Dialog direkt auf der Trasse

Begehung und Protest an der möglichen RTW-Strecke

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Die vielen Grundstückseinfahrten entlang der Friedhofstraße sind nur eine der Herausforderungen für die Planer. Zur Begehung hingen an zwei Häusern Banner mit Protesten.

Neu-Isenburg - Der – mögliche – Streckenverlauf der Regionaltangente West (RTW) bis ins Birkengewann und allgemein die Zukunft und die zu beseitigenden Schwachstellen der Friedhofstraße beschäftigen die Isenburger: Zur zweiten Runde der Planungswerkstatt am Samstag samt themenbezogenem Spaziergang sind gut 80 Leute gekommen.

Die Stadt betont: „Die Straße der Zukunft wollen wir gemeinsam planen.“ Dazu gibt es noch viel zu tun. Bei der zweiten Planungswerkstatt mit den Bürgern geht’s diesmal direkt an den Ort der möglichen Strecke der geplanten Regionaltangente West (RTW): In acht Gruppen aufgeteilt nehmen die Teilnehmer bei einer Begehung entlang der Friedhof- bis zur Carl-Ulrich-Straße einen möglichen RTW-Streckenverlauf in Augenschein, Gegner und Befürworter sind mit von der Partie. Deutlich wird zunächst: Obwohl im Vorfeld, insbesondere bei der ersten Planungswerkstatt am 9. Juni, bereits viel an Theorie vorgestellt wurde, gibt es dennoch viel „Ungereimtes“ – wie von vielen Beteiligten vorgebracht und kritisiert.

Nach einer kurzen Einführung im Feuerwehrhaus geht es auf die Straße. Rund 80 Bürger sind dabei, die sich aktiv einbringen wollen. Erster Stadtrat Stefan Schmitt (CDU) hat zuvor – in Vertretung des noch außer Gefecht gesetzten Bürgermeisters Herbert Hunkel, der ein großer Befürworter der RTW-Verlängerung bis ins Birkengewann ist – die Teilnehmer begrüßt. Und dabei deutlich darauf hingewiesen, dass es einen Beschluss des Stadtparlaments gebe, der die Planung und den Bau der RTW-Strecke bis zur Stadtmitte (Ex-Güterbahnhof) vorsieht. „Wir beschäftigen uns heute mit einer möglichen Verlängerung bis zum Ende des Birkengewann, die aus unserer Sicht zwar sinnvoll wäre, aber vor einer Beschlussfassung mit Ihnen, den Bürgern, erörtert werden soll – beschlossen ist hier noch gar nichts“, betont Schmitt.

Das Maßband hatte Professor Follmann (links) stets parat – zum Beispiel an dieser zu engen Stelle der Friedhofstraße, wo der markierte Radstreifen am Baum abrupt zu schmal wird.

Professor Jürgen Follmann von der Hochschule Darmstadt erinnert noch einmal an die finale Meinungslinie des ersten Workshops. „Hier hat sich die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer dazu bekannt, dass sich bis 2030 die Verkehrssituation beträchtlich verändert und etwas zur Bewältigung des dann herrschenden Straßenverkehrs, ganz gleich wie dieser sich zusammensetzt, getan werden muss“, so Follmann. Dann geht’s auf die Straße, die Gruppen werden jeweils begleitet von Studenten der Hochschule Darmstadt und Mitarbeitern der Stadt. Aufgrund der vielen gezielten Fragen zur RTW selbst betont Follmann noch einmal: „Vergessen Sie erst einmal die RTW, auch ohne diese Verlängerung muss hier eine grundlegende Umgestaltung stattfinden, sonst erstickt nicht nur der Verkehr hier, sondern auch die Anwohner“, wird der Fachmann deutlich.

Schnell sind Argumente für oder auch gegen eine RTW (Verlängerung), auch gegen eine grundlegende Umgestaltung der Friedhofstraße, zu hören. Das Problem: Vom Osten her ist die Friedhofstraße bis zur Herzogstraße 30 Meter breit, ab dort deutlich schmaler – erst 24 Meter, im Bereich der Tankstelle nur noch 19.

„Wird die RTW ein- oder zweigleisig fahren?“, will jemand wissen. „Schaut mal, dort, dieses Flatterband ist 100 Meter lang – so lang wie der geplante RTW-Zug“, weist Horst Schimkat auf seine Vorarbeit hin. Dies zieht ein Staunen nach sich. An zwei Häusern gegenüber sind Banner zu sehen, die Protest zum Ausdruck bringen: „Keine 100-Meter-RTW-Züge durch Neuburg“ ist dort zu lesen und „E-Bus statt RTW; Baum statt Bahn“. Der Streckenverlauf quer durch die Stadt ist bekanntlich nicht unumstritten: Anwohner kritisieren seit Monaten die geplante Verbindung und befürchten unter anderem erhöhten Lärm.

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Bei der Begehung wird aber auch viel über Schwachstellen der Friedhofstraße gesprochen: Schon nach ein paar Schritten kann Follmann auf einen verschenkten Straßenraum hinweisen, kurz darauf endet der Fußgängerweg vor einer Absperrung für einen Neubau, die „Umleitung“ ist für Rollator-Nutzer ein echtes Problem. Und: Immer wieder suchen die Gruppen an diesem heißen Nachmittag den Schatten der Bäume. „Das ist auch ein Zeichen für die künftige Gestaltung der Straßen, es wird bestimmt noch mehr solche Sommer wie diesen geben – also brauchen wir Schatten spendende Bäume“, betont Follmann, wie wichtig auch das Thema Stadtgrün werden wird.

Regionaltangente West: Besichtigung und Protest in Bildern

Ein „wilder“ Trampelpfad durch den begrünten Mittelstreifen der Friedhofstraße zeigt dem Fachmann, dass hier eine Querung von den Nutzern vermisst und gewünscht wird. Insgesamt entsprechen die Breiten weder der Radwege noch der für Fußgänger vorgesehenen „Streifen“ den heutigen Anforderungen. „Wie kann es sein, dass man aus dem Bus steigt und direkt auf dem Radweg steht – was passiert, wenn ein Radler angebraust kommt?“, so eine Unzulänglichkeit, die Follmann nicht nachvollziehen kann. Wieder ein paar Meter weiter sind zwar „Leitlinien“ für Blinde im Boden eingebracht, diese führen jedoch direkt auf einen Laternenmast zu. „Wenn ich hier mit dem Rad fahre und es ist feucht, dann rutscht man sogar ab“, zeigt Radlerin Maria Sator-Marx auf die schräg gestellten Platten. An „Aufstellflächen“ für Rollstuhlfahrer gar nicht zu denken: Diese benötigen einen Raum von 1,5 mal 1,5 Meter, um sich drehen zu können.

Am Ende bricht sich jedoch Verwirrung Bahn, denn Follmann sieht die im Umlauf stehende Annahme, er würden 100-Meter-Züge durch die Stadt fahren, als nicht gegeben. „Wie sollen wir dann entscheiden, ob wir für oder gegen etwas sein wollen, wenn wir nicht einmal die grundlegenden Fakten kennen?“, fragt Jürgen Czernio. (lfp)

Die nächste Planungswerkstatt ist am Donnerstag, 27. September. Dann sollen in der Hugenottenhalle die verschiedenen Bauvarianten für die RTW-Streckenführung durch Isenburg diskutiert werden.

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