Kundgebung auf dem Wochenmarkt

Fußballer gegen Rassismus

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Keine Siege schmecken süßer als die gegeneinander. Leider können sich beide Vereine seit Ewigkeiten nur noch im Pokal begegnen. Bei „Fußballer gegen Rassismus“ stehen Kickers- und Eintrachtfans jedoch zusammen – nicht nur auf dem Wochenmarkt am Samstag.

Neu-Isenburg - Nach „Lesen gegen rechts“ und den „Omas gegen rechts“ positionierten sich diesmal zum samstäglichen Wochenmarkt auf der Bahnhofstraße unter dem Dach der Initiative „iburg_ohne_rassismus“ die „Fußballer gegen Rassismus“. Von Stefan Mangold 

Zur Aktion, bei der sich am Infostand Flagge zeigen ließ für Toleranz im Sport, inspirierte die Aussage von Eintracht-Präsident Peter Fischer, dass kein AfD-Wähler Mitglied bei der Eintracht sein könne.
Um den Fußball tummeln sich nicht nur die treuen Fans, die beim Abstieg heulen. Dieter Kasper, Mit-Initiator der Initiative „iburg_ohne_rassismus“, behielt nicht nur in Erinnerung, dass Anthony Yeboah in Frankfurt zum ersten afrikanischen Mannschaftskapitän der Bundesligageschichte avancierte; sondern auch, wie Eintrachtfans Yeboah mit Affenlauten bedachten, als der noch für Saarbrücken gegen Frankfurt auflief. Im Jahr 1990 wehrten sich Yeboah, Anthony Baffoe und Souleyman Sané, der Vater des deutschen Nationalspielers Leroy Sané, in einem offenen Brief gegen den Rassismus, der ihnen im Volksparkstadion, auf dem Betze oder in der Grotenburg-Kampfbahn von den Rängen entgegen schwappte.

Auf einem Tisch steht am Samstag ein Bildschirm, der ein Interview mit Kevin-Prince Boateng wiedergibt: „Du wirst gehasst, weil du eine andere Hautfarbe hast. Den Schmerz können sich viele nicht vorstellen.“

Hier ergibt sich ein nicht all zu oft beobachtetes Bild, Fans der Eintracht im Zusammenspiel mit Anhängern von Kickers Offenbach. Im Eintracht-Trikot läuft etwa die Isenburger Sport-Coachin Ayse Tschischka auf, die erklärt, zu ihrem Leidwesen hielten die meisten ihrer Freunde einem anderen Club die Daumen, „oder sie wählen eine andere Partei“. Zur Eintracht hält auch Gerd Geiger, der aus Offenthal in die alte Heimat gekommen ist. Der 55-Jährige trägt das Trikot von „Club Voltaire“, eine von einst 40 Schobbemannschaften in der Stadt, „wir haben auch mal die Stadtmeisterschaft gewonnen“. Geiger kickte noch beim legendären FC Buko-Bar, die später offiziell als Sondermannschaft der Spielvereinigung 03 kickte. Für die trat auch Initiator Kasper an, der weiß, dass sich Rassismus quasi multikulturell verstehen lässt.

Spieler von jüdischen Makkabi-Vereinen wissen das nur zu genau. Sie erleben ständig, dass vor allem arabische Gegenspieler nur der gegen sie selbst gerichtete Rassismus stört; sich ansonsten aber mit „Drecks-Jude“ und „Juden ins Gas“ am Repertoire von Neonazis bedienen.

„In den unterklassigen Ligen ist es in den vergangenen anderthalb Jahren so aggressiv und hasserfüllt wie nie zuvor“, betont dieser Tage der Frankfurter Alon Meyer, Präsident vom Dachverband Makkabi Deutschland. Dieter Kasper stimmt dem Hessischen Fußballverband zu, dessen Vize Torsten Becker sagt: „Wir können nicht dulden, dass sich der Antisemitismus auf unseren Fußballplätzen ausbreitet und zur Gewohnheit wird.“

Kasper, der bei den 03ern in der dritten Mannschaft mittrainiert, erzählt von positiven Erfahrungen mit Spielern, die als Jugoslawen auf die Welt kamen, deren Verwandte dann als Bosnier, Serben und Kroaten aufeinander schossen: „Zwischen ihnen gibt es keine Probleme.“

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Lesung, Diskussion, Kundgebung: Auf vielfältige Weise macht die Initiative „iburg_ohne_rassismus“ seit einem Monat und noch bis zur Landtagswahl an jedem Samstag auf dem Wochenmarkt mobil. Dass die Aktionen ankommen, wird schnell deutlich. Mancher Passanten schaut neugierig herüber, während er in der Schlange bei einem Marktbeschicker wartet. Andere kommen zum Infostand, bleiben stehen, suchen das Gespräch. Zeitweise sammeln sich große Trauben von Leuten am Stand, an dem die Sportler Flagge zeigen.

Auch Matthias Loesch schaut am Samstag vorbei. Der pensionierte Pfarrer der evangelisch-reformierten Marktplatzgemeinde trägt natürlich ein Kickers-Trikot. Loesch spricht ebenfalls ein Vokabular an, das sich braun pigmentiert anhört, von „wir werden sie jagen“ eines Alexander Gauland, dem Vize-Chef der AfD, und den Gewaltfantasien auf der Facebook-Seite der AfD-Fraktion im Hochtaunuskreis.

Nicht weit weg befindet sich ein Stand der AfD. Diesen Stimmenwerbern etwas entgegenzusetzen, dies war beispielsweise für die „Omas gegen rechts“ eine Motivation, sich zu positionieren. Die Initiative „iburg_ohne_rassismus“ betont aber auch, es gehe nicht darum, sich an der AfD abzuarbeiten. Sondern darum, auf den alltäglichen Rassismus aufmerksam zu machen. Gerade angesichts der dramatischen Entwicklungen in Chemnitz und anderswo wollen die Isenburger verstärkt weiter arbeiten gegen Rassismus.

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Zuletzt hatte es auch in der Region Fälle von rassistischen Übergriffen gegeben: Im Main-Kinzig-Kreis war eine Fußballmannschaft aus Dietesheim attackiert worden, in Offenbach berichtet ein Spanier von einer Attacke seiner Nachbarn.

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