Rechtzeitig gegensteuern

Drohender Ärztemangel ab dem Jahr 2030 auch in Isenburg 

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Drohender Ärztemangel ab dem Jahr 2030 auch in Isenburg.

Die Kinderärzte Ulrike Eckert-Tanzki, Inge Geyer-Sodemann und Peter Mondon haben auf die Schwierigkeit, eine Nachfolge zu finden, aufmerksam gemacht.

Neu-Isenburg –Die Stadt ohne medizinische Versorgung für die Jüngsten – das kann und will sich auch Bürgermeister Herbert Hunkel nicht vorstellen. Er hat inzwischen Kontakt mit der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) aufgenommen, um den Verantwortlichen die Dringlichkeit auch von Seiten der Stadt zu verdeutlichen: „Ich habe einen Termin dort und wir müssen sehen, was wir tun können. Keinen Kinderarzt zu haben, ist keine Lösung. Wir müssen sehen, dass es für die jungen Ärzte attraktiv in unserer Stadt ist, sich mit einer Praxis niederzulassen“, so Hunkel.

Ist der drohende Mangel nur bei den Kinderärzten aktuell? Oder gibt es bereits Lücken in der medizinischen Versorgung? Seit Anfang Juli hat die Praxis von Allgemeinmediziner Dr. Karl Kemmerer geschlossen, der in den Ruhestand gegangen ist. Eine Praxisübernahme scheiterte.

Mit Tobias Wilbrand, Bürgermeister in Egelsbach, hatte ja bereits ein Verantwortlicher im Kreis Offenbach einen Notruf abgesetzt, dass es nicht mehr ausreichen Hausarztpraxen in der Gemeinde gebe. „Das ist bei uns nicht so. Im Augenblick haben wir eine sehr solide Versorgung mit Haus- und Fachärzten“, betont Hunkel. Darauf ausruhen will sich der Rathauschef allerdings nicht.

Er hat bereits von der KVH ein Dossier über die medizinische Versorgungslage angefordert und auch bekommen. Auf die genauen Einwohnerzahlen betrachtet, ist Isenburg derzeit gut mit 101,58 Prozent versorgt. Die Berechnung erfolgt auf dem Schlüssel, dass es pro 1676 Einwohnern einen Hausarzt geben muss. In Summe haben die Isenburger und die Bürger aus Gravenbruch und Zeppelinheim die Auswahl aus 22 Hausärzten. Für den sogenannten Mittelbereich Neu-Isenburg, Dreieich, Langen stehen noch sieben freie Arztsitze zur Verfügung.

„Das Problem, das uns droht, ist der Generationswandel unter den Medizinern“, erklärt Hunkel. Schon im Jahr 2030 sieht es mit den Prognosen nämlich ganz anders aus. Der Grund liegt auf der Hand: Die Ärzte in der Stadt sind im Durchschnitt 55,6 Jahre alt und die Quote des sogenannten Nachbesetzungsbedarfs liegt bei 56,9 Prozent – also gut die Hälfte der Isenburger Ärzte wird bis 2030 in Rente sein und muss für die Praxis einen Nachfolger finden, um das Angebot in der Stadt aufrecht zu erhalten. Damit ist noch nicht der steigende Bedarf berücksichtigt, der sich durch die wachsende Stadt mit Neubaugebieten ergibt.

Bei den ansässigen Fachärzten ist die Situation sehr unterschiedlich: Wie schon erwähnt, gibt es laut der aktuellen Statistik bis 2030 keinen Kinderarzt mehr in der Stadt, gleiches gilt bei den Urologen und Neurochirurgen. Eng wird es bei den Internisten (81,82 Prozent), den Chirurgen und Orthopäden (80 Prozent), den Frauenärzten (80 Prozent) und den Nervenärzten (66,67 Prozent). Von den zwei Kinderpsychiatern wird einer in Rente sein, die 26 Psychotherapeuten in der Stadt werden sich bis 2030 voraussichtlich um 29,05 Prozent reduzieren. Gut ist die Situation bei den Augenärzten, Dermatologen, Hals-Nasen-Ohren-Ärzten, Anästhesisten und Radiologen.

Im ihrem Fazit des Dossiers sagt die KVH, dass die haus- und die fachärztliche Versorgung in Isenburg im hessenweiten Vergleich ein gutes Bild abgebe. Die KVH merkt aber auch an, dass sie keinen Einfluss auf die Anzahl der Medizinstudenten habe. Das Problem der ambulanten Versorgung sei ein zentrales Problem der Daseinsvorsorge, das Ärzte, Landes- und Kommunalpolitiker, Kostenträger und viele andere Player nur gemeinsam lösen könnten. Mit Programmen wie „Von der Uni in die Praxis“ oder der Kampagne „Sei Arzt. In Praxis. Leb Hessen“ bemühe sich die KVH darum, Medizinstudenten für die Allgemeinmedizin und die Arbeit in der Praxis zu begeistern. Das Problem sei aber, es gebe nicht genügend Absolventen – nicht, weil es nicht genügend Interessenten für das Medizinstudium gibt, sondern schlicht zu wenig Studienplätze.

Für Bürgermeister Hunkel ist indes klar: Es braucht eine Strategie, um die Zukunft der ärztlichen Versorgung in der Stadt zu sichern. „Wir stehen noch ganz am Anfang, aber wir wollen der Notsituation vorbeugen“, will Hunkel mit der KVH einen Bedarfsplan mit Lösungen erarbeiten.

Dr. Norbert Wittmann, 35 Jahre lang Vorstand des Ärztevereins in Neu-Isenburg und praktizierender Allgemeinmediziner in der Stadt, weiß um das Problem. „Viele Kollegen sind um die 60, gehen in den nächsten Jahren in Rente. Ich selbst versuche seit zehn Jahren, junge Kollegen mit in die Praxis zu nehmen – leider nicht erfolgreich“, erläutert er. Mit seinem Schwiegersohn Dr. Thomas Trepels hat er seit geraumer Zeit einen Kardiologen im Team, der die Arbeit in der Praxis als abwechslungsreich zu schätzen gelernt habe. „Wir können guten Gewissens Werbung für Neu-Isenburg als einen guten Standort für niedergelassene Ärzte machen: Die jungen Kollegen haben gute Verdienstmöglichkeiten im Speckgürtel von Frankfurt und wir haben ein tolles Klientel von Patienten“, sagt der Mediziner.

VON NICOLE JOST

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