Sorgen um Gemeinschaftspraxis

Kinderärzte können bisher keine Nachfolger finden

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Inge Geyer-Sodemann (von links), Peter Mondon und Ulrike Eckert-Tanzki lieben ihren Beruf – aber sie denken langsam über den Ruhestand nach. Sie machen sich Sorgen über die Zukunft ihrer Gemeinschaftspraxis.

Ulrike Eckert-Tanzki, Inge Geyer-Sodemann und Peter Mondon sind Mediziner aus Leidenschaft. Seit mehr als 30 Jahren (1988) betreuen die beiden Ärztinnen Babys, Kinder und Jugendliche in der Hugenottenstadt, seit 1994 ist Peter Mondon Teil der Gemeinschaftspraxis.

Neu-Isenburg – „Wir haben hier eine sehr gewachsene Struktur, die Zusammenarbeit funktioniert hervorragend und wir haben den schönsten Beruf der Welt“, sagt Mondon mit einem Schmunzeln. Und dennoch denken alle drei Ärzte übers Aufhören nach. „Wir sind in einem Alter, in dem es natürlich ein Thema wird“, sagt Inge Geyer-Sodemann, die mit ihren 68 Jahren die älteste des Trios ist. Sie hat den Wunsch nach einer Abgabe ihres Praxisplatzes auch bereits bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) angemeldet. Perspektivisch wollen auch Mondon (65) und Ulrike Eckert-Tanzki (64) in den kommenden ein, zwei Jahren den Arztkittel ablegen.

Das Problem: Es gibt keine Nachfolger, die die Praxis übernehmen möchten. „Wir haben schon eine Anzeige in einem Fachblatt geschaltet, die KV weiß ebenfalls Bescheid und wir haben bei den umliegenden Kliniken die Information hinterlassen, dass sich Kinderärzte bei Interesse bei uns melden können. Passiert ist noch nichts“, berichtet Geyer-Sodemann.

Herausforderung für Stadt und Familien

Das ist eine ernsthafte Herausforderung für die Stadt und die hier lebenden Familien. Denn die Gemeinschaftspraxis in der Hugenottenallee ist die einzige Kinderarztpraxis in Neu-Isenburg. Die erfahrenen Mediziner versorgen die Kinder und Jugendlichen unter den 40 000 Einwohnern. Auch Menschen aus Frankfurt, Dreieich und aus Langen kommen in die Praxis – die Kinderarztversorgung ist in der ganzen Region nicht üppig. Dazu ist die Tendenz der Einwohnerzahl steigend, die Zahl der Kinder durch die Neubaugebiete proportional vermutlich sogar noch höher. Aus diesem Grund wird es auch kein Problem der weiteren Zulassung für die Praxis seitens der KV geben. „Bei einer so gut frequentierten Praxis gibt es keine Reglementierung. Da schaut die KV nur, ob die Bewerber die formalen Kriterien erfüllen“, sagt Peter Mondon.

Die Suche nach einem potenziellen jungen Arzt sei gar nicht selten: „Viele Mediziner in unserem Alter finden keinen Nachfolger. Offensichtlich ist die Arbeit eines niedergelassenen Arztes nicht mehr so reizvoll für die jungen Leute“, vermutet Ulrike Eckert-Tanzki. Dabei können die drei Ärzte das gar nicht verstehen. Die Arbeitszeit in den Praxen ist sehr geregelt, die Mediziner müssen keinen Schichtdienst leisten und die Wochenenden sind frei. „Wir befinden uns ja im Großstadtgebiet, es gibt einen gut organisierten ärztlichen Notdienst für die Abende und die Wochenenden“, wirbt Inge Geyer-Sodemann für die Arbeit als selbstständige Ärztin. Zudem könne sich jeder Mediziner ja in seinem Fachgebiet auch in einer Praxis verwirklichen. Ein Kinderkardiologe sei in der Praxis durchaus denkbar, wie jede andere Spezialisierung – die neuen Ärzte können die Praxis ja ganz nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten und Schwerpunkte setzen. An zu wenig Medizinstudenten liege das geringe Interesse an den Arztpraxen nicht.

Peter Mondon äußert eine Vermutung zu den Gründen des Zögerns beim Nachwuchs: „Ich schätze, bei der langfristigen Bindung liegt der Hase im Pfeffer. Ein junger Mediziner bekommt heute nur kurze Verträge in den Kliniken, er muss flexibel bleiben und ist das auch. Sie können sich vermutlich kaum mehr vorstellen, eine so langfristige Entscheidung zu treffen und eine Praxis zu übernehmen“, versucht er sich an einer Erklärung.

Dabei könne einem jungen Kollegen kaum etwas Besseres passieren, als eine gut eingeführte Praxis mit vielen Patienten zu übernehmen.

Mediziner-Trio bietet sogar Hilfe an

Das Mediziner-Trio bietet sogar Hilfe an: „Bei uns wäre es ja sogar so, dass einer nach dem anderen in die Gemeinschaftspraxis einsteigen könnte und wir den Weg noch ein bisschen mitbegleiten“, sagt Geyer-Sodemann. Denn das mangelnde Wissen, wie der Alltag in einer Kinderarztpraxis tatsächlich aussieht, sei möglicherweise ein weiterer Grund, dass immer weniger Ärzte den Schritt wagen: Es sei ein Versäumnis, dass es nicht einen engeren Austausch zwischen den Kliniken und den niedergelassenen Praxen gebe. In Bayern seien Modelle erfolgreich, die jungen Ärzten die Möglichkeit geben, für einige Monate in einer Praxis zu arbeiten und sich den Alltag dort anzusehen. Es fehle an den richtigen Strategien, das sei auch ein Thema, dem sich die Gesundheitspolitik dringend annehmen müsse.

Noch hat das Ärzteteam die Hoffnung nicht aufgegeben, ihr gemeinsames Lebenswerk geregelt zu übergeben. Denn daran hängt ihr Herz: Sie wollen nicht nur die kleinen Patienten, die vielmals schon in zweiter Generation zu ihnen kommen, gut versorgt wissen.

Auch gegenüber den fünf Mitarbeitern spüren sie eine enorme Verantwortung. „Wir haben hier ein klasse Team, arbeiten großartig zusammen, die Stadt braucht eine Kinderarztpraxis ganz dringend und die Lebensqualität und das Angebot hier in der Region ist noch dazu überaus reizvoll“, werben die drei Mediziner abschließend noch einmal für die Praxis und den Standort in Neu-Isenburg.

Nicole Jost

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