Kultur mit Zollstock

Neu-Isenburg: Musiker improvisiert in der Corona-Krise - Und findet neue Fans

Als freischaffender Künstler ist Patrick Steinbach aus Neu-Isenburg von der Corona-Krise betroffen. Aber er weiß sich zu helfen.

  • Musiker Patrick Steinbach aus Neu-Isenburg ist von der Corona-Krise betroffen
  • Der freischaffende Musiker improvisiert
  • In Neu-Isenburg gibt er Konzerte an ungewöhnlichen Orten

Neu-Isenburg - Der Isenburger Patrick Steinbach gilt als freischaffender Künstler und als seit 30 Jahren freiberuflicher Gitarrenlehrer an der Musikschule Neu-Isenburg als einer der wirtschaftlich betroffenen Opfer der Corona-Pandemie. Covid-19 entzog ihm von heute auf morgen alle Lebensgrundlagen. Keine Konzerte mehr, keine Möglichkeiten, Schüler zum Gitarrenunterricht zu empfangen oder zu besuchen. „Ich bin de facto arbeitslos“, sagt der Musiker. Aufstecken, die Hände in den Schoß legen – das ist aber nicht seine Art: „Ich habe mir überlegt, wie man die Kultur wieder in den öffentlichen Raum zurückbringen kann, ohne die gültigen Abstandsregeln zu verletzen. “.

Neu-Isenburg: Zweit Tage leben für eine halbe Stunde Musik

Improvisation ist alles: Obwohl ihm durch die Krise alle Einnahmen weggebrochen sind, lässt Patrick Steinbach sich nicht unterkriegen – der Musiker versucht’s jetzt mit Straßenkonzerten mit Abstandhalter.

Die Idee zur „Kultur mit Zollstock“ ist geboren. Mit seiner Gitarre unterm Arm und seinem Zollstock, den er exakt auf 1,50 Meter ausklappt, stellt er sich vor den neuen Discounter. „Ich habe die Klassiker gespielt. Den Götterfunken, Yesterday. Die Leute haben sich gefreut. Sie mussten ohnehin mit ihrem Einkaufswagen vor dem Markt warten“, berichtet Steinbach von seiner Premiere als Parkplatz- und Straßenmusiker. Die Situation vor dem Einkaufsmarkt ist günstig für den Gitarristen, die Leute haben meist Kleingeld griffbereit – und sie erfreuen sich an der Unterhaltung. Der Musikschullehrer spürt auch: Die Isenburger wollen ihn gerne unterstützen. „Ich hatte innerhalb einer halben Stunde 30 Euro in meinem Hut, der natürlich auch mit zwei Metern Abstand zu mir ausgelegt war. Davon kann ich wieder zwei Tage leben“, sagt er lachend. Das Konzert kommt aber nicht bei allen gut an. Steinbach wird von den Marktmitarbeitern vom Parkplatz weggeschickt. Eine richtige Begründung, sagt er, bekommt er dafür nicht.

Neu-Isenburg: Herzlicher Applaus für Musiker Patrick Steinbach

Steinbach fragt sehr höflich beim Ordnungsamt an. Wen er um Erlaubnis für Straßenkonzerte fragen müsse. Er erläutert auch, dass er klassische Gitarre spiele und Irish Folk – alles ohne Gesang, in guter Qualität, dass Menschen normalerweise sehr gerne bereits sind, Eintritt zu seinen Konzerten zu bezahlen, und er gerne in der Bahnhofstraße mit dem Zollstock auftreten würde. Die offizielle Antwort ist mindestens ebenso freundlich wie auch niederschmetternd. Die Idee werde positiv aufgenommen, aber die Verordnungen des Landes Hessen ließen solche Konzerte nicht zu. Streng genommen auch nicht auf öffentlich zugänglichen Parkflächen vor Supermärkten.

Der Musiker lässt sich nicht abbringen. Er spielt vor einem Baumarkt in Dreieich, erntet herzlichen Applaus von den Mitarbeitern aus dem Fenster im ersten Stock – und ein paar Münzen im Hut. Einen Tag spielt er, sogar mit kleinem Verstärker, vor dem Römer in Frankfurt. „Dort habe ich die Ordnungspolizei getroffen. Sie haben gesagt, dass sie jetzt den Ort wechseln und die nächste halbe Stunde nicht vorbeikommen“, nimmt er diese Ansage dankbar auf und spielt seinen Irish Folk auch dort mit großem Erfolg.

Neu-Isenburg: Polizei drückt für Musiker ein Auge zu

An einem weiteren Ort sagt ein junger Polizist zu ihm: „Wenn Sie gut spielen, lass ich Sie in Ruhe“. Der Isenburger bekommt von den Beamten auch berichtet, dass es für sie auch alles andere als schön ist, gerade jegliche Ansammlungen von Menschen aufzulösen. „Aber die Menschen sind auch sehr vorsichtig, es kam bislang nie zu einer Rudelbildung. Sie bleiben kurz stehen, alle mit Abstand zueinander, und laufen dann auch ziemlich schnell weiter“, achtet Steinbach selbst auf die gebotenen Sicherheitsmaßnahmen.

Er weiß natürlich, dass er sich auf einem schmalen Grat bewegt, sagt der studierte Gitarrist, der beim Open Doors ebenso regelmäßig auf der Bühne steht wie beim Fest der Lichter in Dietzenbach oder in etlichen Clubs in der Umgebung. „Wir müssen einfach überlegen, wie wir auf legalem Weg wieder zur Normalität finden und trotzdem die so wichtigen Sicherheitsabstände einhalten. Ich habe einfach total Lust was zu machen und mir juckt es in den Fingern.“ Außerdem müsse er Miete zahlen.

Neu-Isenburg: Musiker plant Konzerte in Altenheim

Nicht zuletzt deswegen will der Gitarrist die Anregung des Isenburger Ordnungsamts aufnehmen und sehr gerne ein Konzert für Altenheime organisieren. Ganz kontaktfrei, sodass die Senioren am offenen Fenster oder an den Balkonen der Musik lauschen können, die er davor spielt. Gerne würde er auch Musikerkollegen dazu ins Boot holen, die mit ihm zusammen oder auch vor einem anderen Altenheim spielen können. 

„Allerdings muss dabei klar sein, dass wir das nicht ganz umsonst machen können“, betont der Musiker. Denn mit einer Spende, wie sie vor einem Discounter aus dem Geldbeutel der Einkäufer kommt, ist vor dem Altenheim nicht unbedingt zu rechnen. Er arbeite gerade an einem Konzept, das er beim zuständigen Fachbereich, den das Ordnungsamt vermittelt hat, einreichen will. Vielleicht gibt es in Isenburg ja schon bald regelmäßige Senioren-Fenster-Konzerte.

VON NICOLE JOST

Getrennt proben, gemeinsam singen: das ist die Devise des Chors Vox Musica in Seligenstadt, der der Corona-Krise trotzt. 

In Dieburg bei Darmstadt hat sich der Chorleiter Hans Dieter Müller ein Konzept ausgedacht, dass seine Sängerinnen in der Krise motiviert. 

Gute Laune trotz Corona-Krise: Die Kult-Band „Banjoory“ aus Hanau singt gegen die Krise an. 

Um sich bei denen zu bedanken, die in der Corona-Krise zu Hause bleiben, spielt die Polizei in Frankfurt Musik für die Anwohner. Die Reaktionen fielen aber gespalten aus

Auch die Azubis des Kempinski-Hotels in Neu-Isenburg haben sich in der Corona-Krise eine kreative Aktion ausgedacht: einen Drive-in für Eiskugeln.

Rubriklistenbild: © Patrick Steinbach

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare