Unrat sichtbar machen

Warum Künstlerin Line Krom täglich den Müll anderer Leute im Wald aufsammelt

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Sisyphusarbeit mit Stoffbeutel: Den dicksten Fund des Tages, rund 140 kleine Wodkaflaschen, hat Line Krom feinsäuberlich auf dem Waldweg aufgestellt.

„Dann mal los!“ Beherzt zieht Line Krom den Gartenhandschuh über ihre rechte Hand. Vom Parkplatz des Aldi in der Rathenaustraße läuft die Frankfurter Künstlerin in den Wald rein.

Neu-Isenburg – Eigentlich ist es hier sehr idyllisch – frische Luft, die gerade grün explodierenden Bäume und die Ruhe sind auch für Line Krom der Grund, warum sie immer wieder in ihre Heimatstadt zurückkommt. Aber es gibt etwas, das ihr die Entspannung schon lange vermiest: „Der Müll an den Wegesrändern und auch im Wald stört mich sehr. Ich wollte etwas dagegen tun“, erklärt die engagierte Künstlerin. Jetzt hat sie eine richtige „Müll-Challenge“ für sich entwickelt. 30 Tage hat sie sich vorgenommen, jeden Tag mit zwei Tüten durch den Wald zu laufen und jeden Unrat einzusammeln, der ihr dabei begegnet.

Eines ist klar – ihre Spaziergänge sind seither deutlich kürzer als zuvor. Denn die beiden Stoffbeutel füllen sich in rasanter Geschwindigkeit. Auch an diesem Morgen muss sie nicht weit laufen, um den ersten Dreck aufzusammeln: Coffee-To-Go-Becher, Trinkpäckchen – alles wandert schnell in die Taschen. Sie ist sich kein bisschen zu fein, den Dreck aus dem feuchten Waldboden zu ziehen. „Ich habe schon viel gelernt die vergangenen Tage. Von Kunststofftaschen bin ich auf Stoffbeutel umgestiegen. Sie halten besser und lassen sich auch waschen“, erzählt die 40-Jährige, während sie sich immer wieder nach dem achtlos in die Büsche geworfenem Müll anderer Leute bückt.

Sie sei „relativ pragmatisch und ein bisschen naiv“ an die Sache herangegangen, berichtet die Künstlerin, die sich in ihrem Beruf konzeptionell mit den ökonomischen Zwängen des Kunstbetriebs auseinandersetzt. Mit jedem ihrer Spaziergänge wurde deutlicher, wie massiv das Müllproblem ist. Im Grunde sei es eine Sisyphusarbeit, zu der viele Fußgänger und Autofahrer unüberlegt beitragen. „Ich habe schnell erkannt, dass es nie ein Ende meiner Arbeit gibt. An den Stellen, an denen ich heute sammle, sieht es in drei Tagen wieder ähnlich schlimm aus“, sagt Krom.

Das lässt sie nicht resignieren. Sie hat schon etliche kuriose Funde aus dem Wald gezogen: Von Fahrrädern, Monitoren oder ganzen Stühlen berichten die Müllsammler bei den jährlichen Sammelaktionen der Stadt ohnehin.

Die findet sie auch. Line Krom steigt manches Mal aber ein bisschen tiefer in den Wald ein: „Gestern war es ein Schmalztöpchen mit dem Verfallsdatum 1988, ich habe aber auch schon Latscha-Tüten gefunden. Das musste ich erst einmal googeln, das ist ein Supermarkt, den es seit 1976 nicht mehr gibt. Oder Haribo-Tüten, auf denen der Stempel ‘Made in West-Germany’ prangte“, unternimmt sie beinahe kulturanthropologische Studien an ihren Funden.

Ihre Arbeit als Künstlerin schlägt immer durch bei ihren täglichen Spaziergängen. Sie hat den Wunsch, auf diesen Missstand in der heimischen Natur hinzuweisen, den Müll zu dokumentieren und die Menschen darauf aufmerksam zu machen. „Das sind keine bildhübschen oder makellosen Instagram-Fotos, das ist mir auch bewusst“, sagt die engagierte Sammlerin, dass aufgestapelte Hundekot-Tüten kein unbedingt schöner Anblick sind. Beim Austausch auf Facebook falle ihr aber auf, dass die Leute auf ihre Bilder und Texte reagieren: „Erst wenn man darauf aufmerksam macht, beginnen Leute, in ihrem Alltag genauer hinzuschauen. Und dies, obwohl in den letzten Jahren und Monaten verstärkt über den Klimawandel diskutiert und öffentlich protestiert wird. Leider scheint diese Berichterstattung keinen Einfluss auf den eigenen Umgang mit Müll zu haben“, bedauert sie.

Und dann kommt der „dickste Fund des Tages“: Vielleicht 200 Meter entfernt vom Waldrand, auf vielleicht sieben Quadratmetern Fläche, zieht sie rund 140 kleine Wodkaflaschen aus dem Dornengebüsch. Teilweise schon ein bisschen von Erde bedeckt, teilweise offensichtlich ziemlich frisch in den Wald geworfen. Feinsäuberlich stellt sie die Flaschen auf dem Waldweg auf, es sieht aus wie ein sehr skurriles Kunstwerk. „Das erschüttert mich dann doppelt: zum einen der Müll im Wald, andererseits das menschliche Drama hinter diesen Flaschen. Es ist nicht die erste Fundstelle mit den kleinen Wodkaflaschen. Das ist sicher immer der gleiche Mensch, der die hier entsorgt“, glaubt sie.

Eine Passantin, die mit ihren zwei Hunden an dem Flaschen-Standbild vorbei läuft, schüttelt entsetzt den Kopf. Die Dame erzählt, dass sie selbst auch hin und wieder Müll aus dem Wald trägt. Und sie spricht ein weiteres Thema an, das Line Krom bestätigt: Der Umgang mit Müll sorgt auch für Unbehagen. „Es ist fast peinlich, die Wodkaflaschen zu entsorgen. Die Leute halten mich ja für eine Trinkerin“, sagt die Hundebesitzerin. Ähnliche Erfahrungen hat Krom ebenfalls gemacht. „Einerseits finden es Freunde und die Menschen auf Facebook toll, was ich mache. Andererseits finden sie es auch eklig, dass ich den Müll von anderen Leuten anfasse und sie finden mich dann auch gleich mit eklig“, sagt sie lächelnd.

Das wird sie aber künftig nicht davon abhalten, den Wald zu entmüllen. Sie hat ihr erstes Entsetzen über die Menge an Müll im Isenburger Wald auch schon mit Bürgermeister Herbert Hunkel und DLB-Chefin Petra Klink geteilt. Eine richtige Lösung gibt es für den Zustand des Waldes wohl nicht. Aber wenn mehr Leute mit einem Stoffbeutel durch den Wald laufen, immer ein bisschen Müll mitnehmen und auf das Problem aufmerksam machen, gibt es hoffentlich bald ein Bewusstsein dafür – und das hält mehr Menschen davon ab, ihren Dreck in der Natur zu entsorgen.

VON NICOLE JOST

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