt den Autoreisezug. Vater, Mutter und drei schon größere Kinder verfolgen die Abfertigung. Ihr Ziel ist Alessandria. Den Familiennamen wollen sie nicht nennen. Was für die Eltern eine „recht praktische Sache ist“, können ihre Söhne weniger nachvollziehen. „Wieso sitzen wir nicht in so einem Ding?“, fragt der älteste Sohn, als gerade ein Flugzeug über Neu-Isenburg in den Nachthimmel steigt. Für die Mutter ist es sicherer, wenn der Vater und Fahrzeuglenker ausgeschlafen am Ziel ankommt. „Dass der Zug heute das letzte Mal fährt, das haben wir gar nicht gewusst“, ist die Frau überrascht, denn auch sie wollen den Heimweg mit dem eigenen Fahrzeug machen.

„Wir sind sowieso nur wegen der Hunde mit dem Zug gefahren“, erklärt Sabrina und krault ihre Hündin Jessi. Ob sie künftig ihrem Vierbeiner den Stress des Getrenntseins im Flugzeug zumuten wird, darüber ist sie sich mit ihrem Mann noch nicht einig. „Ich habe dann auch keine ruhige Minute“, so die Hundebesitzerin. Das Angebot der Bahn, künftig Fahrzeuge – aber nur innerhalb Deutschlands – mit dem Lkw zu transportieren, ist für die meisten Nutzer des Autoreisezuges keine Alternative.

„Na, dann machen wir das Licht aus und die Ära hat ein Ende“, sieht Michael Müller die Angelegenheit mit einem Anflug von Galgenhumor. „Mir hat das richtig Spaß gemacht, bei mir konnte man alles bekommen, eine Fahrkarte nach Frankfurt, einen Platz auf dem Autoreisezug und sogar eine Weltreise buchen – und jetzt mache ich selbst meine letzte Fahrt“, so Müller. Zum Abschied dürfen er und alle Verladehelfer mit nach Narbonne fahren - und freilich wieder zurück. Am Sonntagmorgen ist die Ära des Autoreisezuges in Neu-Isenburg endgültig vorbei.

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