Klaus-Peter Martin im Interview

Bloß keine Floskeln

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Klaus-Peter Martin

Neu-Isenburg - Seit 20 Jahren koordiniert Klaus-Peter Martin vom städtischen Jugendbüro die Berufsinfobörse. Er vermittelt Jugendliche in Ausbildungsbetriebe. Im Interview schildert der Diplom-Pädagoge, was Schülern wirklich helfen kann, ihren Weg zu finden – und wie sich seine Arbeit verändert hat.

Bleibt Jugendlichen, die Mitte Oktober noch auf Lehrstellensuche sind, die Chance auf eine Ausbildung?

Es ist erstaunlich, wie viele Ausbildungsstellen jetzt noch unbesetzt sind. Nicht nur in Gastronomie, Nahrungsmittelhandwerk oder Hotel - in allen Bereichen. Allerdings sind wir jetzt nahe an der Grenze. Danach ist ein Einstieg in diesem Jahr nicht mehr sinnvoll, da mittlerweile zu viel Stoff in der Berufsschule versäumt wurde.

Was raten Sie jenen, die jetzt nichts mehr finden?

Zum Beispiel rate ich zu einer Einstiegsqualifizierung, einem Langzeitpraktikum mit Qualifizierungsanteilen, das über die Agentur für Arbeit finanziert wird. Der Jugendliche und der Betrieb haben dabei die Gelegenheit sich näher kennenzulernen, und der Jugendliche erwirbt bereits Kenntnisse im Ausbildungsberuf. Die Qualifizierungsanteile sind dabei ans erste Ausbildungsjahr angelehnt. Sind beide Seiten mit dem Verlauf dieser sechs- bis zwölfmonatigen Einstiegsqualifizierung zufrieden und wird danach ein Ausbildungsvertrag geschlossen, kann ein Teil auf die Ausbildungszeit angerechnet werden. Bundesweit liegt die Übergangsquote in eine anschließende Ausbildung übrigens bei fast 70 Prozent.

20 Jahre Berufsinformationsbörse – wie haben sich die Herausforderungen in dieser Zeit in Ihrer Arbeit verändert?

Begonnen haben wir mit der Berufsinfobörse unter anderem, um für die Bereitstellung weiterer Ausbildungsstellen zu werben. Und obwohl wir jahrelang die Veranstaltung in viel kleinerem Rahmen durchgeführt haben, war es nicht immer leicht, eine ausreichende Zahl von Unternehmen zu gewinnen. Inzwischen hat sich die Situation völlig geändert. Angesichts sinkender Schulabgängerzahlen und der Herausforderung einer zunehmenden „Akademisierung“ wird es für Betriebe immer wichtiger, offensiv für ihre Ausbildung zu werben. Auch dafür bietet die Börse Gelegenheit.

Früher klang das einfacher. Da wurden Hauptschüler Automechaniker oder Frisörin, Realschüler Kaufmännische Angestellte oder Anwaltsgehilfinnen, Gymnasiasten Bankkaufleute oder Studenten. Heute hat man den Eindruck, nur noch Gymnasiasten seien gefragt. Was kann ein Hauptschüler heute überhaupt noch werden?

Es ist richtig, dass in einer Reihe neu hinzugekommener oder neugeordneter Beruf die Ansprüche hoch sind und gerade im theoretischen Bereich immer weiter draufgesattelt wird und manche Berufsbilder hier überfrachtet sind. Aber in Isenburg werden auch für Hauptschulabsolventen weiterhin mehr als ausreichend Ausbildungsstellen angeboten. In diesem Sommer waren es mehr als 100 Stellen. Rechnerisch kamen damit auf jeden Hauptschulabgänger aus Isenburg mehr als drei Ausbildungsstellen.

Oft liest man, dass die Wirtschaft nach Lehrlingen ruft – andererseits kassieren viele Jugendliche trotz passabler Noten Absagen. Wollen die Unternehmen zu viel? Sind die Bewerber schlechter geworden? Oder ist das eine Ausrede?

Zum einen sollten sich Jugendliche beim Erstellen der Bewerbungsunterlagen wirklich Zeit nehmen und Mühe geben. Von Vorlagen und allgemeinen Floskeln sollte man die Finger lassen. Jedes Bewerbungsschreiben sollte auf den Beruf zugeschnitten sein und kurz die Interessen und Fähigkeiten und vor allem die Motivation des Bewerbers wiedergeben. Ich kenne heute viele Unternehmen, die gerade darauf größten Wert legen, die eher ein schwächeres Zeugnis akzeptieren, aber in der Bewerbung und im Vorstellungsgespräch sehen wollen, dass wirkliches Interesse am Beruf und Motivation vorhanden sind.

Zum zweiten beobachten wir seit Jahren, dass der Trend zur weiterführenden Schule (...) ungebrochen ist. Es ist ja auch lange genug für höhere Abschlüsse geworben worden und dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden. Aber viel zu viele scheitern dabei und müssen sich dann unter verschlechterten Bedingungen um eine Lehrstelle bemühen. Bei den Unternehmen kommen also viele Bewerbungen von Schulabgängern an, die von weiterführenden Schulen abgelehnt worden oder die dort gescheitert sind. Deshalb entsteht der falsche Eindruck, dass die Schulabgänger insgesamt schlechter geworden sind.

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(hov)

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