Vorbild Niederlande

Bibliothek wird zum Kultur- und Veranstaltungsort

Beeindruckt von der Vielfalt der Angebote in den niederländischen Bibliotheken zeigen sich Theo Wershoven und Annette Wagner-Wilke. Foto: Kulturstiftung des Bundes

In den Niederlanden kann man die Zukunft schon besichtigen – darum holten sich die Isenburger dort Anregungen für die anstehende Neugestaltung der eigenen Stadtbibliothek.

Neu-Isenburg – Darüber, dass die Niederländer in den vergangenen Jahren eine Menge Geld in ihre Bibliotheken gesteckt haben und dabei ganz neue Ansätze verfolgen, ist auch in Deutschland schon viel geschrieben worden. Wie das konkret aussieht und welche Ideen aus Holland möglicherweise für Neu-Isenburg taugen, davon konnten sich Kulturdezernent Theo Wershoven und Dr. Annette Wagner-Wilke, die neue Leiterin der Stadtbibliothek, jüngst vor Ort ein Bild machen – getreu der Devise „Reisen bildet und inspiriert“.

So lautet nämlich das Motto des von der Kulturstiftung des Bundes initiierten Projekts „Hoch drei – Stadtbibliotheken verändern“. Bei einer deutschlandweiten Ausschreibung war Neu-Isenburg als eine der wenigen Städte ausgewählt worden, die im Tandem – Bibliotheksleitung und zuständiger Verwaltungsakteur – herausragende Bibliotheken in den Niederlanden entdecken konnten. Daher besuchten Wershoven und Wagner-Wilke im Juni mit weiteren Kollegen fünf beispielhafte Einrichtungen in Amsterdam, Almere, Apeldoorn, Gouda und Delft.

Diese Bibliotheken, so berichtet das Duo, seien sowohl wegen ihrer Architektur als auch ihrer innovativen Bibliothekskonzepte und Bedeutung als zentrale Kulturorte der Stadtgesellschaft vorbildlich und inspirierend, das Isenburger Bibliothekskonzept weiter zu entwickeln.

Denn die Raumprobleme der Stadtbibliothek bestehen nach wie vor und schon lange arbeitet die Hugenottenstadt an einem Konzept für ein neues Kultur- und Bildungshaus, „in dem die Stadtbibliothek eine zentrale Rolle spielen soll“, so Wershoven. Zudem sei sie als offener Treffpunkt und Forum der Stadtgesellschaft gedacht. Die Planungen sehen die Modernisierung der Räumlichkeiten, eine bessere Zugänglichkeit der Medienangebote und die Nutzung von Synergiepotenzialen verschiedener Kooperationspartner unter einem Dach vor, die die Attraktivität steigern sollen. Dafür gab’s in Holland viele Anregungen.

Amsterdam

Die erste Station der Reise war die 2007 eröffnete Openbare Bibliotheek in Amsterdam (OBA), die über ein Netz von 25 weiteren Zweigstellen im Stadtgebiet verfügt. Die OBA ist die größte öffentliche Bibliothek nicht nur der Niederlande, sondern Europas und in einer großartigen Architektur auf der neu erschlossenen Oosterdoks-Insel untergebracht. Sie bietet auf 28 000 Quadratmetern und über neun Stockwerke hinweg – durch Rolltreppen verbunden – verschiedene Sammlungsbereiche mit mehr als 1,5 Millionen Medien. Den Besuchern stehen mehr als 1 000 Arbeits- und Leseplätze und rund 500 Computer mit Internetzugang zur Verfügung, außerdem abgetrennte Lernräume, Entspannungszonen, Makerspace, Radiostation, Ausstellungsräume, 15 Konferenzräume oder Restaurants. Im Untergeschoss gibt es 2000 Fahrradabstellplätze. 300 Mitarbeiter sind in der OBA tätig, darunter kaum mehr Bibliothekare. Die Ausleihe und Rückgabe der Medien ist voll automatisiert.

Apeldoorn

Eine Besonderheit bietet das Kulturhaus CODA (Cultuur Onder Dak Apeldoorn): Aus einer vom Gemeinderat auferlegten Zwangsehe entstand ein neuer städtischer Kulturort für Literatur, Kunst und Forschung. Das CODA vereint mehrere städtische Kulturinstitutionen unter einem Dach: Neben zwei Museen finden sich das städtische Archiv und die Bibliothek. Die verschiedenen Institute sind im Haus in deutlich abgetrennten Raumbereichen untergebracht. Eine Kinderbibliothek ist ein wichtiger Teil, der spielerisch besonders liebevoll gestaltet wurde: Ein Rutsche führt den Nachwuchs vom Eingang und der Belletristik- und Sachbuchabteilung direkt in die Kinderbibliothek, wo eine Spielinsel mit Tieren und anderen Objekten wartet.

Gouda

Die dortige Einrichtung, die die Auszeichnung „Beste Bibliothek der Niederlande 2015/16“ erhielt, ist seit 2012 zusammen mit einem Café, einem Archiv und einer Druckerwerkstatt in einer ehemaligen Chocoladefabriek untergebracht.

Delft

Ein Höhepunkt, so berichten Wershoven und Wagner-Wilke, sei der Besuch der „OPEN“ in Delft gewesen: Architekt Aat Vos verwandelte einen bestehenden Industrieblockbau in ein großes Zentrum, das die Bibliothek mit einer großen Malschule, einer Töpferwerkstatt, Musikschule, einer Tanzschule sowie weiteren Konferenzräumen unter einem Dach vereint. Ein Restaurant und Cafe am Eingang der OPEN verbindet die Bibliothek mit der Öffentlichkeit der Straße.

Isenburgs Kulturdezernent zeigt sich im Nachgang der Reise beeindruckt von der Vielfalt der kulturellen Angebote unter einem Dach und der Öffnung der Bibliotheken für Kinder und Jugendliche mit Angeboten, ihrer Vermittlung der Medienkompetenz und auch in der Innengestaltung. „Das, was wir dort gesehen haben, ist natürlich nicht eins zu eins umsetzbar, aber es gibt tolle Anregungen und Ideen“, so Wershovens Fazit. Daher möchte er beantragen, dass im Nachtragshaushalt Geld bereitgestellt wird, damit weitere Entscheider aus der Hugenottenstadt sich vor Ort in Holland ein Bild von der Bibliotheksphilosophie mache können.

Und Stadtbibliotheksleiterin Wagner-Wilke lobt die Umsetzung innovativer Konzepte. Beispielsweise hätten alle besichtigten Häuser Konferenzräume und andere vielseitig nutzbare Räume. „Und in allen Bibliotheken wurde besonderes Augenmerk auf die Kinder und Jugendliche verwendet, deren Bereich spielerisch gestaltet waren oder Kinder bei der Medienaufstellung einbezogen wurden, wodurch sich eine höhere Identifikation ergibt.“ Die besichtigten Bibliotheken seien in ihrer Funktion offene, attraktive kulturelle und gesellschaftliche Orte innerhalb der Stadt „und für die Bevölkerung tatsächlich ein gelebter dritter Ort nach dem eigenen Zuhause, der Arbeitswelt oder Schule.   

hov

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