"Mobile Newton Room"

Im Flugsimulator auf Lernreise

Im "Mobile News Room" in Neu-Isenburg soll Jugendlichen in spannender Umgebung MINT-Fächer nähergebracht werden. Einen Flugsimulator gibt es auch (Symbolbild).
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Im "Mobile News Room" in Neu-Isenburg soll Jugendlichen in spannender Umgebung MINT-Fächer nähergebracht werden. Einen Flugsimulator gibt es auch (Symbolbild).

Jugendliche aus Neu-Isenburg gehen im "Mobile Newton Room" auf Lernreise. Hier sollen Jugendlichen in spannender Umgebung MINT-Fächer näher gebracht werden. 

Neu-Isenburg – Ganz konzentriert sitzt Niklaus Schmied im Cockpit einer Boeing 737 und fliegt über eine wunderschöne norwegische Landschaft mit dichten Nadelwäldern und Seen. Sein Ziel: die Stadt Saltstraumen, etwas südlich der Lofoten auf dem zerklüfteten Festland gelegen. Auch in Zeiten eines Instrumentenfluges – also wie ein Blindflug – sollte man sich, sofern dies möglich ist, an „Landmarks“ orientieren. „Da unten ist doch die Brücke über den Fjord“, zeigt Merdan Sahin auf die Landkarte in seiner Hand – und beide vergleichen dies mit der Landschaft, die unter ihnen vorbeizieht.

Die beiden sind zwei von 32 Neuntklässlern der Dreieicher Ricarda-Huch-Schule, die an diesem Nachmittag im „Mobile Newton Room“ auf Lernreise gehen dürfen. Das mobile Klassenzimmer samt Flugsimulator ist das erste seiner Art in Deutschland – und macht nun für drei Wochen auf dem Isenburger Gelände des US-Flugzeugbauers Boeing an der Rathenaustraße Station.

Die Jugendlichen sind sich jetzt ganz sicher, auf dem richtigen Weg zu sein. Bald darauf ist auch die Landebahn von Saltstraumen zu sehen. „Der Landeanflug ist wieder eine ganz spezielle Sache, denn der hängt von den aktuellen Wetterbedingungen ab – und die ändern sich ja ständig“, verweist Markus Gillner, Flugweg-Spezialist von Jeppesen, auf eine besondere Herausforderung für die Cockpit-Crew. Aufgrund der Vorausinfos wissen die beiden Piloten, dass sie die Landebahn von Osten anfliegen müssen – sie haben gerade Rognan überflogen, kommen also aus Südosten. „Es gibt schwierigere Situationen“, meint Gillner. Die letzten Kilometer werden für Niklaus Schmied und Merdan Sahin zwar etwas wackelig, aber sie meistern den Landeanflug. Sie sind begeistert über die Gelegenheit, hautnah mit der Faszination Fliegen in Berührung zu kommen.

Und genau das ist die Absicht des ersten „Mobile Newton Room“ in Deutschland, den Boeing nach Neu-Isenburg geholt hat, um Jugendlichen ein besonderes Lernerlebnis zu bieten. Rund 400 Schüler aus der Region werden während der kommenden Wochen teilnehmen. Ziel des Newton Room-Konzepts ist es, Schülern im Alter von 13 bis 14 Jahren mathematische, naturwissenschaftliche und technische Themen (also die sogenannten MINT-Fächer) in einer spannenden Lernumgebung näher zu bringen und ihnen die Möglichkeit zu geben, diese Themen mit hochwertigen Lernmaterialien zu erleben. Denn es geht im Newton Room um mehr, als mal im Flugsimulator zu sitzen: In den beiden mobilen Containern auf dem Boeing-Gelände müssen die Schüler eine „Mission“ erfüllen und das in den MINT-Fächern Gelernte dabei praktisch anwenden.

„Wir brauchen für die vielfältigen Aufgabenfelder in der Luftfahrt junge Menschen, die nicht unbedingt eine spezielle Qualifikation haben – sie sollten aber begeistert sein“, beschreibt Dr. Michael Haidinger, President von Boeing Deutschland, die Voraussetzung. Auf der Suche nach einem geeigneten „Botschafter“ stieß man bei Boeing auf die gemeinnützige Stiftung „First Scandinavia“, die das Newton-Room-Konzept entwickelt hat. Deren Managing Director Stian Elstad ist zur Deutschlandpremiere eigens aus Norwegen nach Neu-Isenburg gekommen.

Mit im Boot sind auch das hessische Kulturministerium, das durch Ministerialrätin Brigitte Hirschler vertreten ist, und die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung. Die Finanzierung des Projektes erfolgt, wie es Dr. Haidinger beschreibt, als „konzertierte Aktion“ – „wir haben alle ein großes Interesse und es bringen sich alle mit ein“. Ministerialrätin Hirschler berichtet, im Kulturministerium habe man im Vorfeld die Eignung des Projekts geprüft. „Die Erfolge aus Skandinavien haben uns überzeugt“, verweist Hirschler auf 41 fest installierte „Newton Rooms“, die es bereits etwa in Norwegen und Dänemark gibt.

Für Marcus Ochs, Leiter der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, ist es wichtig, stets nach innovativen Ansätzen außerschulischer Lernräume zu suchen. „Mit dem Konzept des Newton Room haben wir ein Angebot, das für alle jungen Menschen zugänglich ist“, betont Ochs.

Nach der Eröffnung geht es für die Gäste ins Forschungslabor von Boeing, das Digital Solutions & Analytics Lab Frankfurt. Dort erfahren die Schüler von Mitarbeitern, wie das Erlernte in der Luftfahrt eingesetzt werden kann. Leiter Marc Launer informiert zudem über Aufgaben und Innovationen, an denen das Boeing-Team in Neu-Isenburg arbeitet. So wird in einem gesicherten Indoor-Bereich am Fliegen mit Drohnen, insbesondere der Weiterentwicklung von deren Software, gearbeitet. Neuestes Projekt ist das Smart-Projekt für künftige Kabinen von Passagierflugzeugen. Dazu wurde eigens ein Rumpfteil des neuen Boeing Dreamliners B787 aufgebaut.

Bürgermeister Herbert Hunkel zeigt sich wieder einmal sehr erfreut, mit Boeing und Jeppesen zwei besonders innovative Unternehmen in seiner Stadt zu haben. Und als Ministerialrätin Hirschler andeutet, dass sie sich Neu-Isenburg auch als „festen Standort“ für einen Newton Room vorstellen könne, sichert Hunkel alle nötige Unterstützung zu.

Das Experiment, mit dem „Newton Room“ Jugendliche für innovative Berufsfelder der Zukunft zu begeistern, scheint an diesem Tag gelungen. Die Begeisterung bei den Ricarda-Huch-Schülern jedenfalls ist unverkennbar.

Von Leo F. Postl

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