Günstige Sozialprognose für Angeklagten

Prozess zu Messerstecherei endet mit Bewährungsstrafe

Neu-Isenburg - Am zweiten Verhandlungstag zu einer Messerstecherei fiel bereits das Urteil. Da das Geschehen nicht ganz geklärt werden konnte, gab es für den Angeklagten 20 Monate auf Bewährung.

Der Vorwurf lautet: Der 30-Jährige soll am 14. August 2015 an der Frankfurter Straße auf einen ehemaligen Kumpel eingestochen haben. Die Aussagen der Zeugen, die sich teils seit Kindertagen kennen, klangen beim ersten Termin meist wenig erhellend. Das setzt sich am zweiten Tag fort. Zu Beginn des Prozesses vor dem Schöffengericht in Offenbach sagt ein Zeuge aus, der zum ersten Termin nicht erschienen war. Der Verdacht hatte nahe gelegen, er wolle eine Begegnung mit anderen Zeugen vermeiden. Richter Manfred Beck fragt ihn nach den Geschehnissen. Der 35-Jährige erzählt von Kreislaufproblemen und Rückenschmerzen. Damals bei der Messerstecherei bekam der Mann selbst den einen und anderen Schlag ab, wie Bilder der Polizei belegen. An dem Tag sagte er auch aus, gleich mehrere ihm unbekannte Männer hätten auf ihn eingeschlagen.

Die Ereignisse liegen keine zwei Jahre zurück. Richter Beck berichtet aus empirischer Forschung, die Opfer von Gewaltdelikten könnten sich in der Regel noch zehn Jahre nach der Tat präzise an den Ablauf erinnern. Das lässt sich von dem Zeugen nicht behaupten, der zwar wie der Angeklagte höflich auftritt, aber fast jede Frage mit „ich kann mich nicht so richtig erinnern“ beantwortet. Auch irgendein Messer habe er nicht gesehen, auch von einem Knüppel wisse er nichts, obwohl der Sachverständige anhand der Bilder vermutet, dass er selbst mit dem Stock eine verpasst bekam.

3000 Euro bar auf den Tisch

Die Möglichkeit des totalen Vergessens hatten der Angeklagte und sein Rechtsanwalt Christian Loghman-Adham vorher ins Kalkül gezogen. Unmittelbar nach der Zeugenaussage bittet der Verteidiger um ein Rechtsgespräch mit Nebenklagevertreter Bernd Schuster, der Staatsanwältin, den Schöffen und dem Richter. Der Angeklagte lässt von der Notwehrvariante ab und bietet dem Geschädigten 3000 Euro als Ausgleich an, bar auf den Tisch. Dafür erhofft er sich eine Bewährungsstrafe.

Bisher stand der Mann zweimal vor Gericht, weil er sich als 18-Jähriger betrunken ans Steuer setzte und vor sieben Jahren mit einer großen Menge Rauschgift aufflog, was in zwei Jahren Haft auf Bewährung mündete. Als Gewalttäter trat er nie auf.

Anwalt Schuster erklärt, dass sich anhand der Zeugenaussagen das Ereignis kaum mehr rekonstruieren lasse. Entscheidend für ihn sei die Aussage des Angeklagten bei der Polizei am Tag der Ereignisse. Laut Protokoll gab der Angeklagte, der sich über Monate vom Geschädigten malträtiert fühlte, zu, er sei auf diesen zugelaufen, um geschlagen und mit Tränengas besprüht zu werden. Das sollte den Grund bieten, auf ihn einzustechen.

Messerstecherei in der Offenbacher Innenstadt

Messerstecherei in der Offenbacher Innenstadt

Die Staatsanwältin fordert zwei Jahre auf Bewährung. Die Verletzungen durch zwei Stiche seien schwer gewesen, der Geschädigte sei jedoch als gewaltbereit bekannt gewesen. Der Angeklagte habe zudem gestanden und einen Ausgleich gezahlt. Seine Sozialprognose sei günstig.

Richter Beck schließt sich den Ausführungen der Nebenklage an, es habe sich nicht um Notwehr gehandelt, sondern um Rache. In der Situation sei der Angeklagte emotional enthemmt gewesen. Der Ursprung des Streits bliebe nebulös. Es könne tatsächlich sein, dass der Angeklagte einer Frau helfen wollte, die ein Freund des Geschädigten übel behandelte. Beck verhängt 20 Monate auf Bewährung, „ich denke, wir sehen uns hier nicht wieder“.

Nebenklagevertreter Schuster erklärt für den Geschädigten, für ihn sei der Streit beendet. Bleibt für alle zu hoffen, dass dieser sich als ein Mann versteht, dessen Wort gilt. (man)

Rubriklistenbild: © dpa

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