Freude am Tanzen vermitteln

Ballettlehrerin Uschi Kerber-Weimer unterrichtet auch mit 80 noch in der eigenen Schule

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In ihrem Element: Ihre kleinsten Schülerinnen führt Uschi Kerber-Weimer spielerisch an die Disziplinen heran. Mehrere Generationen haben im Laufe der vergangenen fünf Jahrzehnte die Ballettschule in Gravenbruch besucht.

Im Saal der Tanzschule Kerber in der Forsthaus-Passage in Gravenbruch herrscht reges Treiben. Inmitten von Ballettschülerinnen steht Uschi Kerber-Weimer, macht grazil die Bewegungsabläufe vor, die ihre jungen Schülerinnen erlernen sollen.

Neu-Isenburg – Im Vorraum treffen mittlerweile weitere Mütter mit ihren Kindern ein, denn gleich steht ein Wechsel der Ballett-Gruppen an. „Sie macht das einfach wunderbar, hier fühlt man sein Kind gut aufgehoben“, sagt eine Mutter. Wer es nicht weiß, würde es nicht für möglich halten: Uschi Kerber-Weimer feiert morgen ihren 80. Geburtstag – und tanzt noch immer.

Geboren wurde die Ballettlehrerin am 12. März 1940 als Ursula Ruhose in Dortmund. Zum Ballett kam sie durch Zufall. „Mein Vater hatte eine Druckerei und erstellte auch Broschüren für eine Tanzschule. Statt eine Rechnung zu stellen, bat er die Lehrerin, mich tanzen zu lassen – und mir hat es gleich Spaß gemacht“, beschreibt sie ihren Zugang zum Ballett. Bald entwickelte sich die junge „Ballettratte“, wie man damals sagte, zur Vortänzerin und wechselte mit zwölf Jahren an eine spezielle Ballettschule, danach an eine privat geführte Ballettschule.

„Das wäre doch auch was für dich, so eine Schule zu leiten“, schlug ihr die Inhaberin vor. „Aber ich selbst hatte große Zweifel, denn wer würde auf eine so kleine Person, wie ich es bin, schon hören?“, erinnert sich Kerber-Weimer an ihre Bedenken.

Bei einem Event lernte sie einen Geschäftsmann aus Frankfurt kennen und zog der Liebe wegen 1969 an den Main. „Mein damaliger Mann hat mich bestärkt und dabei unterstützt, hier eine eigene Ballettschule zu eröffnen“, beschreibt sie den Beginn einer nun schon 50 Jahre andauernden erfolgreichen Ballettschule in Gravenbruch. Die Einrichtung ist damit gerade mal zehn Jahre jünger als der Stadtteil selbst.

Ihren ersten Unterricht begann sie in der Meisenstraße 18. Ihr Plan, in der aufstrebenden Wohnstadt Gravenbruch eine Ballettschule zu eröffnen, erforderte zwar viel Mut, doch mit ihrer Leidenschaft konnte sie viele Gravenbrucher begeistern. Schon nach wenigen Wochen fanden sich mehr als 60 Kinder und Jugendliche im 45 Quadratmeter großen Saal ein. Ein paar Jahre später wechselte Kerber mit ihrer Ballettschule in größere Räumlichkeiten „Am Forsthaus Gravenbruch“, wo sie heute noch ist.

„Mein erster Mann ist leider verstorben, aber mit Volkmar (Weimer) habe ich einen neuen, sehr verständnisvollen Partner gefunden“, beschreibt die Tanzpädagogin ihren neuen Lebensbegleiter. „Als Zahntechnikermeister habe ich überhaupt keine Ahnung von Ballett, aber dafür kümmere ich mich um die technischen Dinge“, beschreibt Volkmar Weimer seinen Part in der erfolgreichen Partnerschaft. So kümmert er sich um die Musikanlage, beschafft passende Titelmelodien für die Aufführungen und dreht an vielen Stellschrauben. „Das passt alles wunderbar, denn so kommen wir uns nicht in die Quere, sondern ergänzen uns in Dingen, wovon der andere nichts versteht“, beschreibt die Schul-Inhaberin die ideale Verbindung.

Uschi Kerber-Weimer geht es in ihrem Unterricht nicht vordergründig darum, ihre Schüler auf Leistung zu trimmen. „Das Wort trimmen gibt es nicht in meinem Sprachgebrauch, ich verstehe Ballett vielmehr als Ergänzung der Erziehung“, sagt Kerber-Weimer. Ihr Hauptanliegen ist die Vermittlung einer guten Körperhaltung und eines Gefühls für Rhythmus und Musik. „Ich bin weg vom klassischen Drill, Tanzen soll Freude machen“, so ihre Devise. Dies hat Kerber-Weimer aber auch auf sich selbst übertragen. „Ich verlange von anderen nichts, was ich selber nicht kann“, stellt sie allen Ansprüchen voran. Und so steht Uschi Kerber-Weimer auch noch mit 80 Jahren vor ihren Ballettgruppen und zeigt, wie es geht.

Das Altersspektrum jener, die bei Uschi Kerber-Weimer ihre Freude am Ballettunterricht haben, reicht von Kleinkindern bis ins hohe Alter. „Es gibt eine Gruppe, die besteht größtenteils aus solchen, die mal als Kinder bei mir waren, heute Mütter sind und wieder ihre Kinder zu mir bringen. Aber es gibt auch eine Seniorengruppe, da ist die älteste Teilnehmerin jetzt fast 91 – da habe ich noch etwas hin“, meint die Ballettlehrerin. Mittlerweile sind viele „feste Bindungen“ auf freundschaftlicher Basis entstanden – man trifft sich auch mal ohne Ballettschuhe und Tutu.

Gefeiert wird der 80. Geburtstag von Uschi Kerber-Weimer am 12. September mit einer großen Bühnenshow in der Hugenottenhalle. „Das wird eine Retroperspektive auf die vergangenen 50 Jahre Ballettschule und 80 Jahre meines Lebens – also insgesamt 130 Jahre“, verrät Uschi Kerber-Weimer schon mal. Wie lange sie das mit ihrem „Baby“ noch weitermachen will, darüber habe sie noch keinen Gedanken verloren. „Ich hoffe, noch lange – manche Babys werden ja nie groß“, scherzt sie.

VON LEO F. POSTL

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