Mama Hesselbach war nicht sein Fan

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Seit 15 Jahren unterhält das Mund Art Theater mit seinem Gründer und Intendanten Thorsten Wszolek seine Besucher.

Neu-Isenburg ‐ Liesel Christ, Gründerin des Frankfurter Volkstheaters und bekannt als Mama Hesselbach, hat sich überhaupt nicht mit ihm verstanden. Deren Tochter Gisela bescheinigte ihm sogar schriftlich, für die Fächer Theater und Komödie absolut talentfrei zu sein. Von Klaus Hellweg

Doch weil Thorsten Wszolek so ist, wie er eben ist - er selber spricht von spätpubertärem Trotz - war für ihn ziemlich schnell klar: „Was die da zweieinhalb Monate lang jeden Abend vor 50 Zuschauern machen, das kann man auch in zwei bis vier Vorstellungen vor 2000 Zuschauern an einem einzigen Wochenende hinbekommen.“ Das Konzept für das Neu-Isenburger Mund Art Theater war geboren. Doch das alles hat natürlich eine Vorgeschichte. Und die Begegnung mit Liesel Christ samt ihren beiden Töchtern Gisela Dahlem-Christ und Bärbel Christ-Heß war kein purer Zufall: Bedingt durch die Nachbarschaft seiner Oma mit dem ehemaligen künstlerischen Leiter des Volkstheaters, Wolfgang Kaus, geriet der heutige Generalintendant des Mund Art Theaters im jungen Alter von 15 Jahren an diese Frankfurter Bühne – zunächst als Schülerpraktikant, später als Schauspieler. Das war dann auch die Zeit, in der Thorsten Wszolek seine nicht so furchtbar guten Erfahrungen mit der Christ-Damenriege machte.

Ganz unbeleckt von dem, was man gemeinhin als Theaterluft bezeichnet, war der junge Wszolek vor seinem ersten Ausflug zum Frankfurter Volkstheater aber nicht: Schon 1991 hatte der heute knapp 35-jährige Ur-Frankfurter als Schüler zusammen mit seiner Klassenkameradin Pamela Cullmann und dem gemeinsamen Mathe-Lehrer Klaus Nick die Theater und Musical AG der Goetheschule gegründet. In den folgenden drei Jahren bringt die Gruppe, der ab 1992 auch die Lehrer Jürgen Bülow und Ruthard Friedel sowie die Schüler Corinna Weiß und Thorsten Klees angehören, einige Inszenierungen heraus: frei nach Kleist „De zerdepperte Bembel“, „Maskenball im Opernhaus“, „The Spanish Fly“ und „Opernball“ – bis auf „De zerdepperte Bembel“ allesamt in der Hugenottenhalle uraufgeführt.

Musik sichert Wszolek sein Einkommen

Nach dem Abitur 1994 löst sich die Gruppe auf. Seinen Schulabschluss schafft Thorsten Wszolek „in einem Anlauf ohne Sitzenbleiben“. Und im Gespräch fügt er an: „Sonst habe ich weiter keine Ausbildung genossen. Aber ich konnte als Kind Klavier spielen. Warum - das ist bis heute ungeklärt.“ Die Musik ist es denn auch, die ihm heute sein Einkommen sichert, denn das Mund Art Theater wird gagen- und gehaltfrei betrieben, für die Darsteller und den Bühnenchef gleichermaßen. Doch dazu später.

Im Juni 1994 ist es, als Wszolek zusammen mit den aus der Schulgruppe stammenden Akteuren das Neu-Isenburger Mundart-Ensemble gründet. Es soll die Tradition des Schultheaters auf professioneller Ebene fortführen - darf aber keine Kopie und kein Abklatsch des Frankfurter Volkstheaters sein. Wszolek: „Beim Anblick von dessen Publikum - mehr als 80 Prozent der Zuschauer waren damals über 60 - war ich mir sicher, dass ein reines Volks- und Bauerntheater auf Dauer nicht überlebensfähig ist, wenn keine weltlichen und musikalischen Elemente hinzukommen. Stücke wie ,Krach um Jolanthe’ oder ,Die Landpartie nach Königstein’ würden bei uns nie laufen.“

Mischung aus Komödie und Walt Disney

Das Neu-Isenburger Mund Art Theater (auf genau diese Schreibweise legt er großen Wert) versteht sich laut Generalintendant Wszolek denn auch „als eine Mischung aus Komödie beziehungsweise Theater am Kurfürstendamm und Walt Disney – eben nur in Mundart“. Deshalb passen in den Spielplan eher Stücke wie „My fair Lady“, „Mary Poppins“ und solche von Ray Cooney oder Neil Simon als klassische Schwänke des Komödienstadels oder des Ohnsorgtheaters. „Und die immer wieder gerne ins Programm genommenen Schwänke von Bach und Arnold gehen nur, weil ich moderne Comedys daraus mache“, sagt er.

Und das kann Wszolek mit leichter Hand und fast schon erschreckend treffsicher. Von Anfang an begleitet ihn der Ruf, ein gewiefter „Macher“ zu sein – als Theatermann, Regisseur, Autor, Dramaturg und Schauspieler in einem, außerdem als professioneller Musikarrangeur. Letzteres ist - leider - weithin unbekannt.

Die erste Spielzeit des Mundart-Ensembles 1994/ 1995 beginnt denn auch mit einer - was sonst? - selbst verfassten Satire namens „Friedhofsgärtner“. Es sollte nicht das letzte Stück aus Wszoleks eigener Werkstatt bleiben. Weitere Darsteller rekrutiert er aus der Isenburger Fastnachts- und Promi-Szene: Karl-Heinz Müller, Gisela Wolf, Dieter Lindenberger, Helga Kolb, Jörg Sturm – allesamt bis heute feste Ensemble-Mitglieder, außerdem Liesel Dörr, Marianne Schreitz-Guckelsberger. Auch die nächste Inszenierung (1995), das Comedy-Musical „Crazy Hotel“, ist wie so vieles andere von Thorsten Wszolek selbst komponiert.

„Immer mit offenen Augen unterwegs“

Von dem eingangs erwähnten Wolfgang Kaus am Frankfurter Volkstheater habe er gelernt, erzählt der 34-Jährige, dass es im Theater eher auf Typen denn auf gelernte Schauspieler ankomme: „Ich bin den ganzen Tag mit offenen Augen unterwegs und gucke: Wer ist ein Typ, wer ist ein Unikum? Auf diese Weise habe ich aus ehemaligen Mitschülern, Fastnachts- und Kirchenvertretern das Gründungsensemble zusammen gestellt.“ Heute besteht das Mund Art Theater aus etwa 30 Darstellern, zehn bis zwanzig Verwaltungs- und Technikmitwirkenden, insgesamt aus knapp 100 Leuten. Und alle arbeiten ohne Gage - mit Ausnahme des Orchesters.

Mit dem hin und wieder formulierten Vorwurf, eine Bühne wie das Mund Art Theater mit seiner gewollt deftigen, manchmal etwas krachledernen Kost, sei eher von minderem künstlerischen Niveau, geht Wszolek gelassen um: „Ein solcher Vorwurf ist mir völlig egal. Wir treten ja nicht an, um große Kunst oder Literarisches zu machen. Wer so etwas sehen will, muss ins Schauspiel oder in die Kammerspiele gehen. Wir verstehen uns als Unterhaltungsindustrie. Wir fabrizieren Produkte, die ausschließlich dem Entertainment dienen. Das hat mit Kunst im Sinn von ,intellektuell’ nichts zu tun. In unsere Stücke, Galas und Konzerte kommen Kegelvereine, Wanderclubs und Familien, die auch für 100 Euro pro Karte zum ,Phantom der Oper‘ nach Hamburg oder Wien gefahren sind. Der linksorientierte Alt-68er Waldorfschulen-Lehrer würde sein Geld bei uns fehlinvestieren.“

Seit einigen Jahren engagiert das Mund Art Theater regelmäßig Darsteller aus den bekannten Daily Soaps der privaten Fernsehsender – zuletzt Norman Kalle und Igor Dolgatschew aus der RTL-Seifenoper „Alles was zählt“.

Soap-Stars gern gesehen

Die Nachfrage nach dem Grund bringt eine überraschende Antwort; wer nämlich geglaubt hätte, Wszolek wolle auf diese Weise zusätzliches Publikum anlocken, befindet sich auf einem respektablen Holzweg: Es geht um nichts anderes als das Füllen von Personalengpässen. „Wir holen generell nur jemanden von außen, wenn wir die Rolle aus den eigenen Reihen nicht besetzen können,“ erklärt er. Weil aber die meisten „seriösen“ Schauspieler nicht unbedingt mit wehenden Fahnen zu einer Mundartbühne mit einem Repertoire wie dem in der Hugenottenstadt kommen, greift Wszolek gerne auf die „Soapler“ zurück. Viele von denen gelten, so sagt er, „als Schmuddelkinder in der TV-Landschaft und kommen für andere TV- oder Filmproduktionen, geschweige für das Theater, nicht in Frage. Von daher sind die alle sehr gerne bei uns. Ein Theaterengagement macht sich nämlich gut im Lebenslauf. Dazu kommt, dass die Soapler durch das Produzieren von täglich 20 bis 25 Sendeminuten belastbar sind ohne Ende.“ Den Werbeeffekt sieht der Theaterchef eher mager: „Unsere Musicals, Konzerte und Galas, in denen meistens keine Daily-Darsteller mangels Gesangskenntnis spielen, sind weiterhin wesentlich besser besucht als die reinen Theaterstücke.“

Zu Reichtum verhilft ein Unternehmen wie das Mund Art Theater nicht - sagt Thorsten Wszolek. Die Bühne trägt sich durch die Einnahmen aus den Kartenverkäufen, durch den Verkauf ihrer Produktionen an andere Stadthallen, Bürgerhäuser und Theater und durch den 5000-Euro-Zuschuss der Stadt, der etwa einen bis zwei Prozent des Gesamtumsatzes ausmacht. Große Subventionen, wie sie das Volkstheater, die Frankfurter Städtischen Bühnen oder auch das Fritz-Remond-Theater bekommen, lehnt Wszolek ab: „Wenn wir uns durch eigene Einnahmen nicht mehr tragen können, müssen wir eben zumachen. Wenn keiner mehr sehen will, was wir produzieren, warum soll dann der Steuerzahler einspringen? Ich halte nichts vom Subventionstheater.“

Weltweite Arrangements als Komponist

Arbeitslos wäre Thorsten Wszolek in einem solchen Fall gewiss nicht. Er verdient sein Geld als Musikarrangeur und Komponist weltweit - hauptsächlich im Londoner Westend, am Broadway oder bei deutschen Rundfunkanstalten: „Unter anderem die Neufassung der Lerner-Loewe-Musikarrangements von Brigadoon, My fair Lady, Gigi und Camelot stammen von mir. Ich habe allerdings bisher in der Öffentlichkeit darauf verzichtet, meine beruflichen Verdienste in den Vordergrund zu stellen. Die sind für das Mund Art Theater unwichtig.“

Und was macht Wszolek außer Mund Art Theater und Arrangieren sonst noch? In der Woche fährt er mindestens 150 Kilometer mit dem Fahrrad, weil er nie einen Führerschein besessen hat; er besucht regelmäßig seine Stammtische in Alt-Bornheim und Sachsenhausen und verbringt jedes Jahr drei bis fünf Monate auf seiner Wahlheimat Amrum – zum Arrangieren, aber auch zum Relaxen.

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