Immer ein offenes Ohr

Nach fast 30 Jahren: Frauenbeauftragte in Neu-Isenburg geht in Ruhestand

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Seit 2012 war Gabriele Loepthin auch für die Bertha-Pappenheim-Gedenkstätte zuständig. Nun ist sie in den Ruhestand gegangen.

Nach fast 30 Jahren als Frauenbeauftragte der Stadt hat Gabriele Loepthien ihr Büro ausgeräumt und ist Ende Dezember in den Ruhestand gegangen.

Neu-Isenburg –  Drei Jahrzehnte war sie Ansprechpartnerin für die weiblichen Beschäftigten der Verwaltung, war bei unzähligen Einstellungsverfahren und Entwicklungsprozessen im Rathaus beteiligt und hatte immer ein offenes Ohr für die Bürgerinnen. 2012 übernahm sie dazu noch die Leitung der 1996 gegründeten Gedenkstätte zu Ehren der jüdischen Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim.

„Als ich am 1. Mai 1990 meine Stelle antrat, gab es keine Frauenbeauftragte im Rathaus“, erinnert sich Loepthien. Die studierte Diplompädagogin schnuppert als Schwangerschaftsvertretung im Wetteraukreis schon 1988/89 in die Verwaltung als Frauenbeauftragte hinein. Damals fordert gerade eine Fraueninitiative in Neu-Isenburg vehement ein solches Büro. Ein erster Parlamentsbeschluss schreibt eine ganze Stelle aus, ein Jahr später, 1990, gibt es nach veränderten politischen Mehrheiten nur noch eine halbe Stelle, die Loepthien antritt.

Verwaltung, sagt sie, war grundsätzlich schon immer ein gutes Arbeitsfeld für Frauen: „Die Stadt als öffentliche Arbeitgeberin ist verpflichtet, sich in einer Vorreiterinnenfunktion an gesetzliche Regelungen zu halten. Das bot Frauen beispielsweise schon immer eine größere Flexibilität innerhalb vorhandener Arbeitszeitregelungen als in der freien Wirtschaft.“ Die Quote von weiblichen Beschäftigten war bereits höher als 50 Prozent, als sie ihre Arbeit aufnahm – allerdings war man auf der Führungsebene von diesen Dimensionen noch weit entfernt. „Das ist etwas, was sich wirklich sehr verändert hat. Heute sind im Rathaus 79 Prozent der Beschäftigten weiblich, in keinem Fachbereich gibt es heute mehr eine Unterrepräsentanz von Frauen und auch auf der Führungsebene haben wir viele Chefinnen“, so Loepthien. So werden die Fachbereiche Recht-Sicherheit und Ordnung, Wirtschaftsförderung/Öffentlichkeitsarbeit/Liegenschaften, Finanzen, Kinder- und Jugend, Soziales, Stadtplanung, Standesamt und Personal von Frauen geführt, die in den meisten Fällen weibliche Stellvertretungen haben.

Der öffentliche Dienst sei bei den Mitarbeiterinnen in Führungspositionen nach wie vor ein Vorreiter: „In der Wirtschaft tun sie sich in manchen Branchen bis heute schwer, Stellen und Führungspositionen geschlechtsneutral auszuschreiben“, weiß die Fachfrau. Dabei ist Loepthien überzeugt: Quotenfrauen gibt es nicht. „Ich kann es aus persönlicher Erfahrung aus den vielen Einstellungsverfahren sagen: Frauen sind oftmals so viel besser vorbereitet. Sie stehen noch immer unter Druck und haben das Gefühl, einfach besser sein zu müssen.“ So geben die Bewerberinnen oftmals ein besseres Bild ab.

Über die Jahre entwickelt sich die Stelle im Frauenbüro der Stadt weiter, seit 1997 gibt es die gesetzliche Verpflichtung, mindestens 50 Prozent der Arbeitszeit für interne Aufgaben rund um die Mitarbeiterinnen aufzuwenden. Loepthien stockt Arbeitszeit auf und hat schon vorher eine Kollegin mit einer halben Stelle an ihrer Seite bekommen.

Auch für die Bürgerinnen ist sie Ansprechpartnerin – für alle Themen, „die ein menschliches Leben bereithält“, sagt die scheidende Frauenbeauftragte. Da geht es um Karriereplanung, Kinderbetreuung, Trennung und all ihre Folgen, zunehmend auch das Thema Wohnungsnot und leider auch immer wieder Gewalt im familiären Umfeld.

Dabei sei es ihr immer immens wichtig, den Frauen aufzuzeigen, dass es, egal wie schwierig eine Situation zu sein scheint, Möglichkeiten zur Veränderung gibt: „Es gibt immer einen Punkt, an dem Frauen selbst aktiv werden können. Es steckt in jeder Frau Potenzial, etwas zu verändern!“ Oft galt es, diese Stärke zu unterstützen. War es in den 90er Jahren noch schwierig, zu erklären, dass Frauen, die mit Anliegen ins Rathaus kommen, oftmals auch Ansprechpartnerinnen wünschen, sei das heute bei den Kollegen und Kolleginnen fest verankert. „Gerade Frauen mit Gewalterfahrung haben es mit Frauen leichter und fühlen sich im Gespräch wohler. Aber auch generell ist es so, dass sehr viele Frauen auch 2020 noch Diskriminierungserfahrungen machen“, berichtet Loepthien. Da falle es eben leichter, sich an eine Frau zu wenden.

An das Wirken der jüdischen Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim erinnert die Gedenkstätte in der Zeppelinstraße 10. © jost

Die Übernahme der Leitung des Bertha-Pappenheim-Hauses bezeichnet sie selbst als „das Sahnehäubchen für die letzten Jahre meines Wirkens“ in der Stadt: „Das Frauenbüro ist der beste Ort, sich mit Bertha Pappenheim vertieft zu beschäftigen. Diese bemerkenswerte, herausragende Frau hat hier in Neu-Isenburg eines der ersten Frauenschutzhäuser überhaupt geschaffen. Das war ein reines Frauenprojekt, eine feministische und autonome Einrichtung von Frauen für Frauen. Es ist sinnstiftend, das auch im Frauenbüro zu verankern“, ist Loepthien überzeugt. Sie selbst habe es als eine große Bereicherung empfunden, sich mit dem Leben Pappenheims intensiv zu befassen. In den Jahren haben sich nachhaltige und verlässliche Kooperationen mit dem Stadtarchiv, dem GHK, dem Jüdischen und dem Historischen Museum in Frankfurt, mit der jüdischen VHS oder der Bildungsstätte Anne Frank ergeben. Loepthien: „Gute, tragfähige Netzwerke sind unabdingbar für eine solche inhaltlich wichtige Arbeit. Ich bin zutiefst dankbar für die große Unterstützung, die ich in den vergangenen Jahren durch die unterschiedlichsten Institutionen, Vereine und Einzelpersonen hatte.“

Die für sie persönlich großartigste Veranstaltung kann und will sie gar nicht benennen: „Es gab so viele Momente, in denen ich mich als Veranstaltungsverantwortliche sehr bemühen musste, die Contenance zu bewahren, weil ich so bewegt war. Es hat so viele Begegnungen mit großartigen Menschen gegeben, dass ich keine einzelne herausstellen könnte.“ Wichtig war ihr immer, das Haus für Bildung und ganz im Sinne Bertha Pappenheims insbesondere für Frauenbildung zu öffnen. Dabei seien der erste Fachtag zum Thema Rechtsradikalismus im Kreis und die sich daraus entwickelende Tradition der Fachtagungen, zuletzt zu den Themen Antisemitismus und Intersektionalität, ein besonderes Anliegen.

Jetzt ist also Schluss. Die in Oberursel aufgewachsene Erziehungswissenschaftlerin lebt seit sieben Jahren in Frankfurt am Riedberg. „Ich genieße es jetzt, das Auto stehen zu lassen und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein.“ Sie freut sich auf mehr Zeit mit den drei Enkelkindern, die sie von ihren zwei Söhnen hat, und die im Norden und im Süden der Republik leben. Ihre Kolleginnen aus den anderen Frauenbüros im Kreis haben ihr die Museumsufer-Card geschenkt und Loepthien kündigt an, diese eifrig zu nutzen. Außerdem will sie die vielen geknüpften Freundschaften und Kontakte weiter pflegen – unter anderem wird sie sich ehrenamtlich für das Filmprojekt „Truus’ Children“ von den niederländischen Filmemacherinnen Pamela Sturhoofd und Jessica van Tijn engagieren, die im November wieder im Pappenheim-Haus zu Gast waren.

VON NICOLE JOST

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