Im Interview 

Kümmerer nicht nur in der Krise: Bürgermeister Herbert Hunkel wird 75

Ein Jahrzehnt im Amt, insgesamt 60 Jahre bei der Stadt tätig: Bürgermeister Herbert Hunkel hat Neu-Isenburg nicht nur dann im Blick, wenn er für den Fotografen auf der Rathausterrasse im sechsten Stock steht. 
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Ein Jahrzehnt im Amt, insgesamt 60 Jahre bei der Stadt tätig: Bürgermeister Herbert Hunkel hat Neu-Isenburg nicht nur dann im Blick, wenn er für den Fotografen auf der Rathausterrasse im sechsten Stock steht.

Neu-Isenburg ohne ihn? Das kann sich kaum jemand vorstellen. Zehn Jahre ist Herbert Hunkel nun Bürgermeister, seit unglaublichen 60 Jahren arbeitet er im Rathaus.

Neu-Isenburg – Er begann seine Karriere dort als 16 Jahre alter Lehrling, arbeitete sich nach oben und hat viel mitgestaltet. Ob er 2021 noch einmal für den Chefsessel kandidiert, hat er bislang offen gelassen. Viel darüber spekuliert wird aber längst in der Stadt – nicht, weil jemand an seiner Motivation zweifelt. Sondern weil der Rathauschef, der Mitglied in 30 Vereinen ist, eigentlich längst die Rente genießen könnte: Am heutigen Samstag feiert Herbert Hunkel 75. Geburtstag. Im Interview spricht er über Herausforderungen, Pläne und bewegende Momente.

Herr Hunkel, wie sehr hat die Coronakrise Ihre Arbeit und Ihren Alltag verändert?

Der Alltag hat sich für mich grundlegend geändert, seitdem die Krise hier aufgeschlagen ist. Es ist eine vollkommen neue Situation, die wir in dieser Form überhaupt noch nicht erlebt haben; also ich jedenfalls nicht. Es gibt da kein Drehbuch, wie geht man damit um – sondern man wird ständig mit neuen Dingen konfrontiert. Es ist quasi eine Gratwanderung zwischen Präventionsmaßnahmen oder Panik. Man muss auch immer Acht geben, dass man den richtigen Ton trifft. Und sich ständig informieren. Unmengen an Verordnungen kamen seit Mitte März, jeden Tag neue Regelungen, die drei, vier Mal geändert wurden – die Kita-Schließungen, Vorsorgemaßnahmen zum Schutz der Mitarbeiter, und und und. Das sind alles gewaltige Herausforderungen. Und man macht sich natürlich Gedanken: Hat man jetzt alles berücksichtigt, alles richtig ausgelegt? Kurz: Das Thema hat alle anderen Aufgaben in den Hintergrund gedrängt.

Fast täglich sind Sie mit dem Rad in der Stadt unterwegs, um sich etwa an öffentlichen Orten ein Bild von der Lage zu machen . Haben Sie keine Sorge um die eigene Gesundheit?

Ja, manche sagen: Der hat sie nicht mehr alle. Aber mir geht es um die Sorgen der Menschen. Das klingt jetzt blöd, aber ich mach mir halt immer Sorgen: Läuft hier alles gut? Wie reagieren die Menschen? Halten sie die Vorgaben ein, damit sie auch alle unbeschadet durchkommen? Dann hat mich das Thema mit den Hamsterkäufen anfangs sehr beschäftigt, da bin ich in die Lebensmittelmärkte, hab’ mit den Leitungen gesprochen. Auch Gespräche mit den Altenheimen, den Pflegediensten, Taxifahrern oder Senioren in den Heimen sind wichtig. Da ist einfach eine ganze Reihe von Menschen, an die man jetzt denken und sich kümmern muss, dass die auch alle einigermaßen über die Runden kommen. Da kannst du nicht sagen: Jetzt ist fünf Uhr, jetzt geh’ ich heim. Man informiert sich bei den Leuten, was haben die für Sorgen, und versucht, behilflich zu sein. Gott sei dank haben wir bisher keine Erkrankungen in den Altenheimen.

Ein Immer-im-Dienst-Amt also.

Ja, du bist da immer im Dienst. Nachts um vier werde ich wach und dann geht’s los mit den Gedanken oder auch Ideen. Das ist eben derzeit so.

Wie erleben Sie den Umgang der Isenburger mit der Krise?

Ich finde, die Stimmung ist gut, man ist entspannt und verständnisvoll – und hat Geduld, das ist im Moment das allerwichtigste, was wir alle brauchen. Es herrscht keine Angst, oder keine übertriebene Angst. Und die Regeln werden von den Isenburgern und den Unternehmen akzeptiert und beachtet – Einzelfälle natürlich immer ausgenommen. Auch die Netzwerke der ehrenamtlichen Hilfeleistungen funktionieren gut und wachsen regelmäßig. Darüber bin ich sehr froh. Zum Beispiel ist toll, wie sich Jugendliche einbringen. Etwa das Team vom Jugendforum, die sind mit zwölf Leuten unterwegs, die Telefon- und Einkaufsdienste übernehmen.

Seit zehn Jahren sind Sie jetzt im Amt. Wie haben sich die Herausforderungen über die Jahre geändert, weil Neu-Isenburg so stark expandiert – wirtschaftlich und mit neuen Wohngebieten?

Mit dem Wachstum ergeben sich natürlich eine Menge neue Herausforderungen. Die Infrastruktur muss mitwachsen. Sprich: Kindergarten, nachschulische Betreuung, Verkehr, Sicherheit, Einkaufsmöglichkeiten. Da muss viel bedacht werden. Das ist uns ja beim Birkengewann ganz gut gelungen. Und was sehr positiv ist: Im Birkengewann wurden die Wohnungen von vielen Isenburgern gemietet oder gekauft, so um die 66 Prozent. Das spricht dafür, dass es eine richtige Maßnahme ist. Ich gehe auch gerne durch das neue Gebiet, es ist spannend. Grundsätzlich ist es bei solchen Projekten so, dass heute der Umgang mit den Menschen ein ganz anderer ist, als es früher war. Ich hab’ das ja noch erlebt, vor gut 60 Jahren, da ist halt eine Wohnstadt Gravenbruch gebaut worden – und da ist kein Mensch gefragt worden. Da wurde entschieden, die Stadt hat kein Geld, die Bewohner müssen eine Umlage zahlen. So kann man heute mit den Leuten zum Glück nicht mehr umgehen. 

Das sind ganz andere Anforderungen, die heute an uns als Stadt gestellt sind – und das ist gut so. Information, Bürgerbeteiligung, all das gab’s früher nicht, aber das ist ganz wichtig; man lernt da die Menschen und ihre Bedürfnisse kennen. Heute macht man lieber eine Infoveranstaltung mehr als eine zu wenig. Deshalb sind das auch heute viel intensivere Anforderungen, man muss sich intensiv mit den Themen und den Menschen beschäftigen. Es reicht nicht, einfach einen Beschluss zu fassen – und los. Man stelle sich das vor: Damals in Gravenbruch, da hat man 1962 angefangen mit dem Bauen, und ich glaub 1974 ist der erste Kindergarten gebaut worden. Undenkbar, wir würden im Birkengewann erst die Kita bauen, wenn das letzte Haus steht. Besonders freue ich mich auf die Kita im Quartier Süd im Backsteingebäude der Ex-Bundesmonopol, das ist ein Traum, der Entwurf ist mein Lieblingsbild. Der Bebauungsplan fürs Quartier Süd ist jetzt übrigens rechtskräftig, ein weiterer Meilenstein ist damit erreicht: Jetzt ist alles in trockenen Tüchern!

Sie gelten als einer, der sich um alles und jeden kümmert. Leere Vereinskasse? Müll im Vorgarten? Da rufen die Leute mal schnell beim Bürgermeister an. Auch Großprojekte wie eine mögliche Hessentags-Bewerbung haben Sie ins Gespräch gebracht. Kurz: Sie schultern viel. Was treibt Sie an?

Es ist halt so, ich bin hier geboren und diese Stadt liegt mir sehr am Herzen, auch die Menschen. Da versuch’ ich, dass alles wunderbar ist, dass sich alle wohlfühlen. Das ist mir wichtig.

Erinnern Sie sich an den für Sie bewegendsten Moment als Bürgermeister?

Das erste Septemberwochenende 2015, als der erste Bus mit Flüchtlingen in der Rathenaustraße ankam. Den Moment kann ich nicht vergessen, als man sah, wie die kleinen Kinder da ausgestiegen sind, mit der Plastiktüte und da guckt der Teddy raus, das war alles, was sie hatten. Da habe ich im Auto gesessen und geweint. Sehr, sehr positiv bewegt hat mich indes die überwältigende Hilfsbereitschaft, die von den Isenburgern und Firmen ausging. Und die Zeit war auch das einzige Mal, dass ich Morddrohungen bekam.

Was verbinden Sie mit der großen 75?

Das kann ich nicht so recht begreifen, dass ich schon 75 bin; ich kann mich damit einfach nicht anfreunden. Aber die Zahl ist eine Zahl. Und man muss ja dankbar sein, dieses Alter zu erreichen.

Was haben Sie für Ihren Ehrentag geplant?

Wir wollten eigentlich in Hamburg sein, meine Frau und ich. Das war nämlich die erste Fahrt, die wir damals gemeinsam gemacht haben. Jetzt wollten wir endlich mal die Elbphilharmonie anschauen und hatten Karten für ein Konzert dort. An meinem Geburtstag hätten wir das Landesjugendorchester Schleswig-Holstein gehört. Die Hafenrundfahrt war auch schon gebucht. Aber das fällt jetzt natürlich alles ins Wasser. So sind wir jetzt daheim.

Was wünschen Sie sich für Ihre Stadt in den nächsten zehn Jahren?

Ich denke, wir haben alle Chancen, die Stadt so zu entwickeln, dass die Lebensqualität weiter zunimmt. Das ist ja unser Ziel. Ich denke an die RTW, an das ganze Thema Hugenottenhalle, ans Stadtumbau-Programm. Und das Quartier Süd, wo aus einer Industriebrache ein grünes, lebendiges Stadtviertel entstehen wird – das sind wunderschöne Möglichkeiten. Und mein Traum wäre, dass ich noch einmal mit der Straßenbahn durch Neu-Isenburg fahren könnte. Und mit der RTW sowieso. Da ist ja der Baubeschluss von der Gesellschaft gefasst, die Mittel stehen bereit – jetzt muss Baurecht geschaffen werden.

Die Stadt hat so viele Großprojekte vor der Brust. Ist zu befürchten, dass diese Vorhaben nun durch die Coronakrise beeinträchtigt werden?

Da müssen wir jetzt mal abwarten. Wir werden sicher das ein oder andere strecken müssen aufgrund der Krise. Beim Förderprogramm Stadtumbau etwa, da werde ich versuchen, eine Verlängerung zu erreichen, weil man die Auswirkungen nicht absehen kann. Meine Mitarbeiter habe ich gebeten, jetzt sämtliche Ausgaben im Zusammenhang mit Corona zu dokumentieren. Und auch die entgangenen Einnahmen. Das wollen wir dann dem Land präsentieren, weil der Ministerpräsident ja auch zugesagt hat, dass das Land auch für die Kommunen eine Regelung treffen will.

Ihre Amtszeit geht bis April 2022. Was sagen Sie den Leuten, die jetzt schon nach dem Danach fragen?

Dass ich dafür im Moment in meinem Kopf keinen Platz habe, was in 2022 ist. Diese Frage werde ich erst ein Jahr vor Ende der Amtszeit beantworten, das bietet sich ja an – etwa nach der Kommunalwahl im Frühjahr 2021, dann muss man natürlich Farbe bekennen. Aber im Moment habe ich jede Menge Aufgaben im Kopf, da steht so viel noch vor uns, nicht nur Corona. Mein Thema ist jetzt: Wie kannst du das alles am besten lösen für die Stadt.

Was würden Sie den Bürgern in diesen Tagen besonders mit auf den Weg geben?

Die Menschen sollen ihre Geduld und gute Laune behalten – und das sehr, sehr wichtige menschliche Miteinander hier. Das empfinde ich auch als meine wichtigste Aufgabe, für ein gutes Miteinander zu sorgen. Und ich bitte die Isenburger, dass sie das so weitermachen. Klar, diese Ungewissheit mit Corona, die ist schlimm. Aber wir werden das gemeinsam hinkriegen und einander helfen.

Herr Hunkel, einen schönen Geburtstag.

Das Gespräch führte Barbara Hoven

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