Nach 30 Jahren

Neu-Isenburg wird um eine Rarität ärmer – Linkshänder-Laden schließt

Was ein Rechtshänder wie selbstverständlich benutzt, bereitet einem Linkshänder Probleme. Mit ihrem Linkshänderladen hat sich Erika Link auf diese besonderen Bedürfnisse eingestellt – zum Beispiel mit einem speziellen Portemonnaie. 
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Was ein Rechtshänder wie selbstverständlich benutzt, bereitet einem Linkshänder Probleme. Mit ihrem Linkshänderladen hat sich Erika Link auf diese besonderen Bedürfnisse eingestellt – zum Beispiel mit einem speziellen Portemonnaie. 

Ende des Jahres wird Neu-Isenburg um eine Rarität ärmer: Erika Link schließt ihren Linkshänder-Laden.

  • Der Spezialladen „Der Linkshänder“ in Neu-Isenburg schließt
  • Inhaberin Erika Link führte den Laden 30 Jahre lang
  • Es wird immer schwieriger, Produkte für Linkshänder zu bekommen

Neu-Isenburg – „Wenn es präzise werden muss“, antwortet Erika Link auf die Frage, wann es für einen Linkshänder wichtig ist, das richtige „Werkzeug“ in der – linken – Hand zu halten. Und die 69-jährige Isenburgerin muss es wissen: Vor rund 30 Jahren eröffnete sie den „Linkshänder“-Laden in der Hugenottenstadt – unten, im heimischen Keller.

„Meine Tochter Sabine hat schon mit einem halben Jahr den Breilöffel in der linken Hand gehalten“, erinnert sie sich. Im Unterschied zu älteren Generationen, die ihre Kinder zu Rechtshändern umerzogen, konnte sich ihre Tochter frei entfalten – mit links. 

Erika Link, ebenso wie ihr Mann Manfred und der mittlerweile im kanadischen Vancouver lebende Sohn Steffen Rechtshänder, blickt zurück: „Als meine Tochter am zweiten Tag von der Schule kam, griff sie spontan mit der rechten Hand nach einem Stift. Da habe ich gedacht: Moment mal, da stimmt doch was nicht – und bin in die Schule zu ihrer Klassenlehrerin.“ Schnell war das Missverständnis aufgeklärt: Die Lehrerin schrieb mit der rechten Hand an die Tafel – und die Kinder machten das automatisch nach. „Nach einem kurzen Gespräch war die Sache geklärt – plötzlich waren vier Linkshänder in dieser Klasse“, schmunzelt Erika Link.

Neu-Isenburg: Laden für Linkshänder schließt

Fortan lernte ihre Tochter das Schreiben mit der linken Hand – mit all seinen Schwierigkeiten, wie das Verwischen des gerade Geschriebenen. „Ihre Deutschlehrerin schrieb in der dritten und vierten Klasse immer unter ihre Arbeiten: Du musst schöner schreiben“, erinnert sich die gelernte Bürokauffrau.

Als ihre Tochter dann eine Bastelschere benötigte, fanden die Eltern keine passende. „In den Läden gab es keine Scheren für Linkshänder“, erzählt Link; auch spezielle Lineale oder Spitzer suchte man vergebens. Es habe zwar Firmen gegeben, die so etwas herstellten, doch dort sagte man ihr: „Wenn Sie ein Händler wären, dürften wir Ihnen das verkaufen.“

Also gründete Erika Link Ende der 80er-Jahre den „Linkshänder“, das erste Spezialgeschäft für Linkshänder in Hessen. Ihr Mann Manfred, der sich als Ingenieur frühzeitig mit der Programmierung von PC-Software beschäftigt hatte, entwarf ihr eine eigene Homepage – und schon konnte es losgehen. „Zu Beginn hatte ich richtig gut zu tun“, sagt Erika Link. Zweimal pro Woche öffnete sie für jeweils drei Stunden die heimische Kellertür. „Oder ein Interessent hat telefonisch einen Termin vereinbart.“

Neu-Isenburg: Laden für Linkshänder hat umfangreiches Sortiment

Familie Link war ein echter Vorreiter in Sachen Onlinehandel – bereits in dieser Zeit kamen pro Woche 20 bis 30 Bestellungen per Mail. Zuvor hatte Erika Link in mühseliger Kleinarbeit die Kontakte zu den verschiedenen Herstellern geknüpft. „Ich habe zu Beginn sehr viel telefoniert“, sagt sie.

Verkaufsschlager in all den Jahren waren Scheren aller Art. Eine Präzisionsschere zum Schneiden von Stoffen für stolze 80 Euro etwa wurde in Brasilien hergestellt. „Mittlerweile ist die Herstellung vieler Produkte für Linkshänder aber wieder eingestellt worden“, erzählt Link. Für die Firmen bedeutete die Umstellung der Maschinen auf Linkshänderprodukte einen enormen Aufwand, der sich nicht mehr rentiert. „Zumal es Scheren für Linkshänder heute auch in allen gut sortierten Geschäften gibt. Wichtig ist vor allem die Bastelschere“, meint Link, deren umfangreiches Sortiment allerlei nützliches für Linkshänder aufweist: Dosenöffner, Besteck, Füller und auch Brieftaschen, bei denen das Fach für das Kleingeld auf der linken Seite sitzt.

Oftmals fällt es Linkshändern allerdings gar nicht auf, dass sie die „falschen“ Erzeugnisse benutzen: „Es kommt immer darauf an, wie die Leute zurechtkommen. Viele arrangieren sich mit Werkzeugen und Bestecken für Rechtshänder. Viele bemerken die Unterschiede gar nicht, weil sie es anders gewohnt sind“, sagt Link, die mittlerweile sehr schnell erkennt, wenn sie einen Linkshänder vor sich hat. „Es sind die kleinen, unbewussten Griffe“, verrät sie.

Neu-Isenburg: Linkshändertag war ein jährlicher Höhepunkt

Ein jährlicher Höhepunkt war immer der Linkshändertag am 13. August, den Erika Link zu einem Tag der offenen Tür nutzte. Ihr Mann stellte zwei Gartengarnituren auf und Links- und Rechtshänder verbrachten einige gemütliche Stunden im Link‘schen Garten. „Einmal schauten an diesem Tag zwei Radiosender, ein TV-Sender und fünf Zeitungen bei uns vorbei“, berichtet sie vom großen medialen Interesse, das ihr Geschäft genoss.

Weil es immer schwieriger wird, Linkshänderprodukte zu bekommen, sowie aus Altersgründen führt Erika Link ihren Laden nur noch bis Ende dieses Jahres weiter. „Ich lasse das langsam auslaufen, es kostet ja nichts, die Sachen hier im Keller zu lagern.“ Am Jahresende will sie die Preise heruntersetzen, um die verbliebenen Artikel an den Linkshänder zu bringen.

Eine kleine Kiste mit Scheren und Utensilien für Linkshänder hat sie aber bereits bei Seite gestellt. Ihre Tochter Sabine ist seit knapp drei Jahren stolze Mutter von Zwillingen. Und einer der beiden Jungs benutzt – wie die Mama – bevorzugt die linke Hand.

Von Patrick Leonhardt 

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