Naturverlust ist nicht leicht abzufedern

Weil die Ausgleichsfläche für ein Neubaugebiet fehlt, zahlt Neu-Isenburg nun für Projekt in Lorsch

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Seit knapp vier Jahren wächst auf der ehemaligen Rinderwiese das Birkengewann. Die Luftaufnahme entstand im vergangenen Herbst.

Wird eine Fläche bebaut, muss der Verlust an Natur anderswo ökologisch abgefedert werden. So will es das Gesetz. Das gilt auch für das Birkengewann.

Neu-Isenburg – Auf dem 24 Hektar großen Gebiet der ehemaligen Rinderwiese, vor Jahren noch ein grüner, mit Büschen und Bäumen bewachsener Ort am Stadteingang, wächst nun seit knapp vier Jahren das Neubaugebiet heran.

Doch nicht nur die Flächen, auf denen noch gebaut werden kann, werden langsam rar in Isenburg. Fast genauso kompliziert ist es mittlerweile, Flächen für die sogenannten Ausgleichsmaßnahmen zu identifizieren. Doch nun hat die Stadt eine Lösung gefunden, wie Bürgermeister Herbert Hunkel gestern verkündet: Sie liegt im Hessischen Ried. „Da es weder in Neu-Isenburg noch in der Umgebung Ausgleichsflächen oder -maßnahmen in der erforderlichen Größenordnung gibt, hat der Magistrat nun den Beschluss gefasst, eine Renaturierungsmaßnahme im Bereich der Weschnitzinsel von Lorsch zu unterstützen“, erklärt der Rathauschef. Es handelt sich dabei um ein Naturschutz-, Vogelschutz- und FFH-Gebiet.

Um ihr Ökokonto aus dem Minus zu holen, muss die Stadt jedoch tief in die Tasche greifen. Nach dem „Biotopwertverfahren“ des Bundesnaturschutzgesetzes wurde für das Gebiet Birkengewann ein Ausgleichsdefizit von 3.082.655 Biotopwertpunkten ermittelt. Als Ausgleich für dieses Defizit galt es also nun, geeignete Flächen beziehungsweise Maßnahmen bereitzustellen. Die ins Auge gefasste Renaturierungsmaßnahme wird von der Hessischen Landgesellschaft mbH vorgenommen, die gleichzeitig anerkannte Ökoagentur des Landes Hessen ist. Für die nun gefundene Lösung wird die Stadt einen Vertrag mit der Landgesellschaft abschließen, in dem sich diese zur Umsetzung der Maßnahme verpflichtet. Bei Kosten von 40 Cent je Biotopwertpunkt – zuzüglich Mehrwertsteuer – muss die Stadt laut Hunkel insgesamt rund 1,46 Millionen Euro zahlen.

Das geht also richtig ins Geld. Und dabei, so heißt es von der Stadt, habe man ja schon darauf geachtet, dass im Birkengewann so wenig Grün wie möglich verschwindet: „Um möglichst viel Natur und Grün zu erhalten, wurden im Bebauungsplan Birkengewann rund 45 Prozent der Flächen als öffentliche Grünflächen sowie Ausgleichsflächen festgesetzt“, berichtet der Magistrat. „Damit können die gesetzlich geforderten naturschutzrechtlichen Ausgleichsmaßnahmen zum Teil auf dem Areal selbst erbracht werden.“

Mehr Ruhe für Flora und Fauna – das ist das Ziel für das Gebiet „Weschnitzinsel von Lorsch“. In einem Synergieprojekt plant das Land Hessen gemeinsam mit der Stadt Lorsch, dem Wasserverband Bergstraße und der Ökoagentur für Hessen die Renaturierung der Weschnitz im Bereich des FFH-, Naturschutz-, und Vogelschutzgebiets. Es geht auch darum, die Ziele der europäischen Wasserrahmenrichtline (WRRL) sowie der Natura 2000-Verordnung umzusetzen.

Dazu soll die jetzt in Kanälen seitlich der Weschnitzinsel verlaufende Neue und Alte Weschnitz wiedervereinigt werden und auf einer Strecke von 2,8 Kilometern durch das Naturschutzgebiet mäandern.

Die Maßnahme der Landgesellschaft betrifft eine Aufwertung der Umgebung des Projektes. Insbesondere soll die Funktion als Auenbiotop gefördert und langfristig gesichert werden. Wie Herbert Hunkel berichtet, werde diese Maßnahme „aufgrund des positiven ökologischen Beitrags“ übrigens auch von der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises Offenbach befürwortet.

„Und auch wir als Stadt sind sehr froh, dass wir jetzt eine Regelung gefunden haben, mit der sozusagen alles im grünen Bereich ist“, so Hunkel.

VON BARBARA HOVEN

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