Bewährungsstrafen für Angeklagte

Aufgetaut und als Frischware verkauft: Mit falsch deklarierten Gänsen getäuscht - Geflügel-Unternehmen am Ende

Gänsebraten im Ofen
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Statt frischen deutschen hatten die beiden Angeklagten aus Neu-Isenburg aufgetaute Gänse aus Polen verkauft. (Symbolbild)

Die Geschichte eines traditionsreichen Neu-Isenburger Wild- und Geflügelunternehmens geht zu Ende. Vater und Sohn hatten aufgetaute polnische Gänse als aus Deutschland stammende Frischware deklariert.

Neu-Isenburg – Am 16. Dezember 2015 kam die Polizei ins Unternehmen. Ein ehemaliger Angestellter hatte den Ermittlern erzählt, ein Jahr zuvor daran beteiligt gewesen zu sein, gefrorene polnische Gänse aufzutauen, in neue Folien zu packen, um sie als frisch geschlachtetes, aus deutschem Freiluftgehege stammendes Federvieh zu verkaufen. Staatsanwalt Oliver Wilbert spricht von Betrug und diversen Verstößen gegen Lebensmittel- und EU-Recht, initiiert in den Vorweihnachtszeiten 2013 bis 2015. Die Ware landete in den Regalen einer Supermarktkette.

Der 38-jährige damalige Geschäftsführer B. und sein 70-jähriger Vater H. geben zu, die Gänse zu einem Kilopreis zwischen 2,99 und 3,20 Euro in Polen gekauft und für bis zu 8,60 Euro weiter gegeben zu haben. B. erklärt, die Tat verfolge ihn bis heute, „das lässt sich nicht abschütteln“. Wichtig sei ihm dennoch zu erwähnen, „dass es sich bei den polnischen Gänsen um A-Klasse handelte, keineswegs um Gammelfleisch, wie Medien berichteten“. Ein veterinärwissenschaftliches Gutachten bestätigt, dass die polnische Fleischqualität der deutschen nicht nachstand. In weit geringerem Maße hatte sich der Betrieb auch deutsche Gänse liefern lassen.

B. erklärt, nur mit heimischen Gänsen hätte man auf das Geschäft verzichten müssen, „wir hätten pro Kilo vielleicht 13 Cent aufschlagen können“. Nicht nur die Gewinnaussicht, sondern vor allem die kontinuierliche Geschäftsbeziehung zur Supermarktkette sei ein Motiv gewesen. Nach Auskunft von Rechtsanwalt Stefan Bonn, der H. verteidigt, forderte die Supermarktkette ursprünglich 99 .000 Euro. Man habe sich 2016 auf 25. 000 Euro verglichen. Ein reines Plus für den Konzern. Schließlich erfuhr nie ein Kunde davon, eine polnische und keine deutsche Gans unterm Tannenbaum verzehrt zu haben.

Staatsanwalt Wilbert addiert für 2014 einen Gewinn von 14. 000 Euro. Der hätte 2015 bei knapp 50. 000 Euro gelegen. Das verhinderte der Hinweisgeber, weshalb es diesmal beim Betrugsversuch blieb. Auch wenn es sich mitnichten um Gammelfleisch handelte, so Wilbert, „täuschten sie mit einer für den Kauf mit entscheidenden Verbraucherinformation“.

Bei der damaligen Wohnungsdurchsuchung des B. hatte die Polizei einen Beutel selbst angebautes Marihuana gefunden. Das Gericht glaubte B. im Prozess 2017, die Drogen in Folge einer Operation zur Schmerztherapie besessen zu haben und verhängte damals neun Monate Haft auf Bewährung. Wegen der Vorstrafe fordert Wilbert 24 Monate zur Bewährung ausgesetzte Haft mit einer Geldauflage von 3 600 Euro für B. und 21 Monate für H. mit einer Geldauflage von 12. 000 Euro.

Die Rechtsanwälte Stefan Bonn und Björn Krug, der B. vertritt, betonen die psychische Belastung ihrer Mandanten, die fünf Jahre auf den Prozess warten mussten, „nach über hundert Jahren verschwand ihr Familienbetrieb“. Bonn hält 18 Monate auf Bewährung und 6000 Euro Geldauflage für H. für genug. Krug plädiert bei B. auf 20 Monate mit einer Geldauflage von 2400 Euro. H. kämpft bei seinem Schlusswort vergeblich gegen die Tränen. Mit dem Wissen um die Katastrophe „hätten wir das niemals gemacht“.

Richter Beck betont den Betrug am Verbraucher, „der wollte ganz bewusst ein regionales Produkt“. Beck und die beiden Schöffinnen verhängen 23 Monate auf Bewährung für B. samt 2400 Euro, die ans Theresien Kinder- und Jugendhilfezentrum fließen. H. bekommt 21 Monate auf Bewährung und muss der Neu-Isenburger Tafel 10 .000 Euro überweisen. Das Urteil ist rechtskräftig. (Von Stefan Mangold)

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