Dr. Frank Freytag über sein Hilfsprojekt in Brasilien und die Liebe zur Fotografie

Neu-Isenburger Arzt hilft Jugendlichen in Brasilien

Frank Freytag zusammen mit Jugendlichen. Das Foto entstand in seinen Anfangstagen in Brasilien.
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Frank Freytag zusammen mit Jugendlichen. Das Foto entstand in seinen Anfangstagen in Brasilien.

Im Jahr 2005 begann der Neu-Isenburger Arzt Dr. Frank Freytag mit seinem Engagement in Brasilien. Was per Zufall als medizinische Hilfe des Lungenarztes startete, führte zum Aufbau einer Capoeira-Schule. „Capodanca“ nennt sich das erfolgreiche Hilfsprojekt. Eine besondere Bedeutung spielt bei ihm auch die Fotografie.

Neu-Isenburg - Denn Freytag arbeitet nicht nur als Arzt, sondern auch als Fotograf. Der Neu-Isenburger Pneumologe hätte wahrscheinlich auch in dem Metier sein Auskommen gefunden. Freytag beherrscht die Kunst, Menschen zwar in Alltagssituationen aufzunehmen, die Bilder wirken aber wie Kompositionen. So wie etwa das Foto des kleinen Jungen, der mit einem gefüllten blauen Sack auf dem Rücken vor einer Wolkenkulisse über eine Müllhalde läuft.

Die Methodik seiner Arbeit lässt sich mit den Abläufen von Capoeira vergleichen. Afrikaner hatten die Kampfkunst in der brasilianischen Sklaverei entwickelt, um sich gegen ihre Peiniger wehren zu können. Vor den Plantagenbesitzern tarnten sie ihr Training als rhythmisierte Abläufe, woraus sich der Capoeira-Tanz entwickelte. „Es kommt darauf an, die Bewegungen des Gegenübers aufzunehmen“, erklärt Freytag das Prinzip, das er auf sein Fotografieren übertrage.

Der 59-Jährige erzählt die Entstehungsgeschichte des Porträts eines Mannes, von dem sich vermuten lässt, dass er jünger sein könnte, als die tiefen Furchen in der Haut vermuten lassen. Freytag erzählt, wie er sein Modell in dessen Hütte ohne gemeinsame Sprache, ohne ihn zu berühren ins passende Licht stellte. Vor jedem Bild steht der Aufbau einer Beziehung, „ich fotografiere nur Leute, die das wirklich wollen“.

Freytag zog es vor 16 Jahren nach Poco Branco, eine im Nordosten Brasiliens gelegene Gemeinde am Rand der Metropolregion um die Hafenstadt Natal. Freytags damalige Frau stammt von dort.

Während des Besuchs einer Schule erlebte der Neu-Isenburger den Unterschied zwischen draußen und drinnen. Von draußen schauten die Kinder der Armen durch die Fenster, wie der deutsche Lungenarzt mit dem Stethoskop ihre Altersgenossen drinnen abhörte; Kinder, die statt Lesen und Dividieren zu lernen, im Schlachthof barfuß in den Innereien von Schweinen und Rindern standen. Freytag fotografierte die Wunden eines Buben unter dessen Zehen. Die Fliegen hatten ihre Eier darin abgelegt. Es drohte eine Sepsis, „mit den fünf Euro fürs Antibiotikum ließ sich sein Leben retten“.

Freytag sah, wie sich die Kinder auf der Straße im Capoeira-Tanz übten. Daraus entstand letztlich die besondere Sportschule, deren Aufbau der Arzt zu Beginn noch alleine finanzierte, ehe er einen Sponsor wie etwa die „Hahn Air Foundation“ aus Essen gewinnen konnte. Die Stiftung unterstützt weltweit Aktivitäten, die obdachlosen Straßenkindern helfen.

Capoeira-Lehrer, Jugendliche und andere freiwillige Helfer bauten für das Projekt mit dem Titel „Capodanca“ mittlerweile zwei Vereinsheime: eins in Poco Branco, das andere im Nachbarort. Freytag erzählt, dass sich an den Häusern nicht die geringsten Spuren von Vandalismus erkennen ließen, noch nicht mal irgendein Graffiti, „die Jugendlichen empfinden das als ,unser Haus’“. Was der Isenburger außerdem positiv wertet: „Auch Kinder aus privilegierten Verhältnissen trainieren hier.“

Zwischenzeitlich habe sich die soziale Situation seit 2005 in dem Landstrich verbessert, „mittlerweile kommen Straßenkinder in Pflegefamilien unter und gehen auch zur Schule“. Arme Eltern bekommen Geld, wenn die Kinder zur Schule gehen statt zur Arbeit.

Dass Minderjährige in die Prostitution getrieben oder als Drogenkuriere missbraucht werden, „das spielt sich im Verborgenen ab“. Im Internet dringt das Grauen zuweilen an die Oberfläche. Freytag berichtet, wie Drogenhändler Kinder töten, die sie angeblich beklaut haben, „die Bilder der Ermordeten veröffentlichen sie im Netz“.

In den Gebäuden von Capodanca trainieren zur Zeit an die 50 Mitglieder. Wegen Corona konnte Freytag allerdings seit über einem Jahr nicht mehr nach Brasilien fliegen. Der Lungenarzt weiß aber von etlichen Bekannten, die Covid-19 in der Zwischenzeit zum Opfer fielen, darunter auch solche, die keine Vorerkrankungen hatten.

Mit der Kontonummer in der Zeitung will Frank Freytag nicht für sein Projekt Capodanca werben, „wer spenden will, der findet schon den Weg“.

Von Stefan Mangold

Eine Kindheit, die so niemand verbringen will. Der Junge sammelt recycelbaren Müll. Das Foto stammt von Frank Freytag.

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