Blumensamen statt Kaugummi

Besonderer Automat soll fleißigen Insekten helfen

Im ersten Moment gar nicht so leicht zu erkennen: Aus diesem alten Kaugummiautomaten am Gartenzaun von Richard Stoisiek und seiner Familie in der Luisenstraße kommt jetzt Saatgut als Bienenfutter.
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Im ersten Moment gar nicht so leicht zu erkennen: Aus diesem alten Kaugummiautomaten am Gartenzaun von Richard Stoisiek und seiner Familie in der Luisenstraße kommt jetzt Saatgut als Bienenfutter.

Nein, bei dem gelben Kasten am Gartenzaun von Familie Stoisiek in der Luisenstraße 64 handelt es sich nicht um einen Briefkasten der Post.

Neu-Isenburg – Und bei näherem Betrachten ist auch schnell festzustellen, dass beim Einwurf einer 20- oder 50-Cent-Münze nicht mit einem Kaugummi in Rot, Gelb oder Grün zu rechnen ist. Was da hängt, ist ein Bienenfutterautomat, gefüllt mit Kunststoffkapseln mit Saatgut für eine artenreiche, bunte Blumenwiese als Inhalt – ideal für jede Futter suchende Biene.

Besitzer des Bienenfutterautomats sind Katharina (36) und Richard Stoisiek (33). Im Mai wollten sie eigentlich ihren zehnten Hochzeitstag feiern – doch Corona machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Das Geschenk, das sich die Beiden von ihren Gästen wünschten, war zu diesem Zeitpunkt aber schon geliefert worden – der alte, zum Bienenfutterspender umgerüstete Kaugummiautomat. Und seit dem 20. Mai – passenderweise der Tag der Biene – ziert der Automat den Zaun der Stoisieks.

„Wir wollten als Paar auch etwas zusammen machen und waren auf der Suche nach einem gemeinsamen Hobby“, blickt Katharina Stoisiek – die Tierärztin widmet sich aktuell ganz der Erziehung ihrer drei Kinder – auf die Anfänge ihrer Bienenleidenschaft zurück. Mit ihrem Mann Richard, der in der Qualitätssicherung eines Chemie- und Pharmakonzerns in Darmstadt arbeitet und sich auch in Isenburgs Freiwilliger Feuerwehr engagiert, nahm sie 2012 an einem Kurs des Bienenzuchtvereins Dreieich teil und beide lernten die Grundkenntnisse der Bienenhaltung.

„Durch einen Zufall habe ich dann meinen ersten Schwarm eingefangen“, erzählt Richard Stoisiek. Ein Feuerwehrkollege hatte ihn auf einen Schwarm aufmerksam gemacht, den er mit einer Kiste und bloßen Händen auf dem Parkplatz am Waldfriedhof einfing. „Ich kann jedem Anfänger nur raten, sich von einem Imkerpaten unterstützen zu lassen“, sagt Stoisiek. Sein Pate Dieter Hanke vom Bienenzuchtverein Dreieich lieh ihm die erste Beute – eine Holzkiste, die als Bienenbehausung dient – sodass Stoisieks den gelb-schwarzen Insekten eine neue Heimat bieten konnten. „Den Großteil der übrigen Beuten habe ich dann selbst gebaut“, erzählt der 33-Jährige.

Im Garten summt und brummt es: Mittlerweile leben am Haus der Familie vier Bienenvölker.

Mittlerweile leben im Garten der Familie vier Bienenvölker, zwei weitere bei den Eltern von Richard Stoisiek, das siebte Volk ist bei einem Freund der Familie untergebracht. Bienen suchen sich in einem Radius von bis zu fünf Kilometern ihr Futter, in der Neu-Isenburger Stadtmitte reicht auch ein Radius von rund 1000 Metern. „Wenn hier ein Schwarm gesichtet wird, rufen sie immer bei mir an“, schmunzelt Richard Stoisiek. „Ihn einzufangen ist nicht die Aufgabe der Feuerwehr, sondern die eines Imkers.“

Ärgerlich nur, wenn er nach einer längeren Autofahrt feststellen muss, dass es sich nicht um Bienen, sondern um Wespen handelt. Daher absolvierte der Isenburger extra einen Kurs, um auch diese umsiedeln zu dürfen. „Acht von zehn Wespenarten stehen unter Naturschutz“, erklärt er.

Während der Vorbereitung zu seiner Rosenhochzeit stieß Richard Stoisiek auf die Homepage von Sebastian Everding aus Dortmund, der aus alten Kaugummiautomaten die Bienenfutterautomaten herstellt. Denn Bienen haben es in Deutschland aufgrund von Flächenversiegelung, Pestizideinsatz und Monokulturen auf vielen Grünflächen immer schwerer, zu überleben. Um den so wichtigen Tierchen zu helfen, entwickelte der Dortmunder die Idee mit den Automaten. „Das passt zu uns“, fand Richard Stoisiek und bestellte einen dieser Automaten, von denen es mittlerweile bereits mehr als 40 Stück in ganz Deutschland, vor allem aber in Nordrhein-Westfalen und den angrenzenden Bundesländern, gibt.

Die alten, roten Kaugummiautomaten kommen in den neuen, gelben Kasten, das System bleibt das alte: Geld einwerfen, einmal drehen und heraus kommt eine Kunststoffkapsel mit dem Saatgut. Die Automaten geben zwei unterschiedliche Saatmischungen fertig gekapselt her. Für 20 Cent ist die einjährige, für 50 Cent die mehrjährige Blühmischung zu haben.

Aber warum Plastikkapseln? Aufgrund des Funktionsprinzips der Automaten ist aktuell der Einsatz von Kapseln aus einem anderen Material (noch) nicht möglich. „Allerdings können die Leute ihre gebrauchten Kapseln bei uns in den Briefkasten werfen“, sagt Richard Stoisiek, der die durchsichtigen Hüllen dann bei der Bienenretter-Manufaktur in Frankfurt neu befüllen lässt.

Mit 400 Kapseln ist das Standardmodell 2er-Bienenautomat randvoll, mehr als 20 Prozent der Kapseln wurden aus dem Automaten in Neu-Isenburg bereits gezogen und in Gärten und auf Wiesen verteilt. „Unsere Nachbarn fanden das eine schöne Idee“, sagt Richard Stoisiek und seine Frau ergänzt: „Das Feedback ist sehr positiv.“ Sebastian Everding hat übrigens nicht nur Bienenfutterautomaten im Sortiment, sondern auch eine gelbe Sammelbox. Für die Mehrweg-Kapseln, nicht für Briefe. (VON PATRICK LEONHARDT)

Infos im Internet gibt es unter bienenautomat.de

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