Thomas Reiter im Fokus

Feierliche Enthüllung der Straßenschilder im Birkengewann

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Geduldiger Ehrengast: Weil er beim ersten feierlichen Enthüllungs-Anlauf, bei dem er auf einer Klappleiter stand, von einem Schild verdeckt war, macht Thomas Reiter gemeinsam mit seiner Frau Consuela das Ganze auf Bitten der Fotografen gestern gleich noch ein zweites Mal fürs gewünschte Bild mit.

Neu-Isenburg - So etwas nennt man wohl einen großen Bahnhof: Mit einem feierlichen Akt, zu dem rund 100 Gäste erschienen, hat die Stadt gestern die offizielle Einweihung der Straßen im Birkengewann zelebriert. Von Barbara Hoven 

Besonders im Fokus stand dabei einer der drei noch lebenden Namensgeber und der wohl berühmteste Sohn der Stadt: Für Ehrenbürger und ESA-Astronaut Thomas Reiter fiel die Einweihung mit seinem 60. Geburtstag zusammen. Bei einigen Kommunalpolitikern stößt das Event indes auf Unverständnis. Nach den Maßstäben eines Mannes, der zweimal im Weltall war, von der russischen Raumstation MIR aus als erster Deutscher einen Weltraumspaziergang unternahm und 166 Tage als Bordingenieur auf der ISS gearbeitet hat, ist das gestern natürlich ein recht ebenerdiger Moment: Diesmal reicht eine kleine Klappleiter, um das Schild „Thomas-Reiter-Straße“ samt dazugehörigem Legendenschild mit kurzem Erläuterungstext zum Namensgeber zu enthüllen. Trotzdem: Dem prominenten Geburtstagskind steht durchaus glaubhafte Freude über diese Würdigung ins Gesicht geschrieben. „Es ist eine große Ehre für mich, ich bin hin und weg“, sagt die Astronauten-Legende mehrfach. 41 Jahre zuvor hat Thomas Reiter nur wenige Meter von der nach ihm benannten, langen Haupterschließungsstraße für das große Neubaugebiet entfernt das Abitur an der Goetheschule gemacht – und erzählt, er erinnere sich noch gut daran, wie das Birkengewann-Areal damals aussah, „es gab hier zum Beispiel eine Gärtnerei und einen Ponyhof“.

Das Ständchen, das die rund 100 zum Festakt erschienenen Gäste zuvor singen, gilt aber gestern nicht nur Reiter allein: Auch Veronika Leukroth, bekannt durch ihr Engagement in der IG Vereine, hat an diesem 23. Mai Geburtstag und hört viele Glückwünsche. Ob sich Reiter und Leukroth später auch die Geburtstagstorte in Raketenform geteilt haben, die Bürgermeister Herbert Hunkel dem Ehrenbürger im Laufe der Feier überreicht, ist nicht überliefert. Der Rathauschef jedenfalls strahlt mit der dann doch kurz auftauchenden Sonne um die Wette. Er freue sich sehr, dass Thomas Reiter an seinem Geburtstag nach Neu-Isenburg gekommen sei.

Ein Baugrundstück an „seiner“ Straße habe er sich aber nicht gesichert, verrät Reiter, der mit seiner Familie heute bei Oldenburg lebt und bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA in verantwortlicher Position tätig ist. Aber auch so habe er ja nach wie vor einen Grund, Isenburg immer wieder zu besuchen – „denn meine Schwester und mein Schwager wohnen hier in unserem Elternhaus im Tannenweg“. Der Termin gestern hat bekanntlich eine jahrelange Vorgeschichte, immer wieder hatte die Lokalpolitik über die Straßennamen für das rund 24 Hektar große Birkengewann diskutiert. Umstritten war und ist bis heute die Frage, ob Straßen nach noch lebenden Personen benannt werden sollten. Vor eineinhalb Jahren fiel dann „mit Mehrheit“ die Entscheidung; mittlerweile sind aus den Planstraßen A, B, C längst auch in Realität die Robert-Maier-, die Thomas-Reiter-, die Rudolf-Seiferlein-, die Anny-Schlemm-, die Wilhelm-Leichum- und die Walter-Norrenbrock-Straße geworden. Schon seit dem Frühjahr stehen die Schilder. Der zentrale Platz wird zum Wilhelm-Arnoul-Platz. Die Stadt, so erläutert es der Bürgermeister, ehre mit der Benennung verdiente Isenburger und Ehrenbürger.

Mit den Straßennamen im Birkengewann möchte die Stadt einige ihrer verdienten Söhne und Töchter ehren. Zum Gruppenbild stellten sich gestern nach der feierlichen Enthüllung der Schilder (von links) Stadtverordnetenvorsteherin Christine Wagner, Erster Stadtrat Stefan Schmitt, Berthold Depper (in Vertretung von Anny Schlemm), Maria und Walter Norrenbrock, Consuela und Thomas Reiter, Christel Malkemus, Bürgermeister Herbert Hunkel, Klaus Leichum, das zweite Geburtstagkind Veronika Leukroth und Walter Bechtold auf.

So enthüllt gestern neben Reiter auch Walter Norrenbrock sein Straßenschild persönlich. Nicht anreisen konnte indes Ehrenbürgerin Anny Schlemm. Die 1929 in Isenburg geborene Opernsängerin, die auf eine fast 60-jährige Bühnenkarriere zurückblickt, lebt mittlerweile in Graz bei ihrem Sohn. „Sie lässt aber liebe Grüße übermitteln und ausrichten, dass sie sich sehr über die Ehrung freue“, berichtet Hunkel. An ihrer Stelle enthüllt der Vorsitzende der Franz-Völker-Anny-Schlemm-Gesellschaft, Berthold Depper, das Schild.

Stadtverordnetenvorsteherin Christine Wagner geht gar einen Tick zu stürmisch ans Werk: Als sie schwungvoll das Schild für den 1996 verstorbenen Robert Maier enthüllen will, der von 1990 bis 1996 als Bürgermeister die Geschicke der Stadt geleitet hat, reißt die Schnur; die schwarze Hülle indes bleibt hängen. Walter Bechtold und Veronika Leukroth übernehmen die Enthüllung der Straße für Rudolf Seiferlein (1921 - 2010), der als Motor des Vereinslebens galt. Und Klaus Leichum ist da, um das Schild für seinen verstorbenen Vater und erfolgreichsten Sportler der Stadt, den 1911 geborenen und 1941 im Zweiten Weltkrieg gefallenen Wilhelm Leichum, zu enthüllen.

Hin und weg ist gestern übrigens nicht nur der Ehrengast. Sondern auch die Jungen und Mädchen der Klasse 6 aF der Brüder-Grimm-Schule, die ins Birkengewann gekommen sind. „Das ist für die Kinder eine ganz spannende Sache, hier wo sie wohnen und wo Thomas Reiter auch aufgewachsen ist, auf den Astronauten zu treffen“, sagt ihr Lehrer Max Damm. Geduldig lässt Reiter sich von den Schülern mit Fragen löchern und erzählt von seiner Zeit im All. Zuallererst wollen die Schüler wissen, wie ein Astronaut auf Toilette geht. Bei der Frage, wie man in der Schwerelosigkeit isst, erfahren die Kids, dass es damals kein Brot an Bord gab – weil herumfliegende Krümel der Technik gefährlich werden könnten. Den Schülern gefällt, was sie hören, sie lachen viel.

Einweihung der Straßen im Birkengewann: Bilder

Doch nicht alle Isenburger teilen gestern die Feierstimmung. FDP-Fraktionschef Thilo Seipel etwa bleibt der Veranstaltung mit Ansage fern – und zwar ausdrücklich nicht (nur), weil er beruflich verhindert sei. Sondern auch, so betont Seipel per Pressemitteilung, „weil ich nach wie vor eine Benennung von Straßen nach lebenden Personen, in diesem Fall Reiter, Schlemm und Norrenbrock, ablehne“.

Das Lebenswerk einer Person, so begründet Seipel seine Haltung, „kann erst umfassend nach ihrem Ableben gewürdigt werden; im Fall, dass eine Person noch lebt, ist es theoretisch möglich, dass sie sich bis zum Ende ihres Lebens noch irgendetwas zu Schulden kommen lässt oder sonst irgendetwas vorfällt, was eine Straßenbenennung im Nachhinein als unmöglich erscheinen lässt“. Dann eine Straße wieder zurück zu benennen, sei mit Kosten und Mühen für die Anwohner verbunden. In anderen Städten sei es gute Sitte, eine Straßenbenennungssatzung zu haben, die eine Benennung nach einer Person erst nach einigen Jahren nach deren Ableben zulässt. Dies sei etwa in Frankfurt der Fall.

Er verstehe nicht, „warum wir hier in Neu-Isenburg von diesem guten Brauch abweichen, der auch vor dem Hintergrund des dunkelsten Kapitels in unserer Geschichte zu sehen ist“. Deshalb habe er seinerzeit im Stadtparlament, wie seine Kollegen der FDP-Fraktion, gegen die Benennung gestimmt. Auch andere Lokalpolitiker äußern sich gestern auf Nachfrage skeptisch – vor allem auch in der Frage, ob so eine Art der Feierlichkeit noch in die Zeit passe. Seipel schließt mit einem Appell: „Wir sollten uns in Isenburg Gedanken über eine Straßenbenennungssatzung machen.“

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