Schlechte-Laune-Strudel

Psychologin gibt Tipps zum Umgang mit dem Lockdown

Diplom-Psychologin Ulrike Spiecker bekommt mehr Anfragen von Leuten, die wissen wollen, wie sie mit den Folgen des Lockdowns zurecht kommen sollen.
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Diplom-Psychologin Ulrike Spiecker bekommt mehr Anfragen von Leuten, die wissen wollen, wie sie mit den Folgen des Lockdowns zurecht kommen sollen.

Ulrike Spiecker ist seit neun Jahren niedergelassene Psychotherapeutin in Neu-Isenburg. Im Interview spricht sie über die Pandemie und die Folgen für die emotionale Gesundheit der Menschen.

Neu-Isenburg - Und sie gibt Tipps gegen den Lockdown-Frust. Wichtig ist ihrer Ansicht nach die Beibehaltung einer festen Tagesstruktur.

Wie hat sich Ihre Arbeit als Psychologin während der Pandemie verändert?

Ich habe deutlich mehr Anfragen, Menschen, die Unterstützung suchen. Zudem haben sich auch die Themen geändert, mit denen die Menschen zu mir kommen. Die klassischen Themen sind Trennung, Konflikte am Arbeitsplatz, der Umgang mit einer schweren Erkrankung oder der Verlust des Partners. Jetzt steht oft die Frage im Mittelpunkt: Wie komme ich mit den Folgen der Corona-Krise zurecht? Wenn eine Frau alleinerziehend ist, zwei Kinder im Homeschooling betreut und selbst im Homeoffice arbeitet, ist das belastend für alle Beteiligten.

Spüren Sie eine größere Nachfrage?

Ja, deutlich. Es rufen mehr Menschen an. Ich kann nicht jedem einen Termin geben, da meine zeitliche Kapazität begrenzt ist.

Welche Auswirkungen hat der zweite Lockdown, mit dem die Menschen jetzt schon seit Anfang November, seit 14 Wochen, umgehen müssen? Was sind die Fragen und Ängste, mit denen die Menschen sich an Sie wenden? Was macht den Menschen besonders zu schaffen?

Die Menschen kommen unter anderem mit ihren großen wirtschaftlichen Sorgen. Sie fürchten den Verlust ihres Arbeitsplatzes, weil sie erleben, dass das Unternehmen, bei dem sie angestellt sind, erhebliche Umsatzeinbußen hat und sie sich fragen, wie die Firma die Krise überleben kann. Andere leiden unter den Folgen der monatelangen Kurzarbeit und der finanziellen Einschränkung. Ein großes Problem ist die mangelnde Perspektive. Es gibt eine große Unsicherheit und auch Ängste – einfach die Frage: Wie geht es weiter? Die Belastung der Verbindung von Homeschooling und Homeoffice verursacht ein hohes Stresslevel. Bei vielen kommt die soziale Vereinsamung hinzu, besonders betroffen sind Menschen, die alleine leben, im Homeoffice arbeiten und kaum noch Kontakte haben. Lebensmittel einkaufen und spazieren gehen ist das Einzige, was man noch tun kann. Sie leiden unter dem Verlust der sozialen Kontakte und freuen sich dann, dass sie zu mir kommen können, um mit mir über ihre Probleme zu sprechen, die ihnen die aktuelle Situation bereitet.

Was raten Sie den Menschen?

Ich spreche mit ihnen, wir suchen gemeinsam nach Lösungen. Wir überlegen gemeinsam, welche Möglichkeiten man hat, sich zu entlasten. Für eine andere Frau habe ich eine Mutter-Kind-Kur beantragt. Diese Auszeit ermöglicht der Frau hoffentlich, ihre Reserven wieder aufzuladen und auch mit den Kindern gemeinsame Zeit zu verbringen.

Was brauchen wir denn für Fähigkeiten, um so eine emotionale Ausnahmesituation zu bewältigen?

Ein wichtiger Punkt ist, zu versuchen, eine Tagesstruktur beizubehalten. Im Homeoffice zu arbeiten bedeutet ja meist, dass man nicht um sieben Uhr aufstehen muss, und um acht auf der Autobahn ist. Aber es ist nicht gut, erst um zehn in die Gänge zu kommen, auch wenn man gleitende Arbeitszeiten hat. Ich lasse mir das von den Patienten berichten, wie sie ihren Tag gestalten, wann sie aufstehen, wann frühstücken sie, wann beginnen sie zu arbeiten? Ein regelmäßiger Tagesablauf und eine Struktur ist wichtig – gerade, weil der Lockdown jetzt schon so lange andauert. Ich rate auch immer, die technischen Möglichkeiten zu nutzen, Kontakte zu pflegen. Natürlich ist ein gemeinsamer Kaffee am Küchentisch schöner, aber wenn das nicht geht, kann man auch mal über Zoom gemeinsamen Kaffee trinken. Das schafft Nähe und bietet die Gelegenheit mal zu fragen: Wie geht es Dir? Oder auch mal zusammen spazieren gehen, das ist zu zweit ja immer noch möglich.

Wie geht es Kindern und Jugendlichen? Mit diesem besonderen Blick auf die Kinder und Jugendlichen: Wie können Eltern unterstützen?

Das Belastungsniveau der Kinder und Jugendlichen ist deutlich gestiegen. Dies wurde in der gerade veröffentlichten Studie der Uniklinik Hamburg (UKE) zur Belastungssituation von Kindern und Jugendlichen deutlich. Ich bin seit neun Jahren niedergelassen, aber ich kann mich nicht daran erinnern, jemals schon so viele Anrufe von Eltern bekommen zu haben. Und die Kinder haben Probleme, zum Teil sogar schwerwiegende. Ich überlege gemeinsam mit den Eltern, wie sie ihre Kinder unterstützen können. Wichtig ist – bei aller Belastung – mit ihren Kindern im Gespräch zu bleiben und auch Treffen mit anderen Kindern zu ermöglichen – zu zweit geht das ja immer noch und ist wichtig zum Ausgleich. In manchen Fällen kann es sinnvoll sein, mit einem Termin bei einem Kinder- und Jugendlichen-Therapeuten Unterstützung zu suchen.

Auch Menschen, die normalerweise positiv und optimistisch sind, sind aufgrund der aktuellen Situation oftmals frustriert. Haben Sie Tipps, wie sie in der Pandemie nicht die Zuversicht verlieren und sich in einem Schlechte-Laune-Strudel den Tag vermiesen?

Es ist wichtig, nicht auf heute zu schauen – sondern zu versuchen, positive Punkte in der Zukunft zu sehen und zu versuchen, sich an kleinen Dinge zu freuen und auf das Positive zu fokussieren. Und es gibt ja Hoffnung: Die Tage werden wieder länger und die Einschränkungen durch den Lockdown werden reduziert. Positiv finde ich, dass am heutigen Montag die Schulen für die Klassen eins bis sechs wieder im Wechselbetrieb öffnen. (Nicole Jost)

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