Im traditionsreichen Fachgeschäft Anthes endet die Ära Oestreich

Ein Paradies für Zigarrenfans

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Blick auf ein Stück Stadtgeschichte: Das Zigarrenhaus Anthes gibt es seit 136 Jahren, Edith und Reiner Oestreich leiten es in vierter Generation seit Jahrzehnten. Nun wollen sie einen Schlussstrich ziehen – und sind froh, einen Nachfolger gefunden zu haben.

Neu-Isenburg - Blank polierte Pfeifen präsentieren sich stolz in der Auslage im Schaufenster, Tabakwaren und Zubehör warten fein säuberlich drapiert in den Regalen im Inneren und in dem abgetrennten Bereich hinter der Glastür ruhen die auserlesenen Zigarren, die dem Ladengeschäft ihren Namen geben: Das Zigarrenhaus Anthes ist ein Stück Stadtgeschichte und ein Garant für Tradition und Qualität. Von Sina Beck 

Nun geben Edith und Reiner Oestreich das Zepter ab. Seit 136 Jahren ist das Fachgeschäft in der Frankfurter Straße beheimatet und lebt die Devise: Klein, aber fein. Denn spezialisiert auf hochwertige Tabakwaren und Gerätschaften ist das Haus besonders für die edlen Zigarrensorten über die Grenzen Neu-Isenburgs hinaus bekannt. Ebenso wie die Besitzer, die das Einzelhandelsgeschäft in der inzwischen vierten Generation betreiben. Der Urgroßvater von Edith Oestreich, geborene Fleischmann, hatte sogar noch eine eigene Zigarrenproduktion und hat die Leidenschaft vererbt. Fachkompetenz haben beide Oestreichs, die sich deshalb „Habanos-Spezialisten“ nennen dürfen, doch besonders sie ist die Fachfrau, wenn es um Havannas und Co. geht.

Das umfangreiche Sortiment an Pfeifen ist dafür hauptsächlich sein Ressort und stolz schwärmt er von den Raritäten, die sich im Zigarrenhaus angesammelt haben. Viel Handarbeit steckt in den Designer-Sammlerstücken aus Bruyère-Holz, das ideal für Pfeifen ist, weil es einerseits saugfähiger und andererseits schwerer brennbar ist. Das hochwertige Sortiment war jedoch bei der Suche nach einem geeigneten Nachfolger auch die Krux, schließlich muss man sich diese Werte erst mal leisten können: „Wenn man so lange tätig ist und ein so breites Sortiment hat, ist es nicht leicht für andere, das Geschäft zu übernehmen“, berichtet Reiner Oestreich.

Das Ehepaar hat schließlich auch weiter hohe Ansprüche, denn nachdem sie rund 30 Jahre lang an sechs Tagen die Woche hinter der Ladentheke standen, wollen die Oestreichs ihr Fachgeschäft und ihre Stammkundschaft in guten Händen wissen. Die fünfte Generation stand dafür nicht zur Verfügung, so hoffen sie, mit dem ältesten Zigarrenhaus Deutschlands eine gute Wahl getroffen zu haben. Die Tradition von Dürninger geht bis auf das Jahr 1747 zurück. Ins Gespräch kamen die Oestreichs mit dem Unternehmen schon vor zwei Jahren, haben aber nichts überstürzt. Ende September ist nun der Zeitpunkt für den Wechsel gekommen.

„Es war eine Entscheidung des Verstands – bevor wir hier rausgetragen werden müssen“, lacht Reiner Ostreich. Leicht fällt ihnen der Abschied nicht, aber mit 71 und 67 Jahren hat das Paar längst das Rentenalter erreicht und will der Dauerbelastung nun den Rücken kehren. Den bisherigen, permanenten Herausforderungen der Branche haben sie sich immer gestellt und es geschafft, sich durch die Spezialisierung stabil aufzustellen. „Aber jetzt wollen wir in unserem Alter keine neuen Aufgaben wie den Online-Handel bewältigen müssen.“

Bilder zum Weinfest auf dem Rosenauplatz

Für die Oestreichs wird es ein Einschnitt in ihre Leben, nicht mehr nahezu täglich in ihrem „Zigarrenhaus“ zu sein. Aber Ideen, die neu gewonnene Freizeit zu nutzen, haben sie schon reichlich: Musik machen, ein bisschen verreisen, fotografieren und natürlich mit der Familie zusammen sein. „Wir haben drei Enkelkinder, die unsere Zeit gerne verplanen. Jetzt können wir die Dinge machen, die wir bislang lassen mussten“, schwingt trotz der schmerzlichen Trennung vom Familienunternehmen auch Vorfreude mit – und die sei ihnen nach 30 Jahren gegönnt.

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