Damit die Kinder wieder dazugehören

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„Junge am Autofenster“ lautet der Titel dieses Bildes von Dr. Frank Freytag.

Neu-Isenburg - Tief beeindruckt sei er gewesen, sagt Peter Heßler, als er zum ersten Mal die Fotos von Dr. Frank Freytag vor sich liegen hatte. Die Fotos sind in einer Ausstellung bei der Volksbank zu sehen. Von Katrin Stassig

Kunsthistorikerin Esther Erfert war es, die den Macher und Herausgeber des Magazins „Respekt OF“ auf die Bilder des Isenburger Arztes aufmerksam machte. Verblüfft sei er gewesen über das professionelle Niveau der Schwarz-weiß-Porträts, erinnert sich Heßler. So hat eine Auswahl von Freytags Fotografien ihren Weg in die neueste Ausgabe der Kreis-Ausgabe von „Respekt“ gefunden.

„Wir möchten Menschen vorstellen, die wegweisende Vorbilder sind, Menschen aus der Region, die vielleicht nicht jeden Tag in der Zeitung erscheinen“, beschreibt Peter Heßler eine Intention seines Magazins. In der aktuellen Ausgabe, der dritten insgesamt, geht es zum Beispiel um Willy Spahn, Vater der Rodgauer Schul-Bigbands, und um Ilona Jäger, die sich, nach einem herben beruflichen Rückschlag, mit der Feinkosthandlung „Jügesheimer Culinaria“ eine neue Existenz aufgebaut hat.

Aus einem Urlaubstag wurde eine ärztliche Konsultation

Einer dieser Menschen ist eben auch der Internist und Pneumologe Frank Freytag. Geboren 1962, hat er in Frankfurt Humanmedizin studiert und über Asthma und Allergien promoviert. Seit 2002 betreibt er seine Praxis im Isenburger Facharztzentrum. 2005 hat er im Nordosten von Brasilien ein eigenes medizinisch-humanitäres Hilfsprojekt ins Leben gerufen.

Wie kam es dazu? In Deutschland lernte er seine Frau, eine Südamerikanerin, kennen. Sie bekamen zwei Kinder, heute sechs und acht Jahre alt, und besuchten mit dem Nachwuchs Angehörige seiner Frau im Hinterland von Brasilien. „Du bist doch Lungenarzt, geh" doch mal in die Schule, da gibt es ein asthmakrankes Kind“, hörte er dort von den Einheimischen. So wurde aus einem Urlaubstag eine ärztliche Konsultation: Freytag untersuchte alle Kinder der Schule.

Finanzielle Unterstützung aus Deutschland

Dabei fiel sein Augenmerk schließlich auch auf jene, die nicht dazugehörten, die nicht den Unterricht besuchten, sondern nur von draußen hereinschauten. „Eigentlich müsste man denen helfen“, sagte er sich. Die Straßenkinder von Poco Branco wurden somit zur Zielgruppe seines Hilfsprojekts. Es trägt den Namen „Capodanca“ – ein Kunstwort aus Capoeira und Tanz. Denn über die Tanzkampfkunst gelingt es, an die Kinder und Jugendlichen heranzukommen – es hat für sie eine ähnliche Bedeutung wie Fußball. Den Jugendlichen, die nur das hatten, wollte Freytag einen Raum schaffen, wo sie trainieren können.

2009 gründete er in Brasilien einen gemeinnützigen Verein – der allerdings in der ärmlichen Gegend keine Spenden generiert. Finanzielle Unterstützung bekommt der Arzt aus Deutschland. Sein Projekt hat viele Förderer gefunden und ist hierzulande in den Verein „Kinderbrasil“ eingebunden.

An strenge Regeln halten

Nicht nur Sport wird vor Ort angeboten, sondern auch PC-Kurse und medizinische Beratung. Die Capoeira-Schule in Poco Branco spricht inzwischen nicht mehr nur Kinder von der Straße an, sondern auch jene aus ärmeren Familien. „Wir wollen den Eltern beibringen, die Kinder nicht zum Arbeiten aufs Feld oder in den Schlachthof zu schicken, sondern in die Schule und zu unserem Projekt“, sagt Freytag. „Und das gelingt uns ganz gut.“

Wer am Capoeira teilnehmen möchte, muss sich an strenge Regeln halten, muss nachweisen, dass er in die Schule geht – und Drogen und Alkohol sind verboten. „Die Kinder begrüßen das.“ Es gibt einen Sportdress, eine Art Uniform, die sie mit Stolz tragen, weil sie nun dazugehören. „Sie sagen: Vorher habe ich mich wie Dreck gefühlt“, erzählt Freytag. Solche Aussagen trösten darüber hinweg, dass es auch Jugendliche gibt, die das Projekt nicht erreichen kann.

Vom Kind zum Greis

Bei seiner Arbeit vor Ort hat der Arzt immer wieder Einheimische fotografiert: Kinder beim Capoeira, Jungen auf der Straße, die faltigen Gesichter alter Menschen. Porträts einzufangen bedeutet für ihn, sich intensiv mit seinem Gegenüber auseinander zu setzen. Ein Leitmotiv in seinen Bildern ist der Lebenszyklus: vom Kind zum Greis.

Freytags Werke sind vom 22. Mai bis 22. Juli in der Filiale der Volksbank Dreieich (Frankfurter Straße 61-65) zu sehen. Die Ausstellung in der Reihe „Vorsicht Kunst!“ wird am Dienstag um 19 Uhr eröffnet.

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