Niederlande als Vorbild

Wie beim Schlussverkauf: Bücher-Bazar lockt wieder viele Interessierte an

Groß war wieder der Andrang beim Bücher-Bazar, der traditionell von den Mitgliedern des Freundeskreises der Stadtbibliothek ausgerichtet wurde.
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Groß war wieder der Andrang beim Bücher-Bazar, der traditionell von den Mitgliedern des Freundeskreises der Stadtbibliothek ausgerichtet wurde. 

Die Bilder erinnern an Winterschlussverkäufe. Als sich am Samstag die Türen öffnen, beginnt ein kleines Wettrennen um die ersten Plätze an den Verkaufstischen.

Neu-Isenburg – Die Stadtbibliothek hatte zusammen mit ihrem Freundeskreis wieder mal zum Bücher-Bazar in die Hugenottenhalle eingeladen. Das Thema, das den Freunden der Bibliothek am meisten unter den Nägeln brennt: Wie und wann gestaltet sich der Umbau des städtischen Gebäudekomplexes.

Vor 25 Jahren konstituierte sich der Freundeskreis der Stadtbibliothek, genauso lange organisieren die belesenen Mitglieder den Bücher-Bazar. Was hier für wenig Geld über die Ladentheke geht, stammt zum einen aus Spenden von Leuten, die umziehen oder einen Haushalt auflösen, zum anderen standen Titel wie „Windows 10“ oder „Excel für Dummies“ früher in der Bibliothek. „Was nicht mehr auf dem neusten Stand ist, sortieren wir aus,“ erklärt Leiterin Dr. Annette Wagner-Wilk. Der Erlös geht traditionell an Projekte der Stadtbibliothek.

Vor einem Jahr übernahm Wolfgang Frehs den Vorsitz des Freundeskreises. Frehs löste Margit Rützel-Banz ab, mittlerweile Ehrenvorsitzende. Frehs, Unternehmensberater im Ruhestand, erzählt, schon vor sechs Jahren sei klar gewesen, dass die Hugenottenhalle und die Stadtbibliothek von Grund auf saniert werden müssten: „Kulturdezernent Theo Wershoven spricht ja von einem Bildungs- und Kommunikationszentrum, dass nun voran getrieben werden muss.“

Die Aufgaben einer Bibliothek haben sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Die wenigsten schauen noch vorbei, um sich Lesestoff für den Abend vor dem Kamin auszuleihen. Frehs betont daher, in einer neuen Bibliothek müsste es eine extra Abteilung für die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen geben, „samt WLAN und der Möglichkeit, sich Tablets auszuleihen“.

Katharina Mieskes, seit 24 Jahren Vereinsmitglied und stellvertretende Vorsitzende, erzählt von Schülern aus beengten Verhältnissen, „manche leben zu fünft in einem Zimmer“. In deren Wohnungen gebe es weder WLAN, noch einen Laptop, geschweige denn einen Drucker, „wie sollen die für die Schule eine Präsentation vorbereiten?“. Mittags seien in der Bibliothek stets alle PC-Plätze besetzt. Mieskes spricht nicht nur von Schülern, sondern auch von Erwachsenen, die hier Bewerbungen schreiben. Manche würden die Mitarbeiter bitten, mal drüber zu schauen, „besonders, wenn sie sich im Deutschen unsicher fühlen“. Ein Zentrum, das neben der Ästhetik auch die sozialen Bedürfnisse berücksichtigte wäre mehr als ein „kultureller und bildungspolitischer Akzent für Neu-Isenburg“.

Ziel müsse es sein, einen Komplex aus Tagungsräumen in der Hugenottenhalle, einer modernen Bibliothek, Platz für die VHS und Einrichtungen wie eine Ballettschule oder eine Galerie zu schaffen.

Das könnte ein bisschen so aussehen wie „Coda“ im niederländischen Appeldorn, ein Zusammenspiel aus Bibliothek, Kunstmuseum und Archiv. Mitglieder des Freundeskreises schauten sich Anfang November im Nachbarland mögliche Vorbilder für die eigene Stadt in Tilburg und Delft an. Nach dem momentanen politischen Stand könnte das Projekt nach zwei Jahren Planung und zwei weiteren Jahren Bauzeit 2024 fertig sein, schätzt Wolfgang Frehs, „allerdings darf dann nichts dazwischen kommen“.

Die Bücher des Bazars könnten eigentlich auch nach Gewicht verkauft werden. Die Tasche, mit der Isenburgerin Annemarie Henning schließlich von dannen zieht, dürfte zehn Kilo wiegen. Stadtverordnetenvorsteherin Christine Wagner schätzt das, was sie ins Auto schleppt, auf sieben Kilo, „wohl das, was viele in der Fastenzeit gerne abnähmen“.

VON STEFAN MANGOLD

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