Andere Länder, andere Corona-Geschichten

So erlebte ein Auswanderer aus Neu-Isenburg die Corona-Krise in Kanada

Entspannt in Toronto: Timon Wientzek (hier mit Ehefrau Kristiann) hat den Eindruck, die Kanadier gehen mit der Coronakrise locker um.
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Entspannt in Toronto: Timon Wientzek (hier mit Ehefrau Kristiann) hat den Eindruck, die Kanadier gehen mit der Coronakrise locker um.

2000 Dollar für jeden und keine Maskenpflicht: So sieht die Corona-Pandemie in Kanada aus.

Toronto/Kanada – Wie lässt sich die Corona-Pandemie am besten eindämmen? Mit strikten Ausgangsbeschränkungen wie in Italien oder Spanien? Mit totaler Überwachung wie in China? Oder ist doch der inzwischen viel zitierte schwedische Weg die beste Methode? Und wie beurteilen deutsche Auswanderer die Maßnahmen in der Bundesrepublik im Vergleich zur Situation in ihrer Wahlheimat?

Timon Wientzek ist 2007 von Neu-Isenburg nach Kanada ausgewandert. Mit seiner Frau – einer Kanadierin – wohnt er in der Großstadt Toronto. Der selbstständige Musiker und Komponist produziert Musik für Film, Fernsehen und Werbung. Serienfans könnten seine Werke aus der Sitcom „Workin’ Moms“ kennen, die beim Streaming-Anbieter Netflix gezeigt wird. „Zurzeit ist es natürlich schwierig, weil die Produktionen komplett runtergefahren sind“, beschreibt er seine persönliche Situation. Nur für eine computer–animierte Serie produziere er noch, weil diese ohne Schauspieler auskomme, erzählt der 37-jährige gebürtige Isenburger.

Doch große Sorgen oder Existenzängste hat er nicht, denn die kanadische Regierung hat ein umfangreiches Corona-Hilfsprogramm aufgelegt: Demnach bekommt jeder Staatsbürger und auch jeder in Kanada wohnhafte Steuerzahler ab 15 Jahren 2000 Dollar monatlich ausgezahlt, wenn denn kein Anspruch auf Arbeitslosengeld besteht und das Einkommen ausfällt. „Es ist sehr unkompliziert und unbürokratisch gewesen, das Geld zu beantragen und zu bekommen“, lobt der Musiker die kanadischen Behörden.

Denn auch in Kanada wurden Schulen, Kitas und Geschäfte geschlossen, die Grenzen dichtgemacht, das öffentliche Leben kam zum Erliegen. „Die Straßen waren wie ausgestorben, und die Fahrzeuge des normalerweise immer überfüllten ÖPNV waren leer“, beschreibt Timon seine Eindrücke aus Toronto.

Inzwischen werden auch in Kanada die Einschränkungen gelockert, eine Maskenpflicht bestehe allerdings nicht. Damit die Menschen wieder in die Parks gehen können, wurden dort Abstandsmarkierungen angebracht. Als dort dann am Wochenende tausende junge Leute feierten, hätten die Bilder für einen Aufschrei in der Öffentlichkeit gesorgt, erzählt Timon. Allgemeine Entrüstung löste allerdings auch ein Vorfall aus, bei dem ein Vater mit seinen beiden Kindern auf Rollerblades unterwegs war und wegen eines angeblichen Verstoßes gegen die Corona-Maßnahmen von der Polizei zur Kasse gebeten wurde.

Insgesamt gingen die Kanadier ganz entspannt mit Corona und den Maßnahmen um, allerdings sei – ähnlich wie in Deutschland – zu Beginn der Krise von vielen Menschen Klopapier gebunkert worden. Auch kleinere Proteste gegen die Schließung von Geschäften habe es gegeben.

Als Musiker, der selber häufiger mit seiner Band auftritt, hat er einen besonderen Blick auf die Kulturszene in Toronto, um die er nun fürchtet: „Alteingesessene kleinere Clubs und Konzerthallen in der Stadt müssen schließen.“ Die Coronakrise verstärke die Gentrifizierung in Toronto, „irgendwann ist das nur noch eine Stadt der Reichen“.

Er hofft, dass er mit seiner Band In The City bald wieder in den Bars der Stadt auftreten kann, „zumindest in denen, die noch übrig sind“. Allerdings befürchtet er, dass das noch eine Weile dauert. „Ich bin gespannt, wie sich die Coronakrise langfristig auswirken wird und wie es weitergeht.“

Infos unter weareinthecity.com

VON NIELS BRITSCH

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