Heute vor 70 Jahren endet die Tätigkeit von Dr. Ulrich Boelsen als Bürgermeister / Text in Dachsparren gefunden

Ein berührendes Zeitdokument

Bürgermeister Herbert Hunkel bedankt sich bei Gisela Mauer und Helmer Boelsen für ihre Bemühungen um die Neu-Isenburger Stadtgeschichte.   J Foto: hok
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Bürgermeister Herbert Hunkel bedankt sich bei Gisela Mauer und Helmer Boelsen für ihre Bemühungen um die Neu-Isenburger Stadtgeschichte.  

Neu-Isenburg - Es war ein Zufallsfund, der sich – mit einiger Verzögerung – als Glücksfall für die Stadtgeschichte entpuppte. Gisela Mauer entdeckte zwischen den Dachsparren ihres Hauses den vergilbten und brüchigen Durchschlag eines Schreibmaschinentextes. Von Holger Klemm 

Dr. Ulrich Boelsen

Und dieser gewährt einen einzigartigen Blick auf die Stunde Null. Bei dem berührenden und eindrucksvollen Text handelt es sich um den Rechenschaftsbericht von Dr. Ulrich Boelsen (1900 bis 1990) über seine kommissarische Tätigkeit als Bürgermeister, die vor genau 70 Jahren – am 21. Mai 1945 – zu Ende ging. Beauftragt wurde er damit zusammen mit Dr. Hans Hayn am 26. Marz nach dem Einmarsch der Amerikaner, der dank des Zahnarztes ohne einen Schuss verlief.

Boelsen stand seit Ende der 30er den Nazis kritisch gegenüber und gehörte zusammen mit Hayn zu einer Widerstandsgruppe um den Sozialdemokraten Dr. Wilhelm Weinreich. Seine Praxis wurde zum Treffpunkt Oppositioneller. Er überzeugte am 26. März 1945 den Kommandanten der Flakstellung der Wehrmacht davon, auf Feuergefechte zu verzichten, und konnte so weitere Tote in Neu-Isenburg verhindern. Dabei half ihm der Name seines Bruders, der Generalmajor war. Dem Kommandanten empfahl er, doch lieber in Frankfurt zu kämpfen.

Kommissarischer Verwaltungschef blieb Boelsen, bis am 22. Mai 1945 Wilhelm Arnoul, der bereits vor 1933 Bürgermeister war, sein altes Amt wieder übernahm. Vom Rechenschaftsbericht, in dem er über die Anstrengungen berichtete, die Versorgungslage zu verbessern und das öffentliche Leben zum Laufen zu bringen, war nichts bekannt, bis Gisela Mauer diesen in einer Mappe bei Sanierungsarbeiten in ihrem Haus in der Waldstraße fand. Allerdings war ihr die Bedeutung des Fundes nicht bewusst. Das änderte sich erst durch eine Artikelserie über das Kriegsende.

Dr. Hans Hayn

Ihren Fund übergab sie schließlich Helmer Boelsen, dem inzwischen 90-jährigen Neffen und berühmten Radsportjournalisten. „Ich kenne die Geschichten nur von Hörensagen, da ich damals in Kriegsgefangenschaft war“, berichtet er. Eine Kopie ging an das Stadtarchiv. Später hat Mauer den Text abgeschrieben und in die neue Rechtschreibung übertragen.

„Sehr berührend finde ich vor allem die letzten Absätze“, sagt die Finderin zu den Aussagen Boelsens zur Kriegsschuld. Sie selbst hatte noch Geschichtslehrer mit einem viel unkritischeren Blick auf die Nazizeit gehabt.

Boelsen schrieb am 25. März 1945: „Wir alle haben nun die Folgen zu tragen, dass wir glaubten, so bequem die Verantwortung von uns abwälzen zu können auf ein Regime, das mit Feuer und Schwert sich den ganzen Kontinent unterjochen wollte und in allen besetzten Ländern Menschen zu Millionen ausrottete und versklavte.

Niemand hat das Recht, über Unbilden und Härten zu klagen, die ihm jetzt der verlorene Krieg bringt. Der Großteil des deutschen Volkes hat dem siegenden Hitler zugejubelt und hat die Ohren verschlossen vor dem, was von dem Schreckensregiment in den besetzten Ländern durchsickerte. So haben wir jetzt für das Unrecht zu büßen, das wir an Millionen Europäern verschuldet haben. Erst nach der Erkenntnis und Sühne seiner Schuld wird Deutschland wieder einen Platz in der Familie der zivilisierten Völker einnehmen können.“

So sah es nach den Kriegszerstörungen in der Hugenottenallee/Friedrichstraße aus. Die drei Bilder stammen aus dem Stadtarchiv.

Bürgermeister Herbert Hunkel, der den Rechenschaftsbericht bei der Leseaktion zum 8. Mai vortrug, kündigt für das Dokument einen besonderen Platz im Stadtarchiv an. Auch 70 Jahre nach Kriegsende müsse an die Schreckensherrschaft der Nazis erinnert werden, um zu verhindern, dass solche Bewegungen wieder erstarken können.

Der Kontakt zwischen Gisela Mauer, Mitbegründerin des Iseborjer Kinnos, und Helmer Boelsen trug übrigens auch im Kinno Früchte. So waren Filme von Dr. Ulrich Boelsen zu sehen, der ebenfalls begeisterter Hobbyfilmer war. Und darin tauchte auch der kleine Neffe auf. Boelsen schmunzelnd: „Ich war ein hoffnungsvoller Nachwuchsschauspieler.“

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