Muslime und Christen bei gemeinsamer Mahnwache

Angst vor dem Generalverdacht

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In vielen Städten erheben sich derzeit die Muslime Seite an Seite mit ihren nicht-muslimischen Mitbürgern: Auch in Isenburg haben rund 150 Menschen mit einer Mahnwache vor der Huha ein Zeichen für die Meinungsfreiheit gesetzt und das Gespräch gesucht. 

Neu-Isenburg - Salih Özkan (49) bringt es auf den Punkt, worum es letztendlich geht. Der gebürtige Isenburger ist der Vorsitzende der DITIB-Gemeinde an der Ludwigstraße. Die hatte für Montagabend zu einer Mahnwache vor der Hugenottenhalle aufgerufen. Von Stefan Mangold 

Thema: „Für ein weltoffenes und tolerantes Deutschland und für Meinungs- und Religionsfreiheit!“ Hintergrund sind die jüngsten Terroranschläge islamistischer Täter in Paris. Natürlich können dem gläubigen Özkan Mohammed-Karikaturen nicht gefallen, wie sie die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo regelmäßig abdruckt. Genauso, wie wohl katholische Geistliche eine bestimmte Karikatur von Karl Friedrich Wächter wahrscheinlich wenig amüsiert. „Rums! – da ist der Heiland weg.“ Der Satz überschrieb 1981 das Titelbild der Titanic. Zu sehen ist vor allem ein leeres Kreuz auf Golgatha. Ein Beitrag zur Diskussion über die Neutronenwaffe, die Menschen töten und Sachwerte verschonen soll.

Vertreter der Katholischen Kirche klagten immer wieder gegen die Titanic, auch damals. „Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst“, zitiert Özkan den Aufklärer Voltaire. Jeder Terrorakt sei von Übel, besonders jedoch, wenn er im Namen einer Religion geschehe. Özkan fürchtet, durch Anschläge wie in Paris stünden Muslime unter Generalverdacht, „verstellt sich mein Nachbar nicht nur, ist er nicht auch ein Extremist?“

Den Namen des Schöpfers missbraucht

Selçuk Dogruer (31), der Koordinator des DITIB Landesverbandes Hessen, spricht von gequältem Herzen und Gewissen, wenn Menschen den Namen des Schöpfers missbrauchten: „Niemand hat das Recht, anstelle Gottes zu handeln. Zu töten schon gar nicht.“ Für die Muslime in Deutschland reiche es nicht aus, nach den Morden an Charlie-Hebdo-Redakteuren und den Zufallsgeiseln im jüdischen Geschäft lediglich ihre Erschütterung auszudrücken: „Wir müssen uns für die Freiheit einsetzen, jeder soll alles veröffentlichen dürfen, ohne um sein Leben fürchten zu müssen.“ Wenn jemandem etwas übel aufstoße, „dann steht ihm der Weg zu den Gerichten frei“. Selçuk Dogruer begrüßt die Solidarität von Christen, „besonders in einer Zeit, in der sich Brandanschläge auf Moscheen häufen“.

Unter den schätzungsweise 150 Teilnehmern der Mahnwache befinden sich Isenburger wie das Ehepaar Maria und Detlef Kämper. Maria geht es um den Schulterschluss zwischen Menschen und Konfessionen, „ich will keine gönnerhafte Toleranz, sondern volle Akzeptanz“. Sie trete dafür ein, den Islam und Muslime nicht mit Terror und Chaos zu verwechseln.

Auch regionale politische Prominenz wie die Landtagsabgeordneten Corrado Di Benedetto (SPD), Ismael Tipi (CDU) und SPD-Mann Gene Hagelstein sind dabei. Der Erste Stadtrat Stefan Schmitt spricht vom Problem, dass sich manche muslimische Jugendliche vor den Karren religiöser Fanatiker spannen ließen. „Wir müssen präventiv handeln und wachsam sein“, so Schmitt. Die Pressefreiheit sei ein zentrales Gut in der Demokratie. „Terroranschläge dürfen nicht zu rassistischen Ressentiments und Islamphobie führen.“

Andacht für Opfer von Paris in Offenbach

Mit einer Andacht haben mehrere hundert Menschen in Offenbach der Terroropfer von Charlie Hebdo in Paris gedacht. Ein Rabbiner, ein Imam und ein Pfarrer sprachen ein Totengebet.

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Bürgermeister Herbert Hunkel bekundet die Solidarität der Stadt mit den Opfern, „wir distanzieren uns von jeder Form von Extremismus“. Martin Berker, der anwesende Pfarrer der katholischen Gemeinde St. Josef, spricht ebenfalls der Pressefreiheit das Wort. Terror herrsche in vielen Ländern. Ein Ende dessen sehe er nicht. „Haben wir Achtung voreinander und geben aufeinander acht!“

Sein Kollege von der evangelisch-reformierten Marktplatzgemeinde, Pfarrer Matthias Loesch, nimmt auf die sogenannte Pegida-Bewegung Bezug, ohne diese beim Namen zu nennen. Er dankt Özkan für die Organisation der Mahnwache. Die sei ein notwendiges Zeichen. „Die Menschen der monotheistischen Religionen dürfen sich nicht von geistigen Brandstiftern in zivil und dumpfen Anti-Islamismus ausspielen lassen.“

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