Neu-Isenburg

Wechsel von CDU zu Grünen: Geburt der Enkel hat den Fokus verändert

Oliver Gröll hat seinen Wechsel von der CDU zu den Grünen bekannt gegeben. Aber er möchte sich weiterhin in der Kommunalpolitik engagieren.
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Oliver Gröll hat seinen Wechsel von der CDU zu den Grünen bekannt gegeben. Aber er möchte sich weiterhin in der Kommunalpolitik engagieren.

Der ehemalige Stadtverordnete Oliver Gröll im Interview zu seinen Beweggründen, sich künftig für die Grünen zu engagieren.

Neu-Isenburg – Viele bedauern das Ausscheiden von Oliver Gröll aus der Stadtverordnetenversammlung. Das bisherige CDU-Mitglied wechselt, wie berichtet, zu den Grünen und hat alle seine Ämter niedergelegt. Im Interview spricht der 54-Jährige, der sich seit vielen Jahren kommunalpolitisch engagiert, über die Gründe für diesen Schritt und seine Pläne.

Herr Gröll, wie lange haben Sie sich mit dem Gedanken getragen, die CDU zu verlassen und sich den Grünen anzuschließen?

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Der endgültige Entschluss, mich bei den Grünen zu engagieren, kam in den letzten Wochen. Die Entwicklung dazu ist ein Prozess, der sich im Laufe meiner politischen Kommunalarbeit vollzogen hat. Ich habe mich in der Zeit natürlich auch immer hinterfragt und überlegt, ob die getroffenen oder noch zu treffenden Entscheidungen mit meinen Überzeugungen übereinstimmen. Und über die Jahre gesehen, war es ja auch für mich richtig. Die Frage danach wurde im Verfahren der RTW-Diskussionen aber intensiver. Trotz aller kontroversen Diskussionen zu dem Thema war aber ein Wechsel für mich nicht erkennbar. Vielleicht haben die Bilder und Diskussionen der letzten Wochen noch einen Einfluss genommen. Als in den Nachrichten, noch kurz vor der Corona-Pandemie, die Bilder der Flüchtlinge in Italien und Griechenland gezeigt wurden und im Bund die Möglichkeit diskutiert wurde, Flüchtlingskinder aufzunehmen oder besser nicht. Bei diesen Diskussionen hatte ich den Eindruck, dass eine konservative Richtung der CDU zu spüren ist und ich mir nicht sicher war, ob das auch meine politische Entwicklung ist. Unabhängig davon ist es für mich aber unablässig, dass in mir die Meinung gereift ist, dass die Grünen für viele essenzielle Fragen der Gesellschaft die besseren Antworten haben und eine nachhaltige Politik betreiben.

Was waren die wichtigsten Gründe für den Wechsel?

Die Frage ist: Können wir mit unserer Klima-, Umwelt- und Sozialpolitik so weitermachen wie bisher? Wenn wir die Frage auf unsere Generation beschränken, dann vielleicht ja. Nehmen wir die nächste Generation dazu, dann vielleicht auch noch ein ja. Doch schaue ich mir die Generation meiner Enkelkinder und deren Nachkommen an, dann muss ich ein absolutes Nein feststellen. Da spielt es auch keine Frage, ob ich mich mit Bundes-, Landes- oder Kommunalpolitik beschäftige. Am Schluss bleiben alle Entscheidungen an den Menschen von heute und morgen hängen. Mein Fokus hat sich mit der Geburt meiner Enkelkinder verändert. Ich sehe heute Dinge unter einem anderen Blickwinkel. Wenn ich zurückdenke an die Zeit meiner Kindheit in Neu-Isenburg, dann sehe ich mich mit Freunden auf der Straße spielen oder in den Anlagen rund um unsere Häuser. Heute könnte mein Enkel nicht mehr auf der Straße spielen. Lärm, den wir wahrgenommen haben, kam von uns selbst, beim Spielen. Heute wird das von Flugzeuglärm oder bei ungünstiger Windrichtung von den Autobahnen übertönt. Dazu kommt noch ein stetig ansteigender Verkehrslärm. 1985 wohnte ich in der Wilhelm-Leuschner-Straße, dort und im Umfeld reichte ein Parkstreifen, der nicht voll besetzt wurde. Heute ist der Parkraum voll und überfüllt. Es ist mir schon bewusst, dass vieles von dem, was ich aufführe, der heutigen Zeit und unserem Wohlstand geschuldet ist – das ist auch gut. Es soll niemand denken, ich würde mir diese Zeit zurückwünschen. Ich würde mir aber wünschen, dass wir es schaffen, unseren Wohlstand zu erhalten und trotzdem Lärm- und Verkehrsstress zu reduzieren. Dem Menschen einfach wieder mehr Platz in seiner eigenen Welt zu verschaffen. Mit dem Wechsel zu den Grünen hoffe ich, an einigen dieser Vorstellungen arbeiten zu können. Wenn es uns gelingt, immer ein wenig mehr mit der Unterstützung vieler Menschen zu erreichen, dann wird auch am Ende vieles daraus werden und der Blick auf die Zukunft unserer Enkelkinder deutlich besser.

Bedauern Sie es, das Stadtparlament verlassen zu müssen?

Ja. Fast 15 Jahre politische Arbeit in diesem Gremium gehen nicht spurlos an einem vorüber. In dieser Zeit haben wir viele Diskussionen und Entscheidungen für Neu-Isenburg getroffen. Man hat eng zusammengearbeitet und bei allen Kontroversen hat man sich doch auch gut verstanden. Ich glaube, dass ich zu Vielen ein sehr freundschaftliches Verhältnis habe, das natürlich auch parteiübergreifend. Auch die Arbeit mit der Verwaltung ist über die Jahre gewachsen. Das alles und vor allem auch die Menschen werden mir sehr fehlen. Ich kann sagen, dass ich gerne ins Rathaus gehe.

Wollen Sie sich weiter einbringen und nächstes Jahr für die Grünen kandidieren?

Gerne möchte ich mich politisch wieder engagieren. Die Themen des Stadtumbaus, die Verkehrsplanungen sowie gerade auch Bau und sozialer Bau sind meine Themen. Dann stehen noch Entscheidungen aus für die Hugenottenhalle, kulturpolitisch weichenstellend. Und dann, wie wird sich Neu-Isenburg in der Metropolregion mit der Grenze zu Frankfurt in Zukunft aufstellen. Das alles sind Themen, an denen ich mitarbeiten möchte. Man muss aber auch sagen, dass ich bei den Grünen wieder ganz am Anfang stehe. Ich kann zwar jetzt auf eine fast 15-jährige kommunalpolitische Arbeit zurückblicken, aber bei der Mehrheit der Grünen bin ich ein unbeschriebenes Blatt. Ich versuche, mich einzubringen, und hoffe darauf, dass ich die Chance bekomme, für die Grünen zu kandidieren.

Was wünschen Sie sich für Ihr zukünftiges Verhältnis mit Ihren ehemaligen Parteifreunden?

Für mich steht weniger das Wort Partei im Vordergrund, als eher das Wort Freunde. Ich hoffe, dass mir der Abschied von der CDU so gelungen ist, dass die Wunde, die vielleicht entstanden ist, so schmal ist, dass sie ohne Probleme geschlossen wird. Ich wünsche mir – und das habe ich mehrmals zum Ausdruck gebracht – dass wir wie vorher zusammenstehen, diskutieren und gemeinsam lachen können, einfach eine gute Zeit zusammen haben, gleich welcher Richtung.

Was sollte Ihrer Ansicht nach in der Neu-Isenburger Kommunalpolitik eine größere Rolle spielen?

Ich denke, dass schon eine Politik für die Bürger stattfindet. Oftmals fehlt es vielleicht an der Transparenz, wie Entscheidungen zustande kommen. Ich würde mir eine noch bessere Bürgernähe im Prozess der Entscheidung wünschen. Ich denke, es sollte unsere Aufgabe sein, näher an die Bürger zu kommen, Interesse zu wecken. Ich habe in Foren immer wieder gelesen: „Die machen doch nur ihr Ding, was wir wollen, ist nicht gefragt“. Ich glaube, dass ein Großteil der Kommentare daher rührt, dass es uns nicht gelingt, die Menschen für die Themen zu interessieren. Das sieht man auf den Bürgerveranstaltungen, die häufig nur mäßig besucht sind. Meiner Meinung nach müssen wir uns überlegen und stärker engagieren, wie wir zukünftig die Menschen besser interessieren können.

Das Interview führte Barbara Hoven

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