Marlis Otto feiert heute ihren 90. Geburtstag – natürlich „in der Zentrale“

Die Mutter der Tagesmütter

Neu-Isenburg - Die Frau, der man weder ihr bewegtes Leben noch ihr Alter ansieht, hat bis heute nicht aufgehört, sich zu engagieren: Am heutigen Donnerstag wird Marlis Otto, die Gründerin und langjährige Vorsitzende der Tagesmütterzentrale, 90 Jahre alt. Von Barbara Hoven

Wie sie da an ihrem Esstisch sitzt – aufrecht, tolle Sätze sagend und schon wieder mit neuen Plänen für die nächsten Monate im Hinterkopf. Wer Marlis Otto diese Woche in ihrer Wohnung mit Blick auf den Bansapark besucht, der mag kaum glauben, dass heute ihr 90. Geburtstag ist. Wo und wie sie den verbringt? Eine Feier mit Freunden und Familie gebe es später, „an meinem Geburtstag wurde ich in die Zentrale bestellt“, schmunzelt sie. Gemeint ist natürlich die Tagesmütter- und Babysitterzentrale in der Ludwigstraße. Dass Isenburg diesen Verein hat, der in den 25 Jahren seines Bestehens weit mehr als 2000 Kinder in die Tagespflege vermittelt hat, ist Marlis Otto zu verdanken. Am 10. August 1991, mit 65 Jahren, hob sie ihn in einem Elf-Quadratmeter-Büro in der Bahnhofstraße aus der Taufe, um die Versorgungslücke vor allem für ganz junge Kinder zu schließen. Tausende Eltern haben über die Einrichtung seither eine Tagesmutter oder einen Babysitter gefunden. Für ihr Engagement hat Otto 2006 das Bundesverdienstkreuz erhalten. Inzwischen ist sie Ehrenvorsitzende des Vereins, seit sie 2011 den Stab an Eva Dude, die ehemalige Hauptgeschäftsführerin der Industrie- und Handelskammer Offenbach, weitergegeben hat. Otto arbeitet aber immer noch mit; gerade kommt sie von einer Vorstandssitzung.

Das Alter hat höchstens die ein oder andere Spur in ihr Gesicht gezeichnet, fit und voller Energie ist die einstige Leistungsturnerin nach wie vor. Und oft mit dem Rad unterwegs, obwohl sie die Fahrradwege in Isenburg alles andere als gut findet. Auch an ihrem Geist prallt das Alter ab; ihre Worte formen Anekdoten, die fesseln. Es sind harte Jahre, in denen sie aufwächst: 1926 in Wuppertal geboren, als Schulkind mit der ganzen Klasse im Krieg nach Thüringen gebracht, Abi 1944, danach kam der Arbeitsdienst. Es ging an die Mosel, nach Holland, dann nach Siegen, wo sie Funkerin für die Luftnachrichten wurde. „Nach dem Krieg hätte ich gerne studiert, aber da waren erst die Männer dran.“ Also arbeitete sie sieben Jahre lang als kaufmännische Angestellte bei der Zahnärztekammer. Bis sie mit 27 Jahren ihren Mann kennenlernte und nach der Hochzeit zu ihm nach Frankfurt zog. Das Paar bekam zwei Söhne, elf Jahre lang war Otto Mutter und Hausfrau, „das hat mich damals seltsamerweise völlig ausgefüllt“.

Erst mit 40, als die Söhne größer waren, nahm sie ihr großes Ziel in Angriff und begann ein Studium zur Grundschullehrerin – „meinem Mann war das gar nicht recht“. Eine ganz wunderbare Zeit seien die Studienjahre gewesen, auch wenn die Familie mit wenig Geld habe auskommen müssen, erinnert sich Marlis Otto. 16 Jahre lang war sie danach Lehrerin an der Heinrich-Seliger-Grundschule in Frankfurt; schlug später sogar ein Angebot als Rektorin an einer anderen Schule aus, um dort bleiben zu können. Doch dann begann wieder eine harte Zeit: Marlis Otto wurde sehr krank, lies sich mit 60 pensionieren. Sie besiegte zwar den Krebs, musste aber alsbald, mit erst 63, den Tod ihres Mannes verkraften.

Wie werde ich...? Tagesmutter

Kurz darauf habe eine Freundin ihr von ihrem neuen Job bei der damals gerade gegründeten Babysitterzentrale in Frankfurt erzählt. „Das wäre auch was für mich, habe ich damals gleich gedacht, aber der Job war ja nun vergeben“, erinnert sich Otto. So sei die Idee geboren worden, in Neu-Isenburg, wo die Ottos seit Ende der 70er Jahre wohnten, eine solche Zentrale zu gründen. Ein Vorhaben, das anfangs durchaus nicht einfach zu verwirklichen gewesen sei. Denn das Interesse an der Idee sei zwar groß gewesen, aber kein Verein, keine Kirche wollte finanziell helfen. Deshalb ließ Otto sich ihre Lebensversicherung – 10.000 Mark – auszahlen und nahm davon 1000 Mark als Startkapital. „Wenn man für etwas brennt, dann schafft man das auch“, ist sie überzeugt. Außerdem betont Otto, sie habe von Anfang an Wert gelegt auf ein hohes Niveau mit qualifizierter Ausbildung. „Ich habe mir bei jeder Bewerberin, die als Tagesmutter anfangen wollte, die Wohnung angeschaut, wo die Kinder betreut werden, und ein polizeiliches Führungs- und ein Gesundheitszeugnis geholt.“

Ihre Zeit als Lehrerin beschert Marlis Otto bis heute schöne Stunden. Sie strahlt viel Zufriedenheit aus, als sie erzählt: „Ich treffe mich noch immer, seit 1986, regelmäßig mit den Müttern meiner letzten Klasse, ist das nicht toll?“ Ein toller Tag wird für Marlis Otto sicherlich auch der 3. September: Dann feiert die Tagesmütterzentrale ihr 25-jähriges Bestehen mit einem großen Kinderfest an der Bansamühle.

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