1. Startseite
  2. Region
  3. Neu-Isenburg

Bloggen über das Leben als blinde Mutter

Erstellt:

Von: Stefan Mangold

Kommentare

Lydia Zoubek braucht kein Mitleid. Nur ab und zu Hilfe – etwa beim Erstellen von Fotos für ihren Blog, oder bei der Recherche auf nicht barrierefrei programmierten Seiten. -   Foto: p
Lydia Zoubek braucht kein Mitleid. Nur ab und zu Hilfe – etwa beim Erstellen von Fotos für ihren Blog, oder bei der Recherche auf nicht barrierefrei programmierten Seiten. © p

Neu-Isenburg - Vor einem Jahr startete die Isenburgerin Lydia Zoubek einen Internet-Blog mit dem Titel „Lydia’s Welt - Rund um den Alltag einer blinden Mutter mit arabischem Hintergrund“. Von Stefan Mangold

Ihre amüsant geschriebenen Texte erzählen mitunter von skurrilen Erlebnissen in der Welt der Sehenden. Zoubek beschreibt eine Situation, die einem unangenehmen Traum entsprungen sein könnte. Leute reden über einen, während man dabei steht; als wäre man ein Kleinkind, über das die anderen rätseln, ob es schon allein aufs Töpfchen gehen kann. Die 48-Jährige erzählt von einer Situation auf dem Flughafen der jordanischen Hauptstadt Amman: Während der Kontrolle ihres Handgepäcks sprechen die beiden Sicherheitsleute nur mit ihrem sehenden Begleiter, als wären Blinde auch taub. Zoubek fühlt sich müde und verspürt kein Bedürfnis, um Mitternacht Grundsatzdiskussionen zu führen. Sie will nur in den Flieger und heim.

Doch dann hört sie, wie ein Sicherheitsmann fragend ihre Braillezeile hoch hält: Ein Computer-Gerät, das Texte in Blindenschrift darstellt. Als ihr deutscher Begleiter nicht weiter kommt, erklärt Zoubek die Funktion auf Arabisch. Die Männer ignorieren sie weiter, als könnten sie ihre Existenz nicht wahrnehmen. Schließlich brüllt Zoubek, sie sollten entweder mit ihr sprechen, oder einen Dolmetscher auftreiben, der das Deutsch ihres Begleiters ins Arabische übersetzt: „Erst wird es still. Ich kann förmlich hören, wie bei den beiden der Groschen fällt.“ Die Männer entschuldigen sich schließlich bei ihr.

Wenige Monate nach ihrer Geburt kam der Verdacht auf, dass mit den Augen etwas nicht stimme. Zoubek wuchs die ersten vier Jahre in Jordanien auf, als Tochter palästinensischer Eltern. Sie erinnert sich an die Stimmung von damals, als sie das Bewusstsein eingeimpft bekam, „ich bin ein armes, blindes Mädchen“. Dass die Welt weit mehr zu bieten hat, das merkte Lydia spätestens am ersten Tag in der Blindenschule, „ich lernte die Brailleschrift und konnte lesen“. Am Ende hatte sie das Abitur in der Tasche.

In ihrem lesenswerten Blog schreibt Zoubek nun seit einem Jahr über alles rund um die Themen Sehbehinderung, blinde Eltern und Migrationshintergrund. Sie möchte ihre Leser für diese Themen sensibilisieren und dazu bringen, über den eigenen Tellerrand zu blicken und eine andere Perspektive einzunehmen. „Ich bin der Ansicht, dass unsere Gesellschaft oft ein falsches Bild von Menschen mit Behinderung hat. Die Meinungen reichen von ‘Wieso bekommt so jemand Kinder’ bis hin zu ‘Die muss eine Begleitung mitnehmen, wenn sie Sport treiben will’“. Zoubek möchte ein Stück dazu beitragen, dass normal sehende Menschen mit mir auf Augenhöhe kommunizieren – und nicht von oben herab. „Und das setzt Aufklärungsarbeit voraus“, sagt sie.

An einer anderen Stelle schreibt die zweifache Mutter, wie sie mit ihrer damals zweijährigen Tochter an der Hand auf der Straße läuft und hört, wie eine Frau das Kind lobt, „schön, dass du der Mama hilfst“. Sie ist schon weg, als Zoubek sie fragen will, ob sie tatsächlich davon ausgehe, dass sich eine Mutter auf den Kenntnisstand einer Zweijährigen bezüglich der Straßenverkehrsordnung verlasse.

In einem weiteren Eintrag geht es um Ansagen im Öffentlichen Nahverkehr. Fallen die aus, kann es auch für Sehende brenzlig werden. Erschöpft setzt sich Zoubek 2007, von ihrer damaligen Telefonmarketing- Arbeitsstelle kommend, gegen 23 Uhr in den Bus. Den Fahrer bittet sie, ihr Bescheid zu geben. Aber erst an der Endhaltestelle in Gravenbruch forderte der Mann seinen letzten Gast auf, auszusteigen, „der hatte mich vergessen“.

Weil der Fahrer eine halbe Stunde Pause hat, die er ums Eck verbringen will, darf Zoubek in der Winterkälte nicht im Bus warten. Die Taxizentrale will sie ohne feste Adresse nicht abholen, „es gab noch kein Smartphone mit entsprechender App“. Schließlich ruft sie die Polizei an. Die agiert als Freund und Helfer. Mit den Worten „Frau Zoubek, Ihr Chauffeurdienst ist ist da“, holen zwei Beamte sie ab.

Als Sehbehinderte bekommt die Frau gelegentlich auch jene mit, bei denen im Oberstübchen nicht alles rund zu laufen scheint. Mit ihrem Blindenstock touchierte Zoubek einmal einen Mann am Fuß, der sie daraufhin anraunzte: „Wenn Sie schon mit dem Stock fuchteln, dann schauen Sie gefälligst, wo Sie hinlaufen.“

Lydias Blog gibt es unter https://lydiaswelt.wordpress.com

Bilder

Auch interessant

Kommentare