Nach 1200 Kilometern angekommen

Neu-Isenburg: Französisches Ehepaar auf dem Pfad der Hugenotten

Sie haben sich eine Pause redlich verdient: Das Ehepaar Reslinger (rechts) auf dem Marktplatz im Alten Ort mit Christel Passinger (links) und Brigitte Ifftner. 
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Sie haben sich eine Pause redlich verdient: Das Ehepaar Reslinger (rechts) auf dem Marktplatz im Alten Ort mit Christel Passinger (links) und Brigitte Ifftner. 

Das Ehepaar Beatrice und Christian Reslinger aus Lille ist von Frankreich bis Neu-Isenburg gelaufen. 

Neu-Isenburg - Der Hugenotten- und Waldenserpfad bietet die einzigartige Möglichkeit, den Fluchtweg der protestantischen Hugenotten und Waldenser Ende des 17. Jahrhundert von Frankreich und Italien aus nach Deutschland nachzuvollziehen und dabei reizvolle Landschaften und Städte zu entdecken. Das Ehepaar Beatrice und Christian Reslinger aus Lille hat den ganzen Weg von Frankreich bis Neu-Isenburg absolviert.

Beide sind froh, dort angekommen zu sein. Das hat gleich mehrere Gründe. Einerseits werden sie selten so offiziell und auch persönlich begrüßt, andererseits tut ihnen eine Pause ohne Tagesmärsche gerade gut. Nach einem strammen Wanderprogramm haben sie nicht nur die von Hugenotten gegründete Stadt erreicht, sondern auch ihre gute Freundin Brigitte Ifftner aus Dörnigheim. Die Wanderer hatten sich 2012 in Bad Karlshafen kennen gelernt und ein Jahr später eine gemeinsame Tour unternommen. Nun hat Ifftner ihre Freunde in Neu-Isenburg „abgeholt“.

Ihr erster Weg führt in das Stadtmuseum Haus zum Löwen, wo sie von Museumsleiter Christian Kunz, Bürgermeister Herbert Hunkel und Christel Passinger, Archivarin der evangelisch-reformierten Marktplatzgemeinde, empfangen werden. „Das ist ja wirklich ein wunderbares Erlebnis. Wir haben schon viele schöne Begegnungen mit freundlichen Menschen gehabt – aber das ist etwas Besonderes“, betont Beatrice. Dann geht es direkt in die Abteilung der Hugenotten, wo die Geschichte der Glaubensflüchtlinge und Stadtgründer von 1699 sehr anschaulich dargestellt ist.

„Damals haben insgesamt rund 160 000 Glaubensflüchtlinge ihr Land verlassen“, erzählt der Museumsleiter. Davon kamen 44 000 nach Deutschland. „Das überrascht uns, weil wir das so noch nicht dargestellt bekamen“, erklärt das Ehepaar.

Stolz präsentiert Kunz das Originalporträt des Stadtgründers Graf Johann Philipp – eine Leihgabe des Fürstenhauses Birstein – und die „Brandkiste“. „Diese Holzkiste hat 1871 der damalige Pfarrer aus dem brennenden Gemeindehaus retten können und darin war unser größter Schatz – dieses Buch“, zeigt Kunz auf eine Vitrine mit dem Konsistorienbuch. Anhand von Gerichtsaufzeichnungen lassen sich die Anfangsjahre der Siedlung recht gut nachzuvollziehen. So finden sich Fälle wie der des Mädchens, das vor das Gericht zitiert wurde, weil es gesehen wurde, wie es einen Einheimischen küsste. Damit war ihre Ehre dahin. Das war sozusagen der erste Mobbing-Fall in der Hugenottensiedlung. Und andere haben gar in fremder Gesellschaft bei den Katholiken im Forsthaus Gravenbruch an einem Sonntag getanzt. Im Anschluss ans Museum führt Christel Passinger das Paar noch in die Kirche und zeigt ihnen historische Dokumente.

Begonnen hatten die Pädagogin Beatrice (65) und der Ingenieur Christian Reslinger (67) ihre Tour in Le Poët- Laval am Start des Hugenotten- und Waldenserpfades. Mit einem rund acht Kilo schweren Rucksack ging es am 8. August los – und dieser wurde nicht leichter. „Eine ganze Weile hatten wir Glück mit dem Wetter, doch gerade in den vergangenen Tagen ziemlich Pech“, erzählt Christian. „Wir haben uns stramme Tagesstrecken vorgenommen und auch durchgehalten.“ Ganz schön anstrengend war die Passage über den Gebirgszug Chambéry, wo sie bis über 2 500 Meter hoch mussten. „Die Schweiz haben wir ganz schnell durchwandert, weil dort die Übernachtungskosten sehr hoch sind“, berichtet er. Zwischendurch mussten sich beide ihre Wanderschuhe neu besohlen lassen.

Das hat ihre Freude an der bisher bewältigten Strecke von 1 200 Kilometern nicht getrübt. Dafür sorgten die schönen Erlebnisse unterwegs und die Begegnungen mit den Menschen. Den Rest der Strecke, von Offenbach bis Braunfels, wollen beide unbedingt noch schaffen, obwohl Beatrice buchstäblich am Stock geht. „Ich bin vor zwei Tagen auf das Knie gefallen, das macht jetzt ein paar Probleme“, bedauert sie.

Ob sie noch einmal von einem Bürgermeister begrüßt werden, wissen sie nicht – möglicherweise am Ziel in Braunfels. Zurück nach Lille geht es dann aber wesentlich schneller – mit dem ICE und TGV. Neu-Isenburg werden Beatrice und Christian Reslinger auf jeden Fall in bester Erinnerung behalten.

VON LEO F.POSTL

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